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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 18 
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~Q)as ^Qasintakl der Qdflddalda 
~Qoris- GUL)iHrt,e.r' 
s war in jener Zeit und jenem Land, 
da die Menschen den Begriff der 
Sünde verlernt und an seine Statt den 
der Schönheit gesetzt hatten. Florenz 
und mit ihm eine Welt trauerten an 
der Bahre Cosimo Medici s. Mit 
großem Gepränge und schaulustiger 
Pracht hatte die blühende Stadt ihren 
edelsten Sohn und großen Schirmer bestattet. Und in 
breitem, stattlichem Zug kehrten sie heim, alle, die ihm 
letztes Geleit gegeben hatten, Nobili und Bürger, 
Söldner und Mönche, Künstler und Humanisten, deren 
viele in ihm einen Hort, einen unerschöpflichen Born 
von Gunst und Gnade verloren. 
„Sahst du Donna Mafalda heute, Bartolomeo?“ 
„Ja, Ludovico, ich sah sie, schöner und strahlender 
denn je, in der gleißenden Pracht ihrer Gewänder. Ob 
es geziemend war für die edle Frau, in Purpur und 
Gold, in Samt und Seiden gekleidet, der Leiche des 
großen Cosimo zu folgen? Hätte nicht sie, mehr als 
wir alle, denen er Schutzherr gewesen, Anlaß zu Trauer 
und Tränen? Ist er ihr nicht zehnfach gestorben? Ist sie 
nicht sein Geschöpf, ein Werk seiner unendlichen 
Gnade?“ 
„Ja, ja, Bartolo, du magst wohl so unrecht nicht 
haben. Hat Cosimo sie nicht einstens als fünfjähriges 
Kind aufgelesen in den Straßen Neapels, als er diese 
halsstarrige Stadt bekriegte? Man erzählt sich, er sei 
in einer der schmutzigsten Gassen mit dem Huf seines 
Pferdes auf das winzige Wesen gestoßen; das habe 
hilfeheischend den Blick zu ihm aufgeschlagen. Da soll 
er staunend gerufen haben; 
„Dieser Augen Glanz wird noch manches Unheil in 
der Welt anstiften, doch den Medici möge er Heil 
künden! Man nehme das Kind und lasse es an meinem 
Hof sorgsam erziehen.“ 
Er hat seine Laune der Mutter des Kindes mit 
schwerem Gold aufwiegen müssen, die kleine Mafalda 
aber ward seiner Fürsorge innigstes Ziel. Die höchsten 
Gelehrten und Dichter hat er berufen aus Mailand, 
Ferrara und Rom, die heranwachsende Jungfrau zu 
bilden; die größten Künstler von Florenz haben sie 
gemalt und gemeißelt; was Venedig an kostbaren Ge 
weben und Stoffen aus dem fernen Indien erhielt, ward 
ihrer erblühenden Schönheit tributpflichtig gemacht. 
Und jüngst erst ihr siebzehnter Geburtstag, war er 
nicht ein Fest für uns Florentiner, da der Palazzo, den 
vor Jahren noch der große Meister Brunelleschi ge 
schaffen hat, ihr feierlich zum Angebinde gemacht ward 
im Angesicht von ganz Florenz? Ja, ja, sie hätte wohl 
Ursache zu Kummer und Schmerz, zu dankbarem Ge 
denken. Aber, wer lehrt uns die Weiber kennen? 
Doch stille, sie nahet selbst, wie immer umgeben von 
einem Stab erlesenster Jünger der schönen Künste und 
Wissenschaften. — 
„Eurer Schönheit Gruß, Ehrfurcht Eurer Trauer, 
vieledle Madonna! Um so weniger Ihr Euren Schmerz 
durch äußere Zeichen, durch die landläufigen Merk 
male der Trübsal kundzugeben gewillt seid, um so ver 
zehrender wohl muß der Kummer an Eurem Innern 
nagen?“ 
„Schmerz, Trübsal, Kummer?! Was für törichte 
Worte? Er, der Große, den ihr Kleinen beklagen zu 
müssen vermeint, Cosimo, er, der als ein König auf der 
Erde verweilte, ist als ein König geschieden. Er hat dem 
Leben Pracht, Schönheit, Freude und Glanz verliehen; 
so mögen Pracht, Schönheit, Freude und Glanz auch 
an seiner Bahre stehen. Lernt mich kennen, nicht nur 
als ein Geschöpf seiner Hand und seiner Gunst, sondern 
auch als ein Kind seines Geistes! — Darum auf, meine 
Freunde, wir wollen uns eilen, seinen Tod in seinem 
Sinn würdig zu weihen. Ihr, Meister Marsilio Ficino, 
sollt uns in tönendem Wort die Ode künden, die 
Euer regsamer Geist seinem unsterblichen Ruhm ge 
widmet hat. Ihr, meine Freunde /Filippo Lippi und 
Verrocchio, werdet unterdessen die wärmsten Farben 
und den kältesten Marmor Euren Künsten dienstbar 
machen, uns den letzten Ausdruck seiner unvergäng 
lichen Züge unvergeßlich zu bannen. Laßt uns gehen, 
Piero und Lorenzo erwarten uns.“ 
„Nun, Ludovico, der alte Cosimo hatte doch einen 
scharfen Blick. Fürwahr, ein königliches Weib! Sie wird 
Florenz und den Medici noch manche Überraschung ver 
heißen. Man sagt, daß Cosimos Sohn, unser neuer 
Schutzherr Piero, ihrer stolzen Natur stumpfen Wider 
stand beut und sie als lästigen Eindringling betrachtet. 
Hingegen soll Pieros Sprößling, der siebzehnjährige 
Lorenzo, auch in der Zuneigung und Verehrung seiner 
Alters- und Spielgefährtin Mafalda gegenüber ein echter 
Enkel Cosimos sein, mit Freuden gewillt, in Demut vor 
ihr zu knien. Doch laß uns der Donna und ihren Ge 
treuen folgen. Auch ich bin begierig, den Huldigungen 
beizuwohnen, die sie der Asche ihres großen Patrons 
darbringt.“ 
Es ist ums Jahr 1494. Wiederum hat der Tod seine 
Fackel gesenkt, und Lorenzo dei Medici, den der 
Volksmund „der Prächtige“ benannt hat, ist nicht mehr. 
Noch ward sein Leichnam nicht zur letzten Ruhe be 
stattet, noch ist seine sterbliche Hülle über der Erde, 
da flammen im Palazzo Brunelleschi, den vor Jahr 
zehnten der alternde Cosimo Medici der jugendlichen 
Schönheit seines Pflegekindes Mafalda gewidmet hat, 
Tausende und Abertausende von leuchtenden Kerzen 
auf. Und im Volk wispert und raunt es voll Staunen 
und Murren: 
„Saht ihr’s und vernahmt ihr’s? Donna Mafalda, die 
Geliebte Lorenzos dei Medici, gibt ein glänzendes Gast 
mahl, heute, am Sterbetag Lorenzos. Noch ist er nicht
        
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