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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 2 
18 
üDic mondaineOma 
Trans Dux 
VERWECHSLUNGEN 
Die Dame von oben bis unten gedrechselt 
wird ewig mit der Kokotte verwechselt. 
Und mich — kein Mann wird aus mir schlau — 
verwechselt man mit der Bürgersfrau. 
* 
MOUSSEUX 
Ob in Wien, in Berlin, in Rom, ob im Haag, 
in London, Stockholm, ob im alten Prag, 
kein Mädchen anders wie Wein doch schmeckt, 
die fesche Mondäne dagegen ist — Sekt. 
* 
PARIA 
Draußen ich die Mondäne bin, 
als Paria verachtet; 
im Stübchen heiß’ ich Frau Königin, 
nach der die Sehnsucht schmachtet. 
* 
NÄRRISCHE WELT 
Ein wohlgepflegtes Weib 
für männliche Kamele! 
Zum dummen Zeitvertreib 
verlangt ein Narr auch Seele. 
* 
WAHLSPRUCH 
Einen Mann zu betrügen ist Frauenpflicht, 
man kann nur die Pille versüßen. 
Und, wenn er’s verdient auch einmal nicht, 
So mag er für andere büßen. 
* 
THEATER 
Eine Carmen muß ich spielen um zehn, 
um vier Uhr will man als Gretchen mich sehn; 
um acht Uhr als Käthchen von Heilbronn — 
um elf Uhr tanz' ich im Mäuschensalon. 
« 
GLÜCKSEHE 
SCHUSTERPECH 
Die ledigen Leute, feudal und frech, 
sie kleben fast alle wie Schusterpech. 
Die reizenden, kleinen Ehemänner 
sind leider nur Fünfminuten-Brenner. 
* 
GESCHMACK 
Wir schlanken Mondänen, die Schönheit 
sind tonangebend. [erstrebend, 
Drum kommt zu uns mancher Ehemann, 
auf, daß er sein Frauchen hübsch kleiden kann. 
♦ ■> 
TRAGIK 
Er will mich heiß ans Herze pressen, 
er schwört: „Kein Weib mir so gefällt“. 
Doch ist er draus, bin ich vergessen — 
das ist die Tragik meiner Welt. 
* 
AUSGLEICH 
Wir haben zwar kein freundliches Heim, 
auch webt in uns der Todeskeim; 
doch die paar Stunden, die froh wir leben, 
wir nur für Gold den anderen geben. 
* 
PARADIES 
Kein süßes Umarmen, kein glühender Kuß 
gibt Frohsinn ans und Hoffen, 
die Menschenverachtung ist reinster Genuß — 
so steht uns der Himmel offen. 
* 
TRIUMPH 
Herrlich, wenn im bengalischen Licht 
minutenlang strahlt die Fontäne. 
Herrlich, wenn manhes Herz zerbriht 
vor Liebe bei einer Mondäne I 
Fährt eine Mondäne zum Ehehafen, 
so kann der Gatte besser shlafen 
als wenn er die Lilie, unberührt, 
zum Traualtar und nah Hause führt.
        
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