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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 27 - 
Nr. 17 
Nur eine Sensation wollte er erleben. Diese blonde 
Frau peitschte sein Blut. Sollte ihr Gruß wirklich eine 
Aufforderung bedeuten — und es konnte gar glicht 
anders sein — dann wollte er einmal Sünder sein. Mit 
dieser Frau ..... Alice würde ihn, mußte ihn ver 
stehen ....... 
Bald mußte der Zug in Nordeich sein. Dann noch 
die Dampferfahrt und dann kam das Wunderbare. Und 
sollte es auch nur eine Nacht dauern: Heinz wollte sich 
hineinversenken und die Schale leeren mit durstigen 
Zügen, herrlicher konnte es gar nicht sein; Sonne, 
Strand, hoher Wellenschlag an der Nordspitze. Dort 
hin wollte er mit ihr wandern, dort sollte sie ihm ihr 
Geheimnis preisgeben, dort wollte er sie zum ersten 
Mal in seine Arme nehmen, wild, ungestüm. Und 
dann ........ 
Heinz war eingeschlafen. Im Traume wandelte er 
im Lande der Pharaonen über mondbeschienene 
Trümmerstätten. Wandermüde ließ er sich auf einem 
Stein nieder, da — plötzlich — blendete ein Lichtstrahl 
seine Augen. Vor ihm stand eine Frauengestalt. Ihre 
Brüste waren nackt. Um ihre Lenden trug sie einen von 
funkelnden Steinen besetzten Gürtel, An diesem 
Gürtel hingen lange, wunderbare Pfauenfedern, die 
beim langsamen Schreiten der Gestalt, wie von einem 
Hauch bewegt, ihre Schenkel streichelten. Das Schloß 
des tief herabhängenden Gürtels bildete ein Pfauen- 
äuge von unerhörter Farbenpracht. Die Bewegungen 
der Frau wurden immer schneller, rhythmischer und 
endeten schließlich in einem tollen Tanz. Dann sank 
die Gestalt erschöpft in den Sand. 
Als Heinz erwachte, wußte er, daß er sie, daß er 
ihren herrlichen Körper im Traume geschaut hatte 
und stürmte auf den Dampfer. 
* 
Heinz saß in der Hotelhalle pochenden Herzens und 
wartete. Minuten nur konnten ihn von seinem Erlebnis 
trennen. Um sechs Uhr war der Dampfer angekommen. 
Sofort hatte er sich ins Hotel begeben, gebadet, sich 
umgezogen. Und nun wartete er. Was konnte er denn 
anderes tun als warten? Den Namen kannte er nicht. 
Sich nach ihr zu erkundigen ohne ihren Namen zu 
kennen, verbot die Kavaliersehre, Er durchflog die Kur 
listen. Aber unter den Namen der Hotelgäste war 
keiner, der für sie paßte. Also wartete er. Wo blieb sie 
nur? Sie mußte ihn doch erwarten, mußte doch wissen, 
daß er kommen würde, wenn &ie ihn rief. Heinz ließ 
den Hoteleingang und die Treppe nicht aus dem Auge. 
Er würde hier sitzen bleiben bis in die späte Nacht. Er 
würde nachts durch die Hotelgänge schleichen und auf 
die Schritte der Heimkehrenden lauschen. Heute und 
morgen und übermorgen. Bis er sie finden würde. 
Plötzlich fuhr er auf: „Sie hier, Herr von Gagern? 
Welch merkwürdiges Zusammentreffen “ 
Mit keiner Silbe erwähnte sie ihre Karte. Es schien 
wirklich als habe sie ihn nicht erwartet und Heinz, war 
klug genug, auf diese Verstellung einzugehen. Seine 
Einladung, im Roten Teppich zu speisen, nahm sie 
ohne zu zögern an. Ganz entzückend sah sie aus, in 
jeder Bewegung, mit jedem Wort ganz Dame. Wie 
damals trug sie das kleine Saffiantäschchen in der Hand 
und denselben Schmuck. Sie unterhielten sich glänzend. 
Die Stimmung wurde immer angeregter, und als sie 
bei Peche melba und Pommery saßen, während die 
Musik prickelnde Weisen spielte und ihre Blicke sich 
tief ineinander versenkt hatten, griff Heinz in seine 
Brusttasche, legte die Karte vor sie hin. Da lächelte 
sie: „Ich danke dir, daß du kamst. Ich weiß, du er- 
’nnerst dich nicht meines Namens und sollst dich 
dessen auch nicht entsinnen. Nenne mich Ra und 
forsche nicht weiter. Ja, ich habe dir geschrieben, weil 
ich mich nach dir sehnte. Sehnte seit jener Nacht als 
dich die Farben meines Pfauenauges entzückten und 
begeisterten. Weshalb, weiß ich nicht “ 
„Und du bist mir seit jenem Abend das Wunder 
bare gewesen, das in mein Leben trat“, flüsterte Heinz. 
„Geheimnisvoll erschienst du mir, wie die Herkunft 
dieses Pfauenauges, von dem du mir sagtest, es stamme 
aus einem Pharaonengrab. Ich möchte dies Geheimnis 
ergründen, du , , . Ra . ... du Rätselhafte.“ 
Heinz sprang auf: „Ra . . . komm . . . laß uns tanzen 
. . .Du mußt herrlich tanzen können, Ra. Ich sah es im 
Traum . . . .“ 
Aber Ra lächelte nur und blieb sitzen: „Nein, Heinz, 
ich tanze nicht.“ 
Als sie spät in der Nacht ins Hotel kamen, verab 
schiedete sie sich unten an der Treppe von ihm: „Bis 
morgen“. 
* 
Heinz fand keinen Schlaf in dieser Nacht. Alles in 
ihm war aufgewühlt. Sie waren am Strand entlang nach 
dem Hotel gegangen. Er wollte sie an sich reißen, noch 
in dieser Nacht. Aber das schien ihm abgeschmackt. 
Nein, er wollte ihren bebenden Leib nicht durch die 
Hülle der Kleider fühLn. Er mußte ihn so vor sich 
sehen, wie er ihm im Traum erschienen war. Und 
darum wollte er warten, bis sie sich ihm von selbst gab. 
Morgen mußte er das Wunder erleben. 
Aber auch der kommende Tag verging voller Qual, 
voller Folter. Sie sprach von ihrer Sehnsucht nach ihm 
und ihrer unangenehmen Lage, in die sie durch das 
Ausbleiben erwarteter Geldsendungen gekommen sei, 
und es war selbstverständlich für Heinz, daß er sie von 
diesen Sorgen auf die diskreteste Art und Weise be 
freite, indem er stillschweigend die ausstehenden Rech 
nungen beglich. Aber auch in dieser und der darauf 
folgenden Nacht trennte sie sich von ihm. 
Heinz litt Höllenqualen. Warum verwehrte sie sich 
ihm? Weshalb mußte sie ihn so peinigen, wo sie sich 
doch nach ihm sehnte und er nach ihr schrie? Wo es 
für ihn nur eine Erfüllung gab, diesen Körper, den er 
im Traum gesehen, einmal in seiner Schönheit zu be 
wundern und zu fühlen? Daß sie mit Heinz spielte, war 
ausgeschlossen. So konnte sich keine Frau geben, wenn 
sie keine Dirne war. Und Ra eine von diesen Un 
möglich! 
Am frühen Morgen des dritten Tages wartete Heinz 
vergeblich auf Ra. Durch den Portier ließ sie ihm be 
stellen, daß sie baden gegangen sei und er sie um zwölf 
zu Tische erwarten möge. Da stürmte Heinz zum 
Strand. Noch war keine Badezeit. Die Badekarren 
waren verschlossen. Nirgend war ein Wärter zu sehen. 
Aber unten am Wasser wiesen Fußspuren, frische 
Spuren von Frauenschuhen nach dem Nordstrand und 
wie ein Spürhund nahm Heinz sie an. Sie führten weit 
hinaus. Als sie landeinwärts bogen verlangsamte er 
seine Schritte .... Da .... Heinz duckte sich 
Im Frührot der Morgensonne stand Ra in einer Fels 
grotte und entkleidete sich. Und als sie das Hemd ab 
gestreift hatte,''stand sie da wie jene Ägypterin, die er 
im Traum gesehen hatte. Ein Gürtel mit langen Pfauen 
federn umschloß den herrlichen Leib. Ra warf sich in 
den Sand, löste den Gürtel, riß eine Pfauenfeder los 
und ließ das feinfedrige, flaumige Auge langsam über 
ihren Körper gleiten 
Entsetzt starrte Heinz auf das Bild. Das also war das 
Wunder, das Rätsel, das entschleierte Geheimnis der 
Frau mit dem Pfauenauge.
        
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