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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. IS 
Jafirg, 27 
4 
Die große, behaarte rostbraune Pranke des Herrn 
Stefan Leimdörfer drehte die Flasche Heidsieck Mono 
pol im Eiskühler herum. 
II. 
Über Frau Mira wallte der Schleier des Geheimnis 
vollen. Sie selbst hatte nur zarte Andeutungen gemacht: 
eine kurze, aber unsagbar unglückliche Ehe. Konzert 
reisen nach Amerika, Australien. Früh verwaist. Liegen 
schaften von unermeßlichem Wert in Ungarn. Und, vor 
allen Dingen, Witwe. Außerdem, wie gesagt, war sie 
hochgradig musikalisch und besaß die Allüren einer 
Herzogin. Genug, um ihr, die als einzig belebendes 
Element der Nachsaison auf getaucht war, einen 
Schwarm seriöser Bewerber und noch seriöserer Lieb 
haber an die Fersen zu heften.. 
Die anderen Damen maßen sie mit giftigen Blicken 
und behaupteten, diese „australische Nachtigall“ habe 
nicht einen richtigen Ton in der Kehle; sie schminke 
sich geradezu schamlos und trage falsche Steine. 
„Was den letzten Punkt anbetrifft“, sagte Mister 
Wodrniper, „so lege ich für deren Echtheit meine Hand 
ins Feuer. Die Haselnüsse sind allright. Ich muß das 
wissen. Ich habe ihr doch selbst, Gentlemen , . . “ 
„Also Sie auch?“ sagte Herr Lundström, dem noch 
immer die schwedischen Schüsseln nicht schmecken 
wollten. 
„Jetzt gangst!“ Der Stefan Leimdörfer spitzte die 
Ohrwascheln. „Umsonst ist nix auf der Welt“, setzte 
er philosophisch hinzu. 
Er war der erste, der sich der veränderten Kon 
junktur anzupassen verstand. Aber auch die Mitbe 
werber um die Gunst der schönen Witwe stellten sich 
auf den Boden der Tatsachen. Zu ihnen gehörte, daß 
die schöne Witwe ein immer einnehmenderes Wesen 
entwickelte. Ein Souper mit Frau Mira, und die Stunden 
vornehmlich, in denen nachserviert wurde, waren selbst 
für Valutaathleten nicht billig. Im Gegenteil. 
Aber dafür war reiner Tisch geschaffen. Dafür hatte 
Mister Wodrniper Gelegenheit, sich den Gleichmut 
seiner Seele wieder zu erkaufen. Per Scheck. Er konnte 
bereits wieder großartig gähnen. Herr Frederik Lund 
ström war in der angenehmen Lage, sich wieder mit 
seinem „besten Freunde“ aussöhnen zu können. Aller 
dings, nicht ohne unerhebliche Kriegskosten, die ihn 
schwören ließen, daß dieser Krieg der letzte sei, in 
den er sich gestürzt hatte. Denn der häusliche Krieg 
rechnete nicht mit. An den war er gewöhnt. Er schädigte 
nicht seine Verdauung. Herr Lundström besaß nämlich 
eine Gattin in Stockholm, mit der er es seit fünfzehn 
Jahren ausgeprobt hatte. Herr Stefan Leimdörfer 
endlich schenkte sich die Handküsse. Die waren ihm 
„eh z’wider“ gewesen. Er durfte sich jetzt wieder so 
geben, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Auch 
beschloß er, angesichts der mehr G. m. b. H.-artigen 
Verhältnisse, die sich angebahnt hatten, in der Taktik 
der Noblesse eine Änderung eintreten zu lassen. 
Aber bevor dieser filzige Gedanke Tat wurde, änderte 
sich alles. 
III. 
Nach einer heißen Sommernacht, über die, wie so oft, 
die Liebe ihre goldenen Fittiche gebreitet hatte und 
nach der Mister Wodrniper gähnend feststellte, daß 
er nur noch den Umschlag zu seinem Scheckbuch in 
der Hand hielt — war die schöne Witwe plötzlich mit 
ihrem dunkelhäutigen Diener im violetten Auto des 
Herrn Stefan Leimdörfer und — versehentlich .— mit 
sämtlichen Koffern des schwedischen Herrn Lundström 
abgereist. Mit völlig unbekannter Marschroute. 
Sie hatte sehr viel mitgenommen und sehr wenig 
Wertloses dagelassen. Daß sie auch vergessen hatte, 
ihre Hotelrechnung in Höhe von eintausenddreihundert 
Goldmark zu begleichen, war gewissermaßen eine 
Selbstverständlichkeit. 
Nähere Aufklärung, mit wem man es zu tun gehabt 
hatte, brachte erst ein Brief des Niggers Jimmy, den 
man zwischen den Schminktöpfen und Puderdosen 
fand, und ein zwei Meter großes Plakat, das mit Gold 
kopfnägeln an einem Mahagonischrank angenagelt war. 
In dem Brief stand, daß sich Mister Jimmy Fla-Fla 
leider gezwungen sehe, mit seiner Frau Mira, geborene 
Schulze, abzureisen und allen Freunden und Gönnern 
ein herzliches Lebewohl zurufe. 
Und das gelbfarbige Plakat, das das überlebensgroße 
Brustbild der schönen Frau Fla-Fla, geborene Schulze, 
darstellte, gab darüber Aufschluß, daß sich diese bis 
vor kurzem auf Messen und Jahrmärkten als „die Dame 
ohne Unterleib“ hatte sehen lassen. 
Flerr Frederik Lundström machte ein Gesicht, das so 
lang war wie Schweden von Trelleborg bis Haparanda. 
Herr Leimdörfer zog seinen Taschentrumeau, um nach 
zusehen, wie er sich mit einem geistreichen Gesicht 
ausnehme. Was nicht alle Tage vorkam. Mister Wodr 
niper aber gähnte, daß man ihm einen Wolkenkratzer 
bequem zwischen die goldenen Stiftzähne hätte hinein 
schieben können, und sagte, nachdem sich die Klappe 
wieder geschlossen hatte: „W eil! Ob Witwe oder 
nicht, das wage ich nicht zu entscheiden. Aber auf 
eins kann ich schwören, Gentlemen . . . auf eins kann 
ich Ihnen einen heiligen Eid schwören: Dieses Plakat . . 
dieses Plakat — Da kann ich nur sagen: „Du ahnst 
es nicht!“ 
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