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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jairg. 27 
Nr. 2 
22 
Cros und Cr Ls 
Doris lüittner 
n Wien ist die Giftmischerin Milizca von Brancowicz, die 
Enkelin eines wildfahrenden Bojarengeschlechtes, wegen 
vielfach versuchten (nur zweifach geglückten) Mordes zu 
drei Jahren Kerkers verurteilt worden. In Paris wurde un 
mittelbar darauf die Anarchistin Marie Berron, die den 
Royalisten Leon Daudet hatte erschießen wollen und an seiner 
Statt kalt und reuelos einen gleichgültigen Statisten der politi 
schen Bühne niederknallte, — freigesprochen. Für beide Frauen 
setzte sich —■ allmächtig und unüberhörbar — die Volksstimme 
ein, die triebhart erzählte, daß beide Verbrechen geboren wor 
den aus dem unbezähmbaren Temperament und der überhitzten 
Temperatur heißblütiger Frauen, aus jenem „genie du sexe“, 
das gemeinhin nur von romanischen Völkern begriffen wird und 
das eben in der freien und freiheitlichen Würdigung des „crime 
passionel“ seinen Ausdruck findet. 
Diese beiden, in jüngster Zeit von schönen, jungen, ge 
bildeten Frauen begangenen „Verbrechen aus Leidenschaft“, 
die selbst in unserer abgehärteten Aera der Morde weit über 
die Grenzen ihres Schauplatzes hinaus Aufsehen erregten und 
die doch mit befremdenden Verdikten der Duldsamkeit be 
antwortet wurden, rufen jählings die Erinnerung wach an zwei 
forensische Dramen — Ausschnitte lateinischer Spätkultur — 
die genau vor Kriegsausbruch die ganze zivilisierte Welt in 
Atem hielten. Das waren die sensationellen Prozesse der 
Gräfin Trigona und der Gräfin Tiepolo. 
Binnen kurzem Zeitraum war Italien im Jahre 1914 zweimal 
zur Stätte eines passioneilen Verbrechens geworden, in dessen 
Mittelpunkt hochgeborene Frauen standen. Beide Male agierte 
Eros als Puppenzieher hinter der Bühne; beide Male gab Eris 
das Stichwort zur Schürzung der Tragödie; beide Male wandelte 
sich Süße in Bitternis; beide Male ward helle Liebeslüge zu 
eines Hasses finsterer Wahrheit. 
Gräfin Trigona, Hof- und Ehrendame der italienischen 
Königin, eine der angesehensten Patronessen der römischen 
Aristokratie, ward in einem zweitrangigen Gasthaus der Haupt 
stadt bei hellichtem Tage gemeuchelt von einem feilen Lotter 
buben ihrer Kreise, dem sie Gunst, Güte und — Güter ge 
schenkt hatte, und der, als die großmütigen Hände der Ver 
schwenderin sich zu leeren begannen, ihr außer Ehre und 
Seelenruhe kurzerhand noch das Leben raubte. Baron Paterno 
nannte sich der dunkle Ehrenmann, der den „Nobile“ spielte. 
Gräfin Tiepolo, ebenfalls ebenbürtig von Geschlecht und 
Mitglied einer exklusiven Kaste, schoß in schirmendem Düster 
einen ruhmredigen Prahlhans (namens Polimanti), der weit 
unter ihrem Stande war, und mit dem sie trotzdem eine be 
fremdliche Intimität verknüpft hatte, eine mörderische Kugel 
in die Schläfe. 
Und beide Gräfinnen, die tote wie die lebende, mußten es 
sich nun gefallen lassen, daß ihrer Alkoven schamhafteste Ge 
heimnisse den neugier-lüsternen Blicken der breiten Menge 
schonungslos preisgegeben wurde. Liebe, um die Blut geflossen 
ist, hört auf, sokrosankt zu sein. Sie muß sich ihres zartesten 
Charakters, der Heimlichkeit begeben. Die Schleier reißen, 
wenn der Totenbeschauer kommt. 
Gräfin Trigona war eine „grande amoureuse“ pathetischen 
Stiles, eine echte Tochter des unwahrscheinlichen Stammes 
jener, „die da sterben, wenn sie lieben.“ Hätte der Stich des 
„Galantuomo“ Paterno, ihres Buhlen, sie nicht vorzeitig in’s 
Herz getroffen, sie hätte früher oder später wohl selbst Hand 
gelegt an ein Leben, dessen Inhalt — die Liebe — dank der 
Roheit und Habgier des Geliebten zu siechen drohte. 
Gräfin Tiepolo hingegen schien weniger veranlagt für das 
Fach der Heroine auf dem „Theatre d’amour“. Sie war wohl 
mehr geschaffen für reizende Episodenrollen. Und sicher lag 
ihrer liebenswürdigen Natur die zündende, pulvergeschwärzte 
Dramatik eines tragischen Schicksals gar nicht, sie kam so 
unversehens in den jüngsten Akt hinein und mußte ihre 
„scene ä faire“ nun knatternd durchführen, wiewohl stummes 
Spiel ihr vermutlich weit lieber gewesen wäre. Die Impromptus 
der Liebe haben bisweilen so etwas Rücksichtsloses, in ihren 
Folgen Unberechenbares. 
Gräfin Trigona brauchte das Klima der Leidenschaft. Gräfin Tie 
polo war wohl eher in der milden Zone der Zärtlichkeit daheim. 
Für beide Frauen aber kam der gefährliche Augenblick, wo 
die Temperatur ihres Blutes mit dem Temperament ihrer 
Partner nicht übereinstimmte, und wo es ihnen infolgedessen 
nicht mehr gelang, das Tempo der Ereignisse zu zügeln. 
Der verkommene Nobile, der aus seiner Herzdame eine 
Geldquelle machte und sie mit wucherischen Händen berührte, 
auf der einen Seite — der dummdreiste Coeurbube einer großen 
Dame, der von der Schwatzhaftigkeit der Gesindestuben nicht 
lassen konnte, auf der anderen Seite! 
Und zwischen ihnen die zwei Frauen von Welt, beide vor 
nehm, gepflegt, von allen Wundern des Weibtums umhüllt; 
Ziergewächse hoch gezüchteter Kultur und Rassenverfeinerung; 
beides Nervengeschöpfe, empfindsam, vibrierend, ohne die 
körperliche Überlegenheit und Gewissensderbheit ihrer amou- 
reusen Peiniger. 
^ Der Page, der die Gunst einer Königin genießt, schweigt. 
Er muß sogar bereit sein, für solches Schweigen zum Märtyrer 
zu werden. Pagen aber sind auch zumeist Adelssprossen; 
Söhne erlauchter Geschlechter, dem Ritterdienst vorbestimmt. 
Der rüde Bursche Polimanti aber, Amoroso einer leeren Stunde 
der Gräfin Tiepolo, war kein Edelknabe, dem die Gnade der 
Herrin Heiligtum hieß, für das man sterben und verderben 
kann, ehe denn man es verrät. Er war ein Proletarierkind mit 
dem eingeborenen Haß der Dienenden gegen die Herrschenden 
(„Fräulein Julie“-Problem!), und es war daher logisch, daß un- 
gezähmter, von keiner Erziehung gebrochener Rasseninstinkt 
das Huldgeschenk als schmutziges Erlebnis durch Küchen und 
Kasernenhöfe trug. Begreifliche Eitelkeit einer Knechtesseele! 
— Hatte doch selbst der gesellschaftlich gleichgestellte „bei 
ami“ der Gräfin Trigona es sich nicht versagen können, zum 
Herold seiner eigenen Unwiderstehlichkeit zu werden und den 
Verkünder seines eigenen Liebesglückes zu machen! 
Der patrizische Paterno hatte sich durch lange Jahre süßer 
Vertrautheit in Seele und Sinn einer leidenschaftlichen Frau 
einzuschleichen und darin zu behaupten gewußt. — Der ple 
bejische Polimanti mochte — wenn überhaupt — bestenfalls 
eine Stunde des Rausches, einen Augenblick verhängnisvollen 
Selbstvergessens einer großen Dame gepflückt haben. 
Aber niemals war er mehr Proletarier gewesen, als da er 
glaubte, aus der erlauchten Gönnerin, der hochmütigen Nach 
fahrin von Dogen, könnte, nachdem vielleicht eine schwache 
Stunde stark geworden über ihr, eines gemeinen Soldaten ver 
liebtes Trautgesell werden. Vielleicht eben war es das: daß 
gerade der Proletarier in ihm nicht begriff und nicht begreifen 
konnte, wie es just die empfangene Gunst der Gräfin war, die 
ihn, den Empfänger, für immer aus deren Leben strich. Er 
wußte ja in seiner bäuerischen Einfalt nicht, daß es für die 
vornehmen Leute Angelegenheiten des Blutes und der Nerven 
geben kann, woran Geist und Seele nicht teilhaben, und von 
denen Kopf und Herz darum niemals etwas wissen dürfen. 
Paterno und Polimanti — beide waren Erpresser. Beide 
scheuten sich nicht, Gnadengeschenke, die sie erhalten, als 
Zwangsmittel gegen jene, von denen sie beglückt werden, zu 
kehren. 
In der Gräfin Trigona verblutete sich vielleicht ein Edel 
wild. In der Gräfin Tiepolo war bestenfalls ein Kätzlein ins 
Garn gegangen, aus dem es sich nun mit Gewalt befreien mußte. 
Beiden Tragödien haftete etwas Strindbergisches an. Verirrte 
Sexualität. Hang zur Niederung. Wüster Spuk von Zwangs 
vorstellungen und Willensbceinfiussung. Aber schließlich, wo 
gerechtet und gerichtet werden soll, wolle man vielleicht auch 
bedenken, ob letzten Grundes nicht jede Liebe — wo sie 
Erotik, nicht Charitas, bedeutet, eine Art Zwangsvorstellung, 
eine Erschlaffung des eigenen Willens unter der Abhängigkeit 
von fremden Einflüssen bedeutet. 
Die Tat der Gräfin Tiepolo war eine Tat der Notwehr. 
Gewiß. Bloß, ob diese Notwehr nur dem fremden, nicht viel 
leicht auch dem eigenen Blut gegolten, blieb, unbeschadet des 
Richterspruches, eine offene Frage. 
Paterno und Polimanti waren Schädlinge, die der soziale 
Körper — so oder so — vielleicht einmal ausgestoßen hätte. 
Gräfin Maria Tiepolo aber, die durch Blut und Tränen schritt, 
um für sich selbst zu zeugen, kehrte als — untadelige große 
Dame zu den Ihren zurück. Und es ist anzunehmen, daß nach 
den traurigen Folgen ihrer Unüberlegtheit keine schwülen 
Phantasien mehr Macht über die Dogentochter gewonnen 
haben dürften. Aber vielleicht sollten vornehme Damen 
gemeinhin mit ihren Auszeichnungen so ökonomisch Vor 
gehen, daß sie sich gegen — Mehrforderurxgen nicht mit dem 
Browning zu verteidigen brauchen.
        
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