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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaßrg. 27 
Nr. IS 
18 
CLbscfaied uom freund 
Es war so Mode in Frankreich. 
Man kannte sich vorher nie und man wurde einfach eines 
Tages zusammengebracht und verlobte sich auf Wunsch der 
Eltern. 
Mimi de Bellegarde mußte den Grafen d’Haudetot als 
Bräutigam begrüßen. Der Bräutigam dachte, die Braut sei 
unberührt wie eine Gartenlilie und er flüsterte: 
„Holdseliges Mädchen, ich bin entzückt von Ihrem Scharm.“ 
Sie lächelte und senkte verschmitzt ihre Blicke zu Boden, 
Er fuhr fort: 
„Gott hat seinen Segen über uns gebreitet. Gott wird uns 
glücklich machen. Sie werden meine Gattin,“ Mimi nickte, 
er schwärmte weiter: 
„Und dann werden wir ein Leben finden wie im Paradies. 
Um uns werden reizende Menschen sein und Mädchen voller 
Unschuld.“ . . . 
Sie stand plötzlich hastig auf. Er erhob sich .auch, ganz 
verlegen werdend, indem er das Wort Unschuld gebraucht 
hatte. 
„Verzeihen Sie, meine Braut, das Wort ist meinen Lippen 
entflohen.“ Er wollte ihre süße, kleine Hand küssen. Sie 
wehrte ab; 
„Ich habe Eile, Herr Bräutigam . . . ich will von meinem 
Geliebten, dem Kapitän Colbert, im Pavillon Abschied von 
meiner Sonne, von meinem reizenden Verführer nehmen.“ 
Und sie flog davon. Der Graf .aber ging enttäuscht zu seiner 
Tante und erzählte ihr alles. Sie aber, selbst eine freidenkende 
Frau, erklärte; „Wie nett und aufrichtig von Mimi; ich gra 
tuliere dir zur Braut.“ 
Der Graf aber meinte: 
„Bedenke doch, sie ist keine Lilie mehr.“ 
Die Tante lächelte philosophisch:
        
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