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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 17 
20 
Bodo legte den Hörer zurück und versank in Nach 
denken. Das Bild der schwarzen Lola, der „wilden 
Katze“, wie sie genannt wurde, trat vor seine Augen. Er 
dachte an den Taumel dieser Stunden, dachte daran, 
wie dieses Weib ihm Blut und Sinne erregt und wie ejr 
trotz des Widerwillens, den er vor ihrem frechen Ge- 
bahren empfunden, sie in seine Arme genommen hatte. 
Schändlich hatte er gehandelt! Während seine kleine 
Frau wachend gelegen, um ihn zu erwarten, hatte er — 
die Reue packte ihn. Drückte ihn zu Boden. Wenn sie 
wüßte wie recht sie hatte, ihn zu schelten. Er mußte 
alles daran setzen sie zu versöhnen. Sein Vergehen 
mußte wieder gutgemacht werden. Ein Gefühl grenzen 
loser Zärtlichkeit stieg in ihm auf. Er hätte zu ihr 
stürzen mögen, um sie in seine Arme zu nehmen und 
ihren Mund mit heißen, glühenden Küssen zu be 
decken, — 
Bodo stürzte sich in seine Arbeit. Als die Uhr 
sieben schlug, schloß er seinen Schreibtisch, nahm Hut 
und Mantel vom Riegel und trat den Heimweg an. Sein 
eilender Gang verlangsamte sich, je näher er seinem ; 
Hause kam. 
Wenn es ihm nicht gelingen sollte sie zu versöhnen? 
Er trat in einen Blumenladen, an dem er gerade vor 
überkam. 
Der Rosenstrauß in seiner Hand sollte ihm helfen, 
sie zu beschwichtigen. 
Sie kam ihm nicht entgegen. In ihrem kleinen Emp 
fangszimmer saß sie in einen tiefen Sessel geschmiegt 
und las. Als er die Tür ins Schloß drückte sah sie auf. 
Ein leichtes Lächeln legte sich um ihren Mund, als sie 
den großen roten Rosenstrauß erblickte. 
Ihren Blick suchend, reichte er ihr die Rosen. Ihre 
Augen wichen ihm aus, aber ihre Lippen sagten: „Du 
hast mir lange keine Blumen gebracht.“ 
„Lizzie, laß mich nicht wie einen armen Sünder vor 
dir stehen — sei wieder gut —“ 
Sie zupfte an den Rosenblättern und sah blinzelnd 
zu ihm auf. 
Als er diesen Blick sah, neigte er sich über sie, zog 
sie empor und preßte sie fest an sich. 
Es war ein lustiges, von vielen Neckereien und Zärt 
lichkeiten begleitetes Abendessen; das die beiden ein- 
nahmen. Und als Bodo zum Abschluß ihrer Versöhnung 
eine Flasche Sekt entkorkte, streute Lizzie rote Rosen 
blätter über den Tisch und sagte; „Ich glaube, wir feiern 
heute eine neue Hochzeitsnaeht.“ 
Bodo zog sie auf seine Knie und reichte ihr das ge 
füllte Kelchglas. „Wahrhaftig, mir ist es als seiest du 
mir neu geschenkt! Stoßen wir an auf —“ das Resultat 
wollte er sagen — „auf unsere Liebe, die durch diesen 
kleinen Krach eine Auffrischung erfahren hat.“ Sie 
tranken die Gläser leer und setzten sie auf den Tisch 
zurück. 
Lizzie schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte 
nachdenklich. „Du hast recht, unsere Liebe fing an 
schläfrig zu werden —■ nun hat sie wieder frischen Wind 
bekommen — und ich bin dir ganz und gar nicht böse, 
daß du mir Ursache gegeben hast, dich zu schelten — 
denn so lieb wie heute Abend bist du seit langem 
nicht gewesen und so glühend wie heute, waren deine 
Küsse nur in der ersten Zeit unserer Ehe. — Ich gebe 
dir Absolution — auch für künftige Fälle —- allerdings 
dürfen sie nicht oft verkommen — denn allzuviel 
Nächte in Sorge um dein Fernbleiben, würden an meinen 
Nerven zehren —“ 
„Süße kleine Frau —“ sein Mund, der ihre Lippen ver 
schloß, sollte auch sein Gewissen zum Schweigen 
bringen. 
E. J A N C O 
u der Zeit, da in Frankreich der all 
mächtige, wegen seiner galanten Aben 
teuer bekannte König regierte, den 
Heinrich Heine den „größten Louis 
aller Zeiten“ genannt hat, war die 
Gilde der königlichen Steuerpächter 
und Zolleintreiber berüchtigt und ge 
fürchtet im ganzen Lande. 
Sie standen nicht nur in dem Rufe, 
die strengsten Vertreter einer ohne jede Schranke 
regierenden Kaste von Beamten zu sein, sondern sie 
waren auch bei den Ehemännern und Vätern des da 
maligen Frankreichs sehr gefürchtet, da sie nur allzu 
gern die von der Krone erborgte oder erkaufte Macht 
dazu benutzten, in fremden Revieren zu pirschen und 
den hübschen Frauen und Mädchen des an schönen 
Vertreterinnen des schwachen Geschlechts gewiß nicht 
armen Landes nachzustellen. 
Die Geschichte, die ich hier erzählen will, begann 
damit, daß der königliche Steuerpächter 
Dubois in einer nahe von Versailles gelegenen dörf 
lichen Vorstadt eine junge Bauersfrau entdeckt hatte, 
die ihm ganz außerordentlich gefiel. 
Lisette Verd e war nicht nur eine ausgesprochene 
brünette Schönheit von 23 Jahren, sondern sie sah 
auch für eine Frau ihres Standes zu damaliger Zeit 
außergewöhnlich intelligent aus. Gesehen hatte Dubois 
die schöne Lisette zum ersten Male, als er dem Bauer 
Claude Verde einen dienstlichen Besuch gemacht hatte. 
Damals waren ihm die berückende Schönheit und der 
regsame Geist der jungen Frau aufgefallen, und der 
alte Schwerenöter, der trotz seiner 54 Jahre die Frauen 
noch immer für den allerliebsten Zeitvertreib der Welt 
hielt, konnte seine Gedanken gar nicht mehr losreißen 
von der entzückenden Lisette. 
Als das Liebesfieber in dem alternden und doch noch 
so jungen Herzen des Steuerpächters übermächtig ge 
worden war, und er es vor Sehnsucht nach der schönen 
Bauersfrau gar nicht mehr aushalten konnte, entschloß 
er sich zu einer Art von Offensive überzugehen; da er 
es für geratener hielt, nicht gleich selbst in eigener 
Person in das Haus des Bauern Verde zu gehen, so 
kaufte er eine schöne Dose, angefüllt mit wohlriechen 
den Essenzen, wie sie die elegante Gesellschaft der 
damaligen Zeit liebte, rief seinen 18jährigen 
Diener Jean zu sich, überreichte diesem feierlichst 
die Dose und gab ihm den Auftrag, damit zu Madame 
Lisette Verde zu gehen, ihr die Dose als Zeichen der 
heißen Verehrung seines Herrn für sie zu Füßen zu 
legen und ihr anzukündigen, daß noch am Nach 
mittag desselbigen Tages Herr Ernest Dubois, könig 
licher Steuerpächter Seiner Majestät des Königs, der 
kleinen Frau Lisette die Ehre seines Besuches er 
weisen werde. 
Da der Bauer Claude Verde, Lisettes angetrauter, 
wegen seiner mangelnden Intelligenz in der ganzen 
Gegend bekannter Ehemann, an diesem Tage eine 
Fahrt nach Neuilly unternehmen mußte, wohin ihn die 
Unterbeamten des Herrn Dubois höflichst, aber sehr 
energisch eingeladen hatten, so konnte die schöne 
Lisette über den eigentlichen Zweck des Besuches des 
Herrn Steuerpächters gar nicht im Zweifel sein; sie
        
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