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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. lg 
J e a n n e : Ihre Hoheit sind doch noch viel zu jung, 
um in Zweifel zu kommen. 
Herzogin: Du hast eigentlich recht, Jeanne. — Du, 
sag mal, du bist doch auch eine Frau und hübsch, hm, du 
kennst die Männer sicher besser als ich. Kann ich einen 
Mann nicht noch reizen, toll machen? 
Jeanne (lacht): Da muß ich lachen, Hoheit. Du 
lieber Gott, es sind mehr Männer in Ihre Hoheit ver 
liebt, als Sie ahnen! 
Herzogin: Wirklich, Wirklich? — — Ach, was 
nutzt mir das. — — Ich habe nur einen Mann, ich 
kenne nur einen Mann, ich habe nie etwas anderes er 
lebt, als diesen einen Mann, seit ich aufhörte Back 
fisch zu sein sag mal, Jeanne, du hast einen Ge 
liebten — wie lange ist er dir schon treu? Weißt du 
ganz bestimmt, daß er dir treu ist. Und woher weißt du 
das? Sprich ganz frei und offen. 
Jeanne (etwas verschämt): Ich habe jetzt einen 
Neuen. 
Herzogin: Wirklich? Erzähle, es interessiert mich, 
nun? 
Jeanne: Ach Hoheit, diesen Mann, wenn der mich 
nähme, den würde ich schon gerne heiraten, dem würde 
ich unbedingt treu sein, er ist mein Ideal — wie ein 
Wunder kam mir das vor — es kam auch so plötzlich. — 
He r z o g i n : Seit wann kennst du ihn? Ich dachte 
einer von den Bereitern wäre schon seit langem dein 
Schatz und wollte dich heiraten? 
Jeanne: Hoheit, ja, das ist wahr. Aber — das kam 
ohne mein Wollen — ich war ihm eines Tages ver 
fallen — er hat mich auch so ohne weiteres genommen, 
daß ich gar nicht wußte, wie mir geschah. Aber ich 
glaube trotzdem, ich habe ihn nicht geliebt — nein —- 
sicher, ich liebe ihn nicht — nein, aber ich dachte, er 
ist ein netter Mensch, hübsch, so stark und immer 
freundlich und für alle Fälle habe ich einen — und so 
habe ich dann gewartet, eigentlich doch immer gewartet 
auf einen, der mir alles sein würde. 
Herzogin: Um am Ende den Ersten doch zu 
heiraten wie es gewöhnlich geht. Da ist also der Neue 
— aber höre, Franz der Reitknecht sieht doch glänzend 
aus, wirklich ein ganzer Mann, jung und kühn. 
Jeanne: Ja, Hoheit, gewiß nicht schlecht — und 
doch, ich sehne mich oft sehr und weiß gar nicht, was 
ich will. 
Herzogin: Das geht vielleicht mancher Frau so. 
Jeanne: Ach, ich liebe so „etwas Höheres“, Hoheit, 
wenn man seine Tage in solcher hohen Umgebung 
verbringt, sehnt man sich, gerade wenn man die Liebe 
schon einmal kennt, nach Höherem. Ich habe Lust nach 
einem gebildeten Mann, nach Bildung — aber natürlich 
schön muß er auch sein. 
Herzogin: Und das ist also der Neue? 
J e a n n e : Ja, Hoheit das ist ein vornehmer Mann. — 
Diese gebildeten Herren sind so ganz anders in der 
Liebe — ich weiß nicht, aber sie verstehen es, sie 
machen einem ganz verrückt und das ist zu schön, so 
einmal ganz verrückt, toll zu sein. 
Herzogin: Wahrhaftig, Jeanne? Ja, das weiß ich 
nicht, aber ich fühle es, daß du recht hast — ach, ich 
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möchte wohl auch einmal so ganz toll sein — ich könnte 
rasend werden, das spüre ich. 
Jeanne: Deshalb sind Hoheit auch so — wie soll ich 
sagen, oft nicht glücklich. 
Herzogin: Ich wollte, ich wäre einmal du, Jeanne, 
freue dich, sei glücklich wenn du es haben kannst — 
du darfst gleich gehen — nicht wahr? (Schaut sie 
lächelnd an, zieht sich weiter aus.) 
Jeanne (lächelnd errötend): 
Herzogin: Er wartet? 
Jeanne: Ihre Hoheit sind gütig, dann brauchen 
mich Hoheit wohl nicht mehr? 
Herzogin: Nein, liebe Jeanne, du kannst gehen — 
gute Nacht, Jeanne. 
Jeanne: Gute Nacht, Ihre Hoheit! (Jeanne ab. Die 
Herzogin schließt die Tür ab. Da ruft eine Stimme: 
„Ivonne! Ivonne!“ Die Herzogin horcht auf.) 
Herzogin: Wer ist da? 
Der Unbekannte (kommt hinter den Gardinen 
der Balkontür hervor, schaut die Herzogin groß an): Er 
schrecken Sie nicht Ivonne. 
Herzogin (ist gebannt): 
Der Unbekannte: Seien Sie ruhig, geliebteste 
Ivonne, Sie sind reizend. 
Herzogin: Wer sind Sie, Unverschämter, ver 
lassen Sie sofort das Zimmer. 
Der Unbekannte: Es ist unmöglich, retten Sie 
— bei der Ehre meines — ein Geheimnis. 
Herzogin: Ich sah Sie unten beim Ball, aber ich 
weiß nicht Ihren Namen — wie wagen Sie es? 
Der Unbekannte (stürzt zu ihren Füßen 
nieder): Ich flehe Sie an, süße einzige Frau, Sie werden 
betrogen. Es ist traurig, einer solchen Frau das sagen zu 
müssen, aber mir ist es doch süß, zugleich gibt es mir 
einen Lichtblick. Ich mußte Ihnen das sagen: seit Jahren 
bete ich Sie an, Ivonne — rächen Sie sich 
Ivonne! Ihr Mann, der Herzog, hintergeht 
S i e schon seit geraumer Zeit; ich weiß, daß Sie es 
ahnen, endlich ist es Ihnen aufgefallen, daß er doch 
eigentlich wenig Zeit hat für eine Frau wie Sie. 
Herzogin: Ist das wahr? Mein Mann — betrügt 
mich — und woher wissen Sie das? 
Der Unbekannte: Ich habe es mit eigenen 
Augen gesehen — er saß in dem kleinen Salon — er 
glaubte unbeobachtet zu sein und hielt eine Frau im 
Arm — ich beschwöre Sie, ich sage Ihnen die Wahrheit. 
Herzogin (schon etwas umgestimmt): So ist es 
wahr, o pfui! (fängt an zu schluchzen, schaut auf). Aber 
wie kommen Sie dazu — jetzt. 
Der Unbekannte: Mein Herz kennt Sie schon 
seit langem, es ist mit Ihnen vertraut. Sie sind mir 
heilig, schönste Ivonne. 
Herzogin: Er ist mir untreu — aber, o Gott 
wenn jemand käme. 
Der Unbekannte; Sie haben die Tür selbst ab 
geschlossen — und dann — mein Freund wird die 
Zofe sicherlich gut unterhalten, nach 
allem, was ich gehört, kann ich wohlberechtigten Ein 
druck davon haben.
        
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