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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. n 
Jafirg. 27 
25 
DIE FRAU MIT DEM PFAUENAUGE 
iiiiiiiiiiimiiiiiiimmiiiiiiiiiiiimmninniiiiiiiiiniiiiiiiiimiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiniiniiiiiiniiiiiuiiiimiimimiiiiiiiiiimümiiiiiiiiHiiiiiiuiiiiiniiiniiiiiiiii 
MAX RUDOLF KAUFMANN 
uf der Karte, die Heinz unter der 
Geschäftspost auf seinem Büro 
tisch vorfand, stand: „Herzliche 
Grüße. Pfauenauge.“ Und irgendwo 
in einer Ecke: „Hotel Imperial, 
Borkum, 28. Juli.“ Weiter nichts; 
Sinnend und nachdenklich be 
trachtete Heinz das nichtssagende 
Strandbild, die vielsagende Unter 
schrift und gab sich redlich Mühe, sich in der Reihe 
derjenigen Frauen zurechtzufinden, denen er auf dem 
geraden Wege ehelichen Pflichtbewußtseins und auf 
den Seitenwegen gedanklicher Sünden begegnet war. 
Lange saß er über diesem Problem, bis er sich einer 
Erscheinung erinnerte, die ihm bei einer größeren 
Abendgesellschaft aufgefallen war. Auf den Namen 
dieser pikanten Blondine konnte er sich allerdings 
nicht mehr besinnen, doch glaubte er sich ihres Blickes 
zu erinnern, der vor seinen Augen durchaus nicht etwa 
das Weite gesucht hatte, als sie — seine Frau Alice 
plauderte im Nebenzimmer — in einer, für männliche 
Begriffe beinah herausfordernden Pose, in einiger Ent 
fernung am Flügel lehnte. Ach ja, richtig, das war ihm 
an der feschen Person noch besonders aufgefallen: sie 
trug in der Hand ein kleines rundes Saffiantäschchen 
mit äußerst geschmackvoller Verzierung: In schillernden 
Farben prangte dort der Kopf einer Pfauenfeder und 
Heinz erinnerte sich nun auch, daß er sich dieses Täsch 
chen damals von der blonden Schönheit zeigen ließ, um 
es zu bewundern. „Mein kostbarster Besitz“, hatte sie 
dem Bewunderer erklärt, „von dem ich mich niemals 
trenne, eine kleine Kostbarkeit, die einem Pharaonen 
grab entstammt, für die ich weit gereist bin, und die 
nur in einem einzigen Exemplar existiert.“ Und tat 
sächlich: Es war ein ganz fabelhaftes Stück. Die feinen, 
grünschillernden Federchen waren aus besonders prä 
parierten Fühlerchen ägyptischer Käfer hergestellt, und 
das Auge der Feder war ein in herrlichsten Farben 
leuchtender Naturstein, wie Heinz ihn noch nie ge 
sehen hatte. Ein richtiges Museumsstück. Und nun fiel 
es Heinz auf, alles an dieser Frau war auf dieses 
seltene Schmuckstück abgestimmt: die Ohrringe waren 
Pfauenaugen, auf dem Brillantarmband leuchtete, aus 
Edelsteinen geformt, ein Pfauenauge, selbst das kost 
bare Kleid dieser Frau war in diesen Farben gehalten. 
Und Heinz erinnerte sich jetzt auch, daß ihn diese selt 
same' Erscheinung auf dem Nachhauseweg und im 
Halbschlaf immer und immer wieder verfolgt hatte, 
er sich aber damals keine Erklärung dieses Problems 
geben konnte. Jetzt kam es ihm wieder zum Bewußt 
sein, das Rätselhafte dieser blonden Frau, das merk 
würdige Lächeln ihrer Lippen, der traumverlorene Blick 
ihrer Augen als sie ihm die Tasche zeigte, die sie, auch 
das kam ihm jetzt zum erstenmal zum Bewußtsein, 
nicht aus der Hand gab als er sie näher betrachten wollte. 
Sollte dieser Besitz wirklich so kostbar sein? Was ver 
band diese Frau mit ihm? Weshalb trug sie Ohrringe, 
pfauenaugengemustert? Was bedeutete das Pfauenauge 
aus Steinen auf dem Armband? Was die Farbe der 
Toilette? War das nur eine Marotte oder bestanden 
innere Beziehungen? Und nun: Wie kam diese merk 
würdige schöne Frau dazu ihm einen Gruß zu senden? 
Weshalb war die Karte in sein Büro adressiert, wes 
halb nicht nach Hause? Warum galt der Gruß nur ihm, 
nicht auch Alice, der sie doch damals auf der Gesell 
schaft auch vorgestellt worden war? Weshalb stand 
weiter nichts darauf als dieser Gruß und diese eigen 
tümliche Unterschrift? Herrgott, das mußte doch 
irgend eine Bedeutung haben! Das war doch schließ 
lich eine so ausgefallene Sache, daß dahinter eine Ab 
sicht stecken mußte. 
Immer und immer wieder starrte Heinz auf die 
Karte. Es gab nur eine Erklärung. Dieser Gruß kam 
nicht von ungefähr. Er konnte nicht nur eine harmlose 
Erinnerung an jenen Abend bedeuten. Die Frau wollte 
etwas von ihm, sie mußte ihm etwas zu sagen haben. 
Aber was? ? ? 
Heinz verschloß die kostbare Karte in seinem Schreib 
tisch als er, nach einem ruhelosen Tag, gegen Abend 
aufbrach, um nach Flause zu gehen. Soweit war er sich 
jedenfalls klar über das merkwürdige Erlebnis: Es 
sollte sein Geheimnis bleiben. Alice hätte nur ganz un 
begründeten Verdacht geschöpft. 
Die Nacht war schlaflos und qualvoll für Heinz. 
Neben ihm schlief Alice, seine Frau. Vor seinem Auge 
stand die Frau mit der Pfauenfeder, das Geheimnis, 
und so oft er auch das Bild verscheuchte, immer 
wieder stand sie vor ihm. 
Als Heinz am nächsten Vormittag wieder vor seinem 
Arbeitstisch saß, die mysteriöse Karte in der Hand, 
sah er ein, daß jede weitere Anstrengung, das Problem 
vom Schreibtisch aus zu lösen oder die gewohnte Be 
schäftigung aufzunehmen, durchaus zwecklos sei. 
Gegen Mittag nahm er den Hörer in die Hand und 
telephonierte Alice, daß er in dringenden Geschäften 
verreisen müsse und sie alles vorbereiten möchte. Um 
sechs fahre er. 
Der D-Zug rollte. In die Polster zurückgelehnt, 
blickte Heinz in die Landschaft hinaus. Wie vom 
Wirbelsturm getrieben flogen seine Gedanken hin und 
her. Einmal weilten sie —kurz nur — zu Hause bei 
Alice und Heinz dachte wohl daran, daß diese Fahrt 
ins Blaue ihn etwas weit vom Pfad der Tugend abführe. 
Denn darüber war er sich klar geworden, das Ende 
dieser Reise konnte gefahrvoll werden. Mußte es 
sogar. So ganz planlos fuhr er nun doch nicht in die 
Welt, um diese Tour vor dem eigenen Gewissen ver 
antworten zu können. Noch freilich konnte er sich 
damit beruhigen, daß es sich gewissermaßen nur um 
eine Erkundungsfahrt handelte. Aber, wenn er an die 
Möglichkeit dachte, daß er das Ziel dennoch erreichen 
könnte, lief es ihm kalt und heiß über den Rücken. 
Schließlich aber war er seiner Frau all die Jahre hin 
durch ein treuer und fürsorglicher Gatte gewesen, und 
er wußte auch, daß Alice, wenn er sie in das Geheimnis 
eingeweiht haben würde, den Dingen durchaus nicht 
verständnislos gegenübergestanden hätte. Die Kon 
zession hatte sie ihm ja gemacht: solange keine seeli 
schen Konflikte zu befürchten waren, sollte er ruhig 
einmal ein kleines Erlebnis haben. Das war sehr ge 
scheit gewesen von Alice. Bis heute freilich waren die 
praktischen Folgen dieser Konzession noch nie aus 
probiert worden. Nun aber kam das Erlebnis, und kam 
so verschleiert, rätselhaft, ungewollt, geheimnisvoll, 
unerwartet, daß er ihm einfach nicht entrinnen konnte. 
Nein, er wollte sich auf keinen Fall seelisch engagieren.
        
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