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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 19 
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• HANS UER.CH • 
N ein, es hilft nichts“, sagte Alfons — und er hieß 
wirklich Alfons, denn seine Eltern hatten ihn im 
Überschwange poetischer Freude bei seiner Geburt 
also getauft. 
„Aber, Alfons!“ erwiderte sein Freund Dr. Fritz Scholz, 
rückte an seiner hochmodischen Hornbrille und ließ sich die 
zweite Silbe des klingenden Vornamens wie ein Praline auf 
der Zunge zergehen. „Ich begreife dich nicht — — 
Alfons schnippte ein Aschenstäubchen von dem Ärmel 
seiner blauen Sergejacke. 
„Was gibt cs zu begreifen. Die Sache ist einfach genug: ich 
habe einen Wechsel über 2000 Mark unterzeichnet, 1500 Mark 
bekam ich ausbezahlt und die habe ich bis auf einhundert Mark 
verlebt und übermorgen ist das Papier fällig.“ — — 
Der Doktor schlug die Ffändc über dem Kopfe zusammen. 
„In vierzehn Tagen hast du diese Summe verbraucht?!“ 
Alfons brannte sich eine frische Zigarette an. 
„Was willst du, lieber Freund? Frauen wollen angezogen 
sein. Tanztees, Segelfahrten, Motorräder sind wichtige Dinge. 
Der neueste Modetanz will erlernt sein und was soll aus dem 
F'ive o’clock werden, bei dem ich fehle. Glaube mir, ich habe 
alle Hände voll zu tun gehabt.“ 
„Und was ist aus deiner Wohnungseinrichtung, aus deinem 
Stutzflügel geworden?“ brachte der Doktor fassungslos heraus. 
„Ein Doppelgeschäft“, erwiderte Alfons automatisch. 
„Wieso?“ 
„Nun, zunächst habe ich mir auf alles einen anständigen 
Batzen Geld geliehen und außerdem die Sachen noch zu 
einem sehr guten Preise verkauft.“ 
Der Doktor machte ein Gesicht wie ein Hecht, der merkt, 
daß er am Angelhaken festsitzt. 
„Bist du denn irrsinnig, Alfons, kennst du denn das Straf 
gesetzbuch nicht?“ 
Alfons wurde nachdenklich. 
„Sich mal, mein Junge, das alte, gute Strafgesetzbuch mag 
ja für gesunde Leute vorhanden sein, für Kranke “ 
„Schäme dich“, unterbrach ihn der Freund, „wer wird sich 
hinter den Verrücktenparagraphen stecken.“ — 
„Fällt mir ja gar nicht ein. Laß mich doch aussprechen. Du 
hast mir kraft deiner Wissenschaft als Arzt gesagt, ich litte 
an einen dermaßen schweren Herzfehler, daß die geringste 
Aufregung mich von dieser schönen Welt hinwegblascn könne. 
— Lachende Erben habe ich nicht. — Also bitte, wer ist schuld 
an meinem Wechsel? — An meinem Doppclgeschäft? Du, der 
Arzt.“ 
„Alter Schwede“, knurrte Dr. Scholz, „jetzt weiß ich, was 
du willst. Aber, so leid es mir tut, ich verfüge auch nur über 
das Notwendigste Du weißt ja — — 
„Jawohl“, lachte Alfons, „Geld Versteifung, Kreditnot, 
schlechte Zeiten und so fort. — Aber du hast doch fchlge- 
schosscn, Doktorchen. Ich will ja von dir gar keine Zechinen. 
—■ Nein, du sollst mir nur ein schönes, kleines Mittelchen ver 
schreiben, das einem für fünf Minuten die Besinnung nimmt.“ 
„Und dann?“ fragte der Doktor. 
Alfons erhob sich halb von dem Sitz des Strandkorbes und 
wies hinaus auf die blasse See, die ihre weißen Wellenkämme 
gemächlich an den Strand spülte. 
„Dann schwimme ich bis zur Boje. — Auf dem Rückwege 
wirkt das Mittel, und die braven Ostseenixen drücken einen 
bildschönen Sterblichen an ihre Fischherzen — —“ 
„Und wenn ich dir das Mittel nicht gebe?“ 
„Dann muß ich Herrn Aegir ohne dich meine Reverenz er 
weisen — —“ 
„Und wenn ich dir etwas erzähle “ 
„Was denn ?“ 
„Daß Margit morgen hier ist, daß sie telegraphisch im 
Strandhotel Zimmer bestellt hat ?“ 
„Ach, Margit“, seufzte Alfons, „ja, die könnte mich retten 
— aber —• —“, er unterbrach sich, „lassen wir das — — 
Margit verteilt Körbe, nein, sie hat Korbwaron cn gros, nein, 
Doktor, sie ist Vorsitzende des Mitteleuropäischen Korb 
konzerns “ 
„Mit baren drei Millionen Stammkapital “ 
Alfons zog die Augenbrauen in die Höhe, 
„Ist ihre Erbschaft so reichlich ausgefallen “ 
Der Doktor nickte. 
„Was meinst du wohl, wieviel Faß Heringe der alte Herr 
im Kriege der notleidenden Bevölkerung lieferte “ 
Alfons schien drei Sekunden nachdenklich, dann pfiff er 
leise vor sich hin und schließlich sang er einen Schlagertext, 
sprang auf und rief dem Doktor zu: 
„Behalte dein Gift, Medizinmann, wenn du mir einmal die 
letzte Liebe nicht antun willst. Ich bin sowieso ratzekahl 
verloren. Ich scheide freiwillig von dieser schönen Welt, ohne 
Gift. Kann ich es denn verantworten, wenn die Haifische 
hier an mir erkranken sollten “ 
„Gibt’s hier ja gar nicht.“ 
„Dann meinetwegen die Quallen“, lachte Alfons und ver 
schwand. 
„Leichtsinnige Fliege“, brummte ärgerlich der Doktor und 
lehnte sich zurück. 
Am nächsten Tage trug die blonde Margit einen bildschönen 
Badeanzug vor immer größer werdenden Herrenaugen 
spazieren, hatte die beiden besten Zimmer im Hotel und sonst 
einen Kometenschwanz von Kavalieren. 
Der gute Doktor ward getreuer Trabant der schlanken 
Schönheit. Nur Alfons sah man nicht. 
Der hatte viel Wichtigeres zu tun. 
Er saß auf seinem Zimmer und rechnete seinen Kassen 
bestand zusammen. Der betrug gerade noch zwei ganze 
Fünfzig-Markschcine. 
„O, Margit“, seufzte er abgrundtief, „so muß ich sterben.“ 
Darauf kramte er in seinem Lederköfferchen und brachte 
eine Schminkschatulle zum Vorschein. Mit kundiger Hand 
malte er „verdüsterte“ Augen und sah bald wie das lebend 
gewordene Leiden aus. 
Da waren die weißen Strandschuhe, ein Blick nach der Uhr. 
Es stimmte schon, um diese Zeit war das Kurkonzert zu Ende. 
Margit würde ja dort gewesen sein. 
Eilends lief er die Treppen hinab, dann schritt er hinüber 
zur Strandpromenade. 
Dort tauchte ein feches, weißes Kostüm auf, in einem ganzen 
Schwarm von Herren und kam näher. — 
Sie war es. 
Alfons hielt sich an einer unterernährten Linde fest. 
Jetzt stand Margit fast vor ihm. 
„Margit“, murmelte er abgrundtief. 
Sie blickte ihn etwas erschreckt an. 
„Sich da, Herr Alfons —- —“
        
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