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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 2/ 
Nr. 19 
4 
„Darf ich Sie nur einige Sekunden sprechen?“ — 
Sie nickte etwas hochmütig. 
Der Kometenschwanz der Kavaliere blieb diskret stehen. 
„Margit“, begann Alfons, „sieh mich an, ich leide um dich.“ 
„Ach so“, lachte sie, „deshalb fuhrst du ins Seebad?“ 
Alfons gab sich die größte Mühe, um seiner Stimme einen 
tragischen Unterton zu verleihen. — „Zehnmal habe ich dir 
bereits meine Liebe gestanden, wenn du mich immer noch 
nicht erhörst, dann gehe ich ins Wasser “ 
„Tu’ es doch“, lachte sie auf, „das machen hier doch alle 
Leute — —“ 
„Nein“, ereiferte sich Alfons, „ich meine, so richtig gehend 
ins Wasser gehen mit tragischem Abschluß — oder werde 
meine Frau.“ — 
Margits Augen blitzten ihn an. 
„Du weißt ganz genau, daß du ein leichtsinniges Huhn bist. 
Deshalb will ich mit dir nichts mehr zu tun haben.“ — — 
Alfons brachte seinen schönsten Seufzer heraus. „Dann 
vergönne mir wenigstens den einen Wunsch, laß mich an 
deiner Seite weit hinaus ins Meer schwimmen, dann will ich 
gern sterben, — wenn ich dich sehe.“ — — 
„Gut“, lachte sie, „schwimmen wir morgen Nachmittag um 
drei Uhr hinaus zur Bcje.“ 
Wie eine Königin schritt sie weiter, 
„Hätte ich das gewußt“, brummte Alfons, „dann hätte ich 
mir die Schminkschatulle nicht erst zu kaufen brauchen.“ — 
Darauf trollte er sich. 
Oh, Margit war ganz pünktlich, ' sie stieg mit kleinen 
Schritten aus dem Badekarren, gab dem Wärter den Mantel, 
und da war ja auch schon Alfons. 
Hinauszu schwammen sie schweigend nebeneinander. An 
der Boje machten sie kurze Rast. 
„Wie ist’s mit dem Selbstmord?“ fragte Margit mit ge 
schürzten Lippen. —- 
„Es geht sofort los“, knurrte Alfons, „ich habe einen 
Wechsel “ 
„Natürlich“, unterbrach ihn Margit, „den du nicht einlösen 
kannst, ich wünschte nur, ich wäre deine Frau, ich wollte dir 
schon die Flötentöne “ 
„Bitte, bitte, tu* es doch“, sagte Alfons vorwurfsvoll, sonst 
hast du ein Leben auf dem Gewissen — —“ 
„Nein“, erwiderte sie und warf den Kopf zurück. 
„Dann hat die Welt für mich keinen Wert mehr, dann ver 
lobe ich mich mit einer Ostseenixe“, rief Alfons und ließ die 
Boje los. — 
Nur einige Meter schwamm er, dann tauchte er unter. 
„Alfons!“ rief Margit etwas unsicher. 
Doch Alfons blieb verschwunden. 
„Ob ihm etwas passiert ist?“ dachte sic schon ängstlicher. — 
Und ohne, daß sie es wollte, winkte sie hinüber zum 
Rettungsboot. 
Man sah sie dort, denn der Kavalierschwarm hatte es sich 
nicht nehmen lassen, auf der Landungsbrücke ihren Schwimm 
künsten zuzusehen. 
Pfeilschnell schoß die kleine Motorbarkasse heran. — — 
Jetzt war sie an der Boje — 
„Hier ist er verschwunden“, rief Margit. 
Da, dort waren Blasen im Wasser, und dann tauchte ein 
blonder Haarschopf auf, der von der schwieligen Hand des 
Bademeisters ergriffen wurde. 
Und jetzt brachte man Alfons in das Boot. — 
Er war bewußtlos — auch noch an Land. Dort war sofort 
Dr. Scholz zur Stelle und machte nach Leibeskräften Wieder 
belebungsversuche. — 
Alfons sah ihm mit halbgeschlosscnen Augenlidern zu. 
„Wird er leben — ?“ fragte Margit, die dabei stand. 
Der Arzt blickte das Gesicht des Selbstmordkandidatcn 
schärfer an. Dort zuckte es unmeiklich. 
„Ich weiß nicht“, sagte er zu Margit. 
„O, dieses verflixte bißchen Geld“, brach sie aus, „ich hätte 
cs ihm ja gegeben — er war doch ein lieber Kerl.“ 
„Meinst du?“ tönte es mit Grabesstimme aus Alfons Munde. 
„Alfons!“ rief Margit, halb ärgerlich, halb freudig, „du 
Komödiant, — du bist ja gar nicht tot “ 
„Doch“, sagte Alfons ernsthaft, „ich bleibe auf der Stelle 
mausetot, wenn du mich nicht nimmst.“ 
„Du dummer Kerl“, sagte sie und gab ihm einen Kuß, „bleibe 
nur am Leben.“ 
Der Doktor stand dabei und lächelte. 
„Aber, gnädiges Fräulein, was machen Sie da? Kaum ist 
unser Allons dem ersten Selbstmord entrissen worden, dann 
stürzen Sie ihn in den zweiten “ 
„Wieso, Herr Doktor?“ 
„Aber, Kinder“, lachte der Arzt, „nun darf doch die Ver 
lobung nicht ausblcibcn — —“ 
„Jawohl“, nickte Margit grimmig, „die findet schon über 
morgen statt. Sie wandte sich zu Alfons. „Deine Schulden 
bezahle ich, mein Junge. Die Schminkschatulle verbrenne ich, 
und im übrigem sollst du mich kennen lernen “ 
„Ich bin ja schon tot“, rief Alfons und war wie der Wind 
an seinem Badekarren — „aber ich wache jeden Morgen auf, 
für dich, Margit “ 
Es kam wirklich zur Verlobung; der Kometenschwanz von 
Kavalieren suchte einen anderen Kern. — 
Und Alfons’ Schulden sind auch bezahlt worden. 
Und die ganze Geschichte endete wahnsinnig glücklich. 
Sic hat nur den einen Fehler; sic äst viel zu schön, als daß 
sie wahr sein könnte. — 
Sonst reiste ich noch morgen ins Seebad. 
O, Margit lü 
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