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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jaürg. 27 
Nr. IS 
2 
k/ croß. helun g 
U nter dem rot und gelb gestreiften Sonnendach 
des Cafes Concordia saß der Nigger Jimmy 
Fla-Fla, sog den Gin durch den Strohhalm und 
grinste so vergnügt vor sich hin, daß man seine 
Klavierleisten von Zähnen sah. Er trug einen modischen 
Zylinder, eine hellblau gebatikte Riesenkrawatte, eine 
Glasscherbe an silberner Tändelschnur und ein 
schwankes Röhrchen mit weißem Emailleknopf, das er 
über seine gestreiften Beinkleider wippen ließ. Kavalier 
vom Wollhaar bis zur randgenähten Sohle. 
Die Sonne, die sogar unter die Markise kroch und 
mit seinen Brillantringen spielte, störte ihn naturgemäß 
absolut nicht. Sie glitt an ihm ab, wie Regentropfen an 
einem Mackintosh. 
Aber den Mister Wodrniper aus Philadelphia störte 
sie ungemein. Er lernte sich eine schwierige Melodie 
auswendig: 
„Schöne night, du Liebesnight, 
Oh stil—le main Verlangen “ 
Mister Wodrniper war zuletzt in Oberammergau ge 
wesen, ehe er in diesem herrlichen deutschen Kurort 
gelandet war, und aus Oberammergau konnte er die 
Melodie, die er nicht mehr los ward, unmöglich mit 
gebracht haben. Denn dort werden in der Regel nicht 
„Hoffmanns Erzählungen“ von J. Offenbach aufgeführt, 
sondern weit gediegenere Sachen. So oft sich der Mister 
den Schweiß von der Stirn wischte, vertiefte sich das 
Grinsen des Niggers. Am meisten aber lächelte er über 
die Melodie, die sich der Dollarmann einquälte. Das 
war nämlich die Lieblingsmelodie von — nün, wir 
werden gleich hören! 
Mister Wodrniper hatte schon vorige Woche den Kur 
ort verlassen wollen, und nun ließ es ihn nicht von hier 
fort. Er war verliebt, verliebt in diese eben plötzlich 
aufgetauchte Frau Mira, die eine Witwe war, geäußert 
hatte, daß die Barcarole ihr Lieblingslied sei, und im 
übrigen alle rasend machte. 
Selbst den Mister Wodrniper, der sonst erznüchtern 
war und im Astoria-Wood-Klub in Philadelphia jede 
Wette gewann, daß er am längsten von sämtlichen 
Clubmen gähnen könnte, Stundenlang. Ohne zu er 
müden. Lediglich aus angeborenem Stumpfsinn. Seit 
acht Tagen war er wie umgewandelt. Durch die Witwe. 
Er fühlte, daß er tiefsinnig wurde, für Natur zu 
schwärmen anfing, bereits Liebeslieder trällerte und 
demnächst dichten würde. Er spuckte aus. 
„Sie sein ein Teufel.“ 
Trotz dieser Feststellung würde er morgen abend 
mit dieser Teufelin soupieren und — das weitere würde 
sich finden! Er war entschlossen und bereit, der Ruhe 
seines Herzens jedes finanzielle Opfer zu bringen. 
Gleich nach dem unglücklichen Mister Wodrniper 
passierte Herr Frederik Lundström den Tisch, an dem 
der schwarze Elegant saß, der noch genau so herzge 
winnend grinste wie zuvor. Herr Frederik Lundström 
hätte dem Schwarzen unter allen anderen Umständen 
am liebsten eine Backpfeife serviert, denn er war ein 
kürz angebundener Mann von nordischer Rauheit. In 
diesem Falle blieb er vor Jimmy Fla-Fla stehen und 
präsentierte ihm seine juchtene Zigarrentasche. Wer 
durfte es mit diesem Farbigen verderben? Er war Frau 
Miras Diener. Der Weg zu der wunderschönen Mira 
führte über die hohle Hand vöh Jimmy. Als Herr Lund 
ström das Etui wieder zükläppte, fehlten die fünf 
Importen, die vorher darin gewesen waren. Män sieht 
also, daß Herr Jimmy Fla-Fla ein gründlicher Mann war. 
Auch Herr Frederik Lundström summte die ersten 
Takte der Barcarole vor sich hin ; „Schöne 
Nacht, du Liebesnacht. . ., o, stille mein Verlangen . . .!“ 
Er war Nummero zwei, dem es Frau Mira angetan hatte. 
So sehr, daß ihm kein Bissen mehr schmeckte. Ein sehr 
bedenkliches Anzeichen, wenn man erfährt, daß der 
stramme Appetit von Frederik Lundström in ganz 
Schweden sprichwörtlich war. Er hatte nur einen Freund 
auf der weiten Welt, dem er nichts abschlagen konnte, 
dem er alles hingab, was er haben wollte. Und das war 
sein Magen. In diese Freundschaft sich einzudrängen, 
hatte die schöne Mira fertiggebracht. Wer sie mit ihrer 
Nachtigallenstimme die Barcarole hatte singen hören, 
wurde ihr willenloser Trabant. Alle Sonnen führen 
solche Trabanten. Frederik Lundström wollte morgen 
mit der Sonne Mira eine Spazierfahrt machen, und — 
auch hier würde ein Souper endlich den Zwist beenden, 
in dem er mit seinem besten Freunde lag. Frau Mira 
hatte ihm unzweideutige Avancen gemacht. 
Aller guten Dinge sind drei. Als die Sonne hinter 
den spitzen Zacken der Vorberge verschwand, parierte 
vorm Grand-Kurhotel das violette Auto des Herrn 
Stefan Leimdörfer aus Wien, das ebenso nagelneu war 
wie der Reichtum seines Besitzers. Und neben dem 
glückstrahlenden Kronennabob hob Frau Mira den 
weizenblonden Kopf mit dem entzückenden Hütchen. 
Durch die hauchdünne Gaze des Schleiers glänzten 
die ponceauroten Lippen, süß und verheißungsreich 
lächelnd, als der reiche Leimdörfer die Spitze des 
heliotropduftenden Handschuhs küßte. Leimdörfers 
Pranke war sechsmal so groß wie diese kleine des 
Engels, die kaum zu bemerken war in der üppigen Um 
schmiegung des Pelzärmels und vom Glitzerwerke eines 
darauf herabgleitenden Armbandes fast verdeckt wurde. 
(Dafür hatte sie aber auch schwerlich, wie es Stefan 
Leimdörfer vorm Ausbruch der großen Zeit getan hatte, 
Klaviere transportiert.) 
Die Köpfe der Herren der Schöpfung drängten sich 
vielsagend lächelnd und distingiert gescheitelt an den 
hohen Spiegelscheiben des Hotels, und die befrackten 
Kellner flogen nur so. Die rotgalonierte Zigeuner 
kapelle stimmte die Geigen .... 
„Schöne Nacht, du Liebesnacht, 
O, stille mein Verlangen! 
Süßer als der Tag, uns lacht 
Die schöne Liebesnacht . . . .“
        
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