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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßtg. 27 
Nr. 19 
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FLITTERGOLD 
Eine moderne Salonsfudie von Doris Wittner 
lektrische Lichter flammen auf, tausend 
fältig sich brechend in geschliffenem 
Kristall. Geschäftige Diener und 
emsige Mägde huschen einher, kost 
bare Fenstervorhänge zu schließen, 
letzte Hand anzulegen an das prun 
kende Silber und die blühenden 
Blumen des Tafelschmucks. Ein zarter 
Veilchenhauch weht durch die stimmungsvoll getönten 
Räume, wie der liebliche Vorbote all der duftenden 
Frauenschöne, die heute Abend in den weiten Ge 
mächern erblühen soll. Und wie Erwartung lauert es in 
den lauschigen Ecken; den verschwiegenen Nischen 
des eleganten Salons. Erwartung des Lebens, Erwartung 
des Rausches, Erwartung jauchzender Daseinsfreude 
grüßt hernieder von Decken und Wänden. 
In fließendem Crepe de Chine-Gewande, glühende 
Rosen im Haar und an der Brust, gleitet die graziöse 
Hausfrau auf und nieder, mit unruhigem Blick das 
festlich bereitete Heim prüfend zu messen. Der Haus 
herr in tadellosem full dress, nervös und ermattet, weiß 
nicht recht, wo er sich lassen soll, ohne an die heilige 
Ordnung der Dinge zu rühren. Mit bewunderndem 
Auge streift er die schöne Erscheinung der Gattin. Dann 
wieder irrt sein Blick traurig versonnen durch die 
feierlich strahlenden Räume: So traulich alles, voll 
lockender Heimlichkeit, wie geschaffen zu kosendem 
•Glück und seligem Behagen. Und doch alles hohl, 
scheinheilig, nichts als grinsende Fratze! — 
„Also, George, du bist dir deiner Pflichten als liebens 
würdiger Wirt bewußt und wirst deine Tischdame ge 
wissenhaft und intensiv unterhalten?“ 
„Damit du mit ihrem Gatten umso intensiver flirten 
kannst, Ellen; — wohlverstanden! Die programmäßige 
Entwicklung!“ 
Um des Mannes Mundwinkel zuckt es in bitterem 
Hohn. Da schrillt die Glocke zum ersten Male und 
schneidet damit die gereizte Erwiderung der Gattin ab. 
Positur genommen! Das gefrorene Lächeln wetter 
fester Salonmenschen um die eben noch spöttisch 
bebenden Lippen, und beide V/irte, in harmloser 
Plauderei befangen, sind zum Empfange bereit. Der 
erste Kavalier tritt herein, mit untertänigem Handkuß 
der schönen Frau des Hauses ein loses Bündel weißer, 
hinsterbender Rosen darbringend. Und bald rauscht es 
und flutet es auf den weichen, dämpfenden Teppichen 
von seidenen Schleppen und rieselnden Spitzen. 
Blitzende Juwelen funkeln, überstrahlt von den 
leuchtenden Nacken und Schultern, denen sie dienst 
bar sind. Die Augen der Frauen glänzen betörend, er 
wartungsvoll blicken die Männer. Und das berauschende 
Fluidum von Lebenslust und Weltlichkeit spinnt un 
sichtbare Fäden von einem zum andern. Alte 
Beziehungen werden wieder belebt, neue geknüpft. 
Dann öffnen sich die Flügeltüren zum Eßsaal und reiche, 
köstlich belastete Tafeln grüßen die Gäste. 
Schwere Weine befeuern die Geister, erhitzen die 
Sinne. Hinter breiten Fächern flüstert und tuschelt es in 
halben, verheißenden Lauten. Und es glitzert das Gold 
des Champagners, es glitzert das Gold seidigen Frauen 
haares, es glitzert das Gold beflügelter Laune! — An 
der Spitze der Tafel läßt Frau Ellen ihrer Schönheit 
bereitwillig huldigen, ihrem Tischherrn mit den Augen 
gewährend, was zuzugestehen der Mund noch zögern 
mag. Am Ende des Tisches bemüht sich der Gastgeber 
in heroischer Selbstverleugnung um eine reizlose, 
gähnende, Langeweile ausströmende Nachbarin. Und 
es glitzert das gleißende Gold gesellschaftlichen Lügen 
spiels! 
Das erlesene Mahl ist beendet. Die kostbaren Ge 
wänder gleiten durcheinander. Schlanke Frauenhände 
bieten sich gnädig zum Kusse dar. Süße Liköre werden 
geschlürft; der duftende Mokka belebt den erschlafften 
Gaumen. Bläuliche Wölkchen aromatischen Zigaretten 
dampfes verdichten reizvoll die Atmosphäre. Dann 
wird der Blüthner geöffnet und ein Pianist ä la mode 
erweist der kunstliebenden Hausfrau die Gunst, sein 
Talent in den Dienst ihres Salons zu stellen. Ein 
pikantes Lied einer noch pikanteren Sängerin folgt. 
Gruppen bilden sich. Vertrauliche Zwiegespräche 
finden Gelegenheit zu verführerischer Heimlichkeit. 
Die Kunst des Alleinseins unter Vielen, des Suchens 
und Findens verbotener Neigung steht in prangender 
Blüte. 
Und dann plötzlich, wie ein elektrischer Strom, der 
durch die Gesellschaft fährt, die aufreizenden Klänge 
des jüngsten aus äquatorialen Ländern stammenden 
Modetanzes! Wie sie sich alle biegen und schmiegen, 
die geschmeidigen Frauenkörper; wie die . goldenen 
Schuhchen auf zierlicher Spitze wippen; wie es raschelt 
und rieselt in der geheimnisvollen Sprache verführe 
rischer „Dessous“! Durch Weibeserfahrung gereift, ihrer 
Schönheit und Macht bewußt, gleitet die Frau in 
rhythmischen, das Blut aufpeitschenden Takten dahin. 
Von Weibesinstinkt geleitet, in seltsamem Träumen 
und warmem, wohligem Fühlen lehnt sich das junge 
Mädchen in den Arm ihres Tänzers. Und immer heißer 
wird es und — schwüler von Stunde zu Stunde. 
Bis die Blumen in den Haaren der Frauen zu welken 
beginnen, die wallenden Chiffons nicht mehr wallen, 
sondern wehmütig herniederhängen, die Gesichts 
muskeln schlaff und brennende Augen trübe werden. 
Wortreicher Abschied von seiten der Gäste; befreites 
Aufatmen auf seiten der Wirte. Reizvoll vermummt 
schlüpft man aus weichlicher Treibhausluft in den 
herben, schneidenden Frost der sternklaren Winter 
nacht. 
In ihrem Ankleidezimmer streift die schöne Frau 
Ellen, in heißes Sinnen versunken, mit langsamer Hand 
das Flittergold ihrer Toilette vom schlanken Leibe. 
Vanitas! 
Im Kinderzimmer, am Bett eines einsamen sechs 
jährigen Knaben, steht ein einsamer Mann. Seine Hände 
haben sich über dem blonden Lockenkopf inbrünstig 
gefaltet. Im Auge des einsamen Knaben aber schimmert 
das echte Gold einer Kindesträne heraus.
        
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