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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. is 
Jahrg. 27 
10 
In demselben Augenblick prallte er entsetzt zurück. 
Der andere hielt ihm einen Revolver vors Gesicht: 
„Kein Wort, keine Bewegung. Ich hätte das Recht, Sie 
wie einen tollen Hund niederzuschießen.“ 
Der Abgeordnete saß unbeweglich. 
„Sollte sich nicht ein Weg finden, um die Angelegen 
heit gütlich zu regeln?“ stammelte er. „Ich gebe zu, 
daß ich wußte, daß die Dame verheiratet war, aber ich 
glaubte sie wäre geschieden.“ 
„Und ich bin fest überzeugt, daß sie mich Ihretwegen 
verlassen hat. Morgen werde ich die Scheidungsklage 
einleiten, und die Welt soll erfahren, was Sie “ 
„Um Gotteswillen, tun Sie das nicht.“ 
„Ernst, verzeihe mir“, schluchzte die junge Frau 
hinter ihrem Taschentuch hervor. „Ich habe nichts Un 
rechtes getan. Bringe mich nicht in die Öffentlichkeit.“ 
„So, und die Schulden, die ich deinetwegen machen 
mußte “ 
„Ich will sie gern auf mich nehmen“, sagte der Ab 
geordnete, und ein Hoffnungsstrahl zuckte über seine 
bleichen Züge. 
„ Hier sind 1000 Mark.“ 
„Was tue ich mit 1000 Mark? Jede Zeitung zahlt mir 
gern tausend Mark für Ihre Photographie und für die 
Schilderung des Abenteuers, bei dem ich Sie ertappt 
habe, aber ich habe schließlich kein Interesse daran, 
Sie unmöglich zu machen. Geben Sie mir 10000 Mark, 
und die Angelegenheit soll für mich erledigt sein.“ 
„Ich habe nicht so viel Geld bei mir.“ 
„Ist auch gar nicht nötig. Sagen Sie mir die Adresse 
Ihrer Bank. Wir treffen uns morgen mittag dort, und 
ich händige Ihnen gegen Zahlung der 10000 Mark Ihre 
Photographie aus.“ 
Der Abgeordnete nickte resigniert. 
Auf der Straße zog der Fremde Edith zärtlich an sich: 
„Du bist das tüchtigste Mädel, das ich in meinem 
Leben gesehen habe.“ 
sind dabei, den Raum mit Blumen für den Polterabend des jungen 
Herrn herzurichten. 
Gert Warrenberg (kommt in ausgezeichneter 
Laune von links): He! Laßt mich einmal allein! (Geht 
ans Fenster und winkt hinunter. Die Leute stehen 
unschlüssig.) Nur ein paar Minuten, Kinder. Dann 
könnt ihr weitermachen. (Die Leute ab. Kurz darauf 
öffnet sich die Tür und herein springt im Automantel 
Lore Helling (fliegt mit ausgebreiteten Armen 
Gert entgegen): Gert! Lieber Gert! 
Gert (küßt sie lange und innig, hebt sie dann 
hoch und trägt sie auf den Armen durchs Zimmer): 
Schnuckelchen, mein Schnuckelchen! 
Lore (zappelt mit den Beinen und versucht vergeblich, 
das Kleid über die Knie zu ziehen): Aber Gert! Wenn 
das Mama .... 
Gert (übermütig, küßt sie auf beide Knie): O weh! 
Aber morgen haben sie alle nichts mehr über dich 
zu sagen. (Er setzt sie behutsam nieder und streicht 
umständlich ihr Kleid glatt.) 
Lore: Nicht doch! Du bist recht ungezogen am letzten 
Tag, 
Gert: Und erst morgen! 
Lore (verbirgt ihr Köpfchen an seiner Schulter): Sag, 
du kennst doch schon Frauen ? 
Gert: Aber Lore! 
Lore: Na — nachher wirst du ja doch beichten! 
Gert: Ich schwöre 
Lore: Nein, nein! Ich will nichts hören (sie küssen 
sich und drehen sich dabei im Kreise), doch! Eines 
nur sollst du mir schwören .... 
Gert: Alles! 
Lore;.... daß du nie etwas ..... 
Gert: . . . . nie etwas .... 
Lore: . . . . gehabt hast mit 
Gert:.... gehabt habe mit .... Nun? 
Lore: . . . . mit der . . . (sie stockt und wird rot). 
Lore: Nun, mit der Ria Alvensleben! 
Gert (zuckt ein wenig zusammen, wendet sich aber 
geistesgegenwärtig um und greift in eine Zigaretten 
schachtel auf dem Rokoko-Kamin). 
Lore (stampft mit dem Fuß auf): Du antwortest ja 
nicht! 
Gert: Warum auch? 
Lore: Sag, hast du wirklich . . . . ? (Sie schlägt die 
Hände vor das Gesicht und schluchzt fassungslos.) 
Gert (wirft die Zigarette beiseite, steht einen Augen 
blick unschlüssig, geht dann aber auf Lore zu und 
legt seinen Arm um ihren Hals): Kleines Dummes! 
Lore (schnellt erleichtert in die Höhe): Gott sei 
Dank! 
Gert (lächelnd): Wäre das denn gar so .schlimm ge 
wesen? 
Lore (tritt einen Schritt zurück; sie ist sehr ernst 
und ihr ganzer jugendlicher Übermut ist von ihr ge 
wichen; sie spricht langsam); Ich würde dir jede Frau 
verzeihen, jede. Nur eine einzige nicht: Ria Alvens 
leben. 
Gert (begütigend): Na, Lorelchen! Ist die denn gar 
so gefährlich? 
L o r e (aufbegehrend): Gefährlich? Ein Verbrechen ist 
sie, eine unerhörte .... Frau! Sieh sie dir doch an: 
Ihre Figur, ihr Gang, ihr Benehmen, ihre Kleidung . . . 
Gert (hebt scherzhaft beide Hände): Halt, halt! Also, 
damit du nicht eifersüchtig wirst, Kleines: Keine Frau 
der Welt ist so süß, so herrlich wie du! Aber die 
Ria .... 
Lore (schnell): Warum sagst du: Ria? 
Gert (fortfahrend): . . . aber die Alvensleben . . . hat 
doch auch ihre Schönheiten. 
Lore (verletzt): Wie kannst du . . ! 
Gert (diplomatisch): Ich meine, daß du, mein Her 
zensblättchen, noch viel süßer bist, als alle Alvens- 
lebens. 
Lore (küßt ihn zärtlich auf den Mund, dann leise, 
fast verschämt): Ich will’s dir ja sagen, Gert, warum 
ich sie so hasse. Du kennst doch den Fredersdorf. 
Gert (aufmerkend): Den Assessor? 
Lore (errötend); Der war hinter mir her und .... 
Gert (gedehnt): Der?! 
Lore: Ja, und ließ die Alvensleben fahren . . . Ich 
habe ihn nicht beachtet. Aber die' Alvensleben hat 
mir gesagt, wenn ich einmal verliebt oder verlobt 
wäre, dann wolle sie dann wolle sie ... . (sie 
birgt schluchzend den Kopf an seiner Brust). 
Gert (blickt nervös um sich): Na, auf solch einen 
Blödsinn mußt du nichts geben. 
Lore (eifrig): Doch, doch! Du kennst sie nicht! Sie 
hat doch kein Geld und sitzt auf ihrem verschuldeten 
Alvensleben; und nun ist ihr im vorigen Jahr der 
reiche Fredersdorf entwischt . . . Ach, wenn du wirk- 
E I NAKTE R 
Salon des jungen Fabrikherrn Gert Warrenberg. Diener und Mädchen
        
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