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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 17 
Jahrg. 27 
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war es auch nicht, und der gewissenhafte Chronist muß 
hier leider, um der Wahrheit für alle Fälle zu ihrem 
Recht zu verhelfen, einfügen, daß Lisettchen über die 
ziemlich klar auf der Hand liegenden Absichten gar 
nicht so besonders empört war; versprach sich die 
junge, lebenslustige Frau doch einmal von den Be 
ziehungen zu dem wohlhabenden und einflußreichen 
Herrn Dubois allerhand Annehmlichkeiten und Vor 
teile; dann aber war sie auch von dem Eheleben, das 
sie nach Sitte und Gesetz an der Seite des langweiligen 
und temperamentlosen Bauern Claude Verde zu führen 
gezwungen war, alles andere eher als befriedigt. 
Allerdings schienen die Versprechungen, die sich 
Lisettchen nach dieser Richtung hin von der näheren 
Bekanntschaft mit Herrn Dubois machte, auch nicht 
allzu groß zu sein; als sie nämlich den Inhalt der kost 
baren Dose, den ihr der Diener Jean im Namen 
seines Herrn überreicht hatte genügend studiert hatte, 
wandte sich ihre volle Aufmerksamkeit nicht, wie sich 
das für eine Frau in ihrer Situation gehört hätte, dem 
zu erwartenden hohen Besuch des Herrn Staatswürden 
trägers zu, sondern ihre munteren Äuglein weilten weit 
länger, als es schicklich gewesen wäre, auf dem hüb 
schen und offenen Antlitz des jugendlichen Dieners 
Jean, und es war ganz offenbar, daß sie an dem netten, 
strammen Burschen mehr Gefallen fand als an dem 
kostbaren Geschenk seines Herrn oder gar an der Aus 
sicht auf den ihr für den Nachmittag angekündigten 
Besuch des mächtigen Mannes. 
Da Jean selbst Augen genug im Kopf besaß, um zu 
sehen, so fiel es ihm nicht schwer zu bemerken, daß er 
auf die hübsche Angebetete seines Herrn einen nicht 
alltäglichen Eindruck zu machen schien. So kam es, 
daß Jean die angeborene Scheu solcher jungen, unver 
dorbenen Leute gegenüber Frauen, die älter sind als 
sie selbst, nur allzu rasch überwand, und das auf so 
zufällige Weise zusammengekommene Paar einige 
glückerfüllte Stunden verlebte, die auch dadurch nichts 
an ihrer Innigkeit einbüßten, daß sie sich bis in den 
Nachmittag dieses denkwürdigen Tages hinzogen. 
Als es ob der süßen Tändeleien der Beiden vier Uhr 
nachmittag geworden var, klopfte es sehr energisch an 
die Tür des Bauern Verde, und Lisette sowohl wie 
Jean waren sich nicht einen Augenblick darüber im 
Unklaren, daß der so stürmisch Einlaß Begehrende 
kein Anderer sein konnte als Herr Dubois, der nun 
kam, um sich bei Frau Lisette den wohlverdienten 
Lohn für die herrliche Gabe zu holen, die.er ihr durch 
seinen Diener Jean am Vormittage hatte überbringen 
lassen. 
Zunächst waren die beiden so jäh aus ihrem Schäfer 
stündchen aufgescheuchten Liebenden sich nicht ganz 
im klaren darüber, was sie unter sotanen Umständen 
beginnen sollten; dann aber kam Frau Lisettchens 
findiger Kopf auf den klugen Gedanken, ihren jugend 
lichen Galan so schnell wie möglich hinter einem der 
großen Körbe zu verstecken, in denen sonst ihr werter 
Gatte größere Mengen von Obst und Gemüse auf den 
Markt von Versailles zu bringen pflegte. 
Kaum war das geschehen, und Lisettes einigermaßen 
derangiertes Äußere ein wenig wieder in Ordnung ge 
bracht, so öffnete das muntere Weibchen die Haustür 
und ließ den ob des langen Wartens schon etwas er 
grimmten Herrn Dubois eintreten. 
Der hielt sich nicht gar zu lange bei der Vorrede 
auf, sondern marschierte ziemlich geraden Weges auf 
das vorgesteckte Ziel los. 
Frau Lisette mochte daran denken, daß mit mächtigen 
Herren nicht gut Kirschen essen ist; möglicherweise 
gingen ihre Gedanken noch weiter in die Zukunft und 
sie sah sich vielleicht schon als eine der vielbeneideten 
Priesterinnen der Schönheit am Hofe des großen Louis; 
kurz und gut, sie wies die stürmischen Liebeser 
klärungen des Herrn Dubois nicht ab, sondern benahm 
sich so, wie eine kluge Frau, deren ursprüngliche Emp 
findungen soeben ausgiebig zu ihrem Rechte gekommen 
waren, in solcherlei Fällen zu handeln pflegt. 
Sie gewährte Herrn Dubois das, was der ungestüme 
Jean seinem gestrengen Herrn noch übriggelassen 
hatte, und dieser war, teils aus mangelndem Miß 
trauen, teils aus natürlichen Gründen, die in der Ge 
setztheit seiner Jahre liegen mochten, durchaus noch 
sehr von seinem Besuch bei der schönen Lisette erbaut. 
Da ereignete es sich, daß gerade wie einige Zeit vor 
her wiederum heftig an die Haustüre gepocht wurde, 
und auch dieses Mal gab es für Madame Lisette keinen 
Zweifel über die Persönlichkeit des Einlaß Heischenden. 
„Um des Himmels willen, mein Mann!“ rief sie 
entsetzt aus, während Herrn Dubois bei dem Gedanken 
an die beiden kräftigen Fäuste des Bauern Claude 
Verde gar nicht wohl zu Mute wurde. 
„Was machen wir jetzt?“ rief er mit ziemlich kläg 
licher Stimme aus. — 
Doch schon hatte Frau Lisette ihre Ruhe und ihre 
angeborene Findigkeit wiedererlangt. 
„Regen Sie sich nicht unnötig auf, Herr Steuer 
pächter“, Flüsterte sie, „wir müssen hier eine kleine 
Komödie inszenieren, um meinen Mann zu täuschen; 
ziehen Sie Ihren Degen und fuchteln Sie mir damit 
laut scheltend vor der Nase herum, indem sie rufen: 
„Wo ist der junge Schelm, der mich betrogen hat auf 
dem Markte und der dann hierher in dieses Haus ge 
flüchtet ist?“ 
Dem guten Herrn Dubois blieb in seiner Angst gar 
nichts anderes übrig, als die eilig hervorgestoßenen An 
ordnungen der resoluten jungen Frau zu befolgen. So 
kam es, daß der Bauer Claude Verde, als er zwei 
Minuten später sein Zimmer betrat, dort den ge 
fürchteten Herrn Steuerpächter, den blanken Degen 
in der Hand, voller Wut nach einem jungen Menschen 
suchend vorfand, der sich angeblich in das Haus des 
Bauern Claude Verde geflüchtet haben sollte. 
Als Verde und seine brave Frau dann gemeinsam 
dem gestrengen Herrn versicherten, er müsse sich irren, 
hier sei kein Flüchtling versteckt, zog sich Dubois, 
heimlich die Klugheit seiner angebeteten Lisette be 
wundernd, mit Entschuldigungen zurück und verließ 
das Haus das Bauern, in welchem er soeben, ohne es 
zu ahnen, eine Rolle in einer Komödie gespielt hatte, 
in der er nicht nur der Foppende, sondern auch der 
Gefoppte gewesen war. 
Kaum hatte der gute Dubois auf so unrühmliche 
Weise den Schauplatz seiner Fleldentaten geräumt, als 
Frau Lisette, ohne ihren Mann zu Atem kommen zu 
lassen, auf diesen zustürzte und ihn mit einem wahren 
Wortschwall überschüttete: 
„Denke dir nur, Claude, wie sich das alles zugetragen 
hat; vor einer halben Stunde etwa war ich ganz harm 
los damit beschäftigt, meine Wäsche zu waschen, als 
ein junger Mann ganz außer Atem hier hereingestürzt 
kommt und mich um ein schützendes Asyl bittet gegen 
einen Wütenden, der ihn mit dem gezückten Säbel in 
der Hand verfolge, in der Absicht, ihn, einen völlig 
Schuldlosen, zu töten. Was sollte ich machen? Ich 
mußte doch den armen Verfolgten gegen den Wüterich 
beschützen; ich versteckte ihn also so schnell wie mög 
lich hinter deinen großen Gemüsekorb. Wenige 
Sekunden später kam der Wüterich, in dem ich alsbald 
zu meinem Schrecken den gestrengen Herrn Steuer 
pächter erkannte, hier hereingestürzt, und den Rest 
dieser aufregenden Szene käst du ja selbst miterlebt.“ 
„Da wollen wir aber doch zuallererst den armen Ver 
folgten aus seinem Versteck befreien“, antwortete be 
dächtig Meister Claude und schob den großen Gemüse 
korb ein wenig zur Seite; alsbald kam munter und ver 
gnügt Freund Jean dahinter hervorgekrochen, dankte 
dem Ehepaar Verde mit bewegten Worten für seine 
wunderbare Errettung und empfahl sich dann unter 
hübsch artigen Verbeugungen. 
So hatte die Klugheit und Geistesgegenwart der 
reizenden Frau Lisette eine dreifache Gefahr von sich 
und drei Männern abgewendet.
        
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