Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 18 
Jaßrg. 27 
13 
Bei dieser Aussicht kommt man bald zur Einsicht! 
Plantikom 
Gert (bittend): Ria! 
Ria (breitet die Arme vor ihm aus): Du, du, Gert, bist 
die Lust, das Glück, die Wonne, der Rausch! Du bist 
meine Sehnsucht, mein Jammern Tag und Nacht! 
Du peitschest mein heißes Blut zu unerhörtester Er 
füllung! — Gert! — (Sie reißt ihr Kostümkleid aus 
einander und läßt es zu Boden fallen; sie steht eine 
Weile mit ausgebreiteten Armen vor ihm, mit 
bettelnden Augen. Langsam füllen ihre Wimpern sich 
mit Tränen; sie läßt die Arme sinken.) Alles hast 
du vergessen . . . alles . . . o! 
Gert (geht nervös zu den Türen und riegelt sie ab): 
Mach keinen Unsinn, Ria. 
Ria (wie aus einem Traum erwachend): Mach keinen 
Unsinn, . . . (dann plötzlich, in ausbrechendem Haß, 
lachend.) Unsinn! Hahaha! — Oh, Gertchen, ich 
werde Unsinn machen! Ich werde die Tanten und 
Verwandten aufschrecken! Ha, Gert, das soll ein 
Polterabend werden 
Gert (erschrocken): Um Gotteswillen! 
R i a (kalt, verächtlich); Laß deinen Gott in Ruhe. Der 
will nichts wissen von solchen . . . Erbärmlichkeiten. 
Der speit auf dich. . . . 
Gert (beschwörend): Ria .... (man faßt von außen 
an die Klinke; Gert starrt entsetzt auf den Drücker.) 
Gott 
Ria (noch kälter): Er wird dir dein Pfund nehmen, 
damit du nicht mehr wuchern brauchst. 
Gert (verstört): Wie . . . Pfund? Was willst 
du .... ? 
Ria (lacht wie durch einen Zauber befreit auf): Köst 
lich, Gertelein! Ich danke dir! 
Gert (verblüfft): Ich verstehe dich nicht . . . 
R i a (ernsthaft): Ich mich auch nicht mehr. Ich hab dich 
wohl mit meinen Augen gesehen, Kleines. 
Gert (besorgt): Willst du wirklich heut Abend . ? 
R i a (sieht ihn lange von der Seite an; Verachtung 
wechselt in ihrem Gesicht mit Hohn. Sie hebt ihr 
Kleid auf und zieht es über die Schulter.) Bitte, hilf 
mir. — (Während er die Druckknöpfe schließt.) Tja, 
mein Lieber, ich werde. 
Gert (hält inne): Ich beschwöre dich! 
Ria (schauert vor Ekel zusammen): Tja, Strafe muß 
sein, Gertchen — Bubi. Ich werde . . . 
Gert (einfallend): Ich gebe dir alles, Ria, liebe Ria, 
was du willst, alles 
Ria (spöttisch): Dankend quittiert. — So. —, Nun 
lassen Sie meinen Arm los. Also: Sie wollen . . . . 
zaaaahlen, mein Herr ? . . . 
Gert (beschämt): Nicht diesen Ton, Ria. 
Ria (mit Abstand); Ich bin die Freiin von Alvens- 
leben. 
Gert (bettelnd): Ria! 
R i a (mit hartem Entschluß; sie wirft den Kopf in den 
Nacken als schüttele sie eine böse Erinnerung ab.) 
Gut — dann die Silberlinge, Ischariot! 
Gert: Wie? 
Ria (tritt an den Schreibtisch): Hier drinnen liegt ja 
das Scheckbuch, mein Herr. (Als Gert zögert, wird 
sie eiskalt.) Manche Menschen tragen ihr Ehrgefühl 
in der Börse. — Also. 
Gert (befangen): Aber Ria .... (Unter ihrem herri 
schen Wesen holt er das Scheckbuch hervor und setzt 
sich unbehaglich.) 
R i a (zeigt mit dem Finger auf den Zahlenrand des 
Scheks); Von dort abstreichen! 
Gert (fährt zurück): Hunderttausend 
Ria (lächelt bitter): Sie wollen um den Preis meiner . . 
Liebe . . . handeln. Finden Sie nicht, Herr Warren- 
berg, daß Sie ein .... ein .... 
Gert (gewinnt ein malitiöses Lächeln wieder, beugt 
sich über das Scheckbuch und schreibt): Gut. 
R i a (steckt das Blatt in die Handtasche, setzt den Hut 
auf und legt den Pelz um); Sie gehen wohl vor, Herr 
Warrenberg, und geben Ihrem Chauffeur Befehl, 
mich nach Alvensleben zu fahren. (Als Gert zögert) 
Bitte. Ich warte hier. (Gert geht widerwillig zur Thür) 
Befehlen Sie den großen Mercedes — (sie lacht auf) 
er hat so schöne Erinnerungen . . . 
Gert (schwankt, kehrt zurück, kniet nieder und will 
ihre Hand küssen): Ria . . . 
Ria (entzieht ihm die Hand, heiter): Allons, mein 
Freund! Das ist nicht mehr im Preis einberechnet. 
(Gert steht linkisch auf und geht hinaus. Ria stürzt 
auf eine Photographie Gerts zu, reißt sie aus dem 
Rahmen, bedeckt sie wild mit Küssen. Als Gert 
wieder eintritt, steht sie abgewandt; sie steckt das 
Bild in den Kleiderausschnitt und reißt sich zu 
sammen.) 
Gert (verlegen): Der Wagen wartet. 
Ria: steht einen Augenblick starr; sie schließt die 
Augen in übermächtigem Seelenschmerz. Dann geht 
sie mit stolzem Nicken an Gert vorüber und hinaus. 
Gert wartet eine Weile in der Tür, ehe er sie schließt. 
Er geht in das Zimmer und lauscht auf das Anrollen 
des Autos. Langsam greift er mit den Händen nach 
dem Herzen; er wankt zum Schreibtisch und vergräbt 
das Gesicht schluchzend in den Armen. Dann steht 
er auf, räuspert sich, streicht vor dem Spiegel den 
Scheitel glatt und bürstet seinen kleinen Schnurrbart. 
Er zuckt die Achseln, betrachtet aufmerksam sein 
Spiegelbild und sagt halblaut, mit spöttischem Unter 
ton: „Herr Ischariot!“ Dann trägt er die Summe in 
seine Privatkonten ein.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.