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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 17 
12 
£%n, mcrDernao ^AXoircKe-n, von SQdy t/icutA. 
er Sultan Abdul Hassan war tief melan 
cholisch. Nichts machte ihm mehr 
Spaß. Nicht seine zwanzig Harems 
schönen, die für ein Lächeln ihres Ge 
bieters sich vierundzwanzig Stunden 
kasteit hätten, nicht die Spaßmacher 
seines Palastes, welche hoch dafür be 
zahlt wurden, ihren hohen Herrn zum Lachen zu 
bringen, und nicht einmal die fette Favoritin, deren 
mißverstandene Pariser Modetorheiten ihm sonst viel 
Freude bereitet hatten. Neununddreißig Babys krabbel 
ten, schrien und tobten im Kindersaal des Harems 
durcheinander, und alle hoben auf Kommando die 
Ärmchen zur Begrüßung ihres erlauchten Papas. Es 
rührte ihn nicht, achtlos schritt er über das Kroppzeug 
weg, und schloß die Tür seiner geheimen Gemächer 
hinter sich ab. 
Da beschlossen die sultanlichen Leibärzte, ihren 
hohen Herrn auf Reisen zu schicken, und der Sultan 
stimmte diesem Entschlüsse zu. Wo man sich lang 
weilte, war ja schließlich ganz egal. 
Er wählte als Reisebegleiter den schlanksten seiner 
Obereunuchen, zog ihm moderne europäische Kleider 
an und nahm den Weg nach der Schweiz, um das 
europäische Leben kennenzulernen. 
In dem großen Luxushotel in Interlaken lebte eine 
amerikanische Dollarprinzessin mit ihrem Papa und 
ihrem ausgiebigen Hofstaat. Sie war exzentrisch und 
elegant, und ihre fadendünne Schlankheit war ein selt 
samer Kontrast zu den durch Süßigkeiten und Nichts 
tun dick gewordenen Haremsdamen. Abdul verliebte 
sich auf Anhieb und beschloß innerlich, seinen Harem 
aufzulösen und nur der Einen zu gehören, welche seine 
Gattin werden sollte. Der unerhörte Reichtum ihres 
Vaters, von dem ganz Interlaken lebte, war kein 
Hindernis, so wurden die Krawatten und Seiden 
strümpfe des jungen Sultans immer herausfordernder 
und die Blicke Kittys, welche den beiden exotischen 
Männern folgten, immer nachdenklicher und glänzen 
der. Bis am dritten Tage der Sultan merkte, daß die 
intensiven Blicke der Angebeteten, welche entkleideten, 
nicht ihm, sondern seinem Begleiter galten, der die 
selben lächelnd erwiderte. Abdul Flassan dachte nach. 
Was stand nach heimatlichem Recht auf eine solche 
unerhörte Disziplinlosigkeit? Ganz einfach, in einen 
Sack mit Steinen gesteckt und weg in den Bosporus. 
Aber zwischen dem Moment der Rache und deren 
Ausführung standen zwei Tagereisen, und bis dahin 
war die Rache abgekühlt. Es gab nur eins, womit man 
gleichzeitig die hochmütige Kitty strafte, und beide der 
Lächerlichkeit preisgab. Der Eunuchenoberst mußte die 
Dollarprinzessin Kitty heiraten. 
Als der Sultan seinem Begleiter seine absurden Pläne 
mitteilte, fletschte der die Zähne, die in seinem braunen 
Gesicht wie Elfenbein leuchteten, und freute sich auf 
den Spaß. Eine Dollarprinzessin heiraten, — die ihm 
Reichtum, Freiheit und Unabhängigkeit verhieß, war 
kein übler Gedanke. Nur erst fest und sicher haben, 
alles andere fand sich schon. Und die exzentrische Miß 
legte beim Tanztee ihre gepflegte weiße Hand ver 
trauensvoll in seine braune Pratze und tanzte mit ihm 
den neuesten Modeshimmy. Dann forderte sie ihn zu 
einer Autotour auf, sie selbst würde chauffieren. Ohne 
jede Begleitung, denn Kitty war eine modern denkende 
junge Dame und kaufte nicht gern die Katze im Sack. 
Die Autotour mit der Schönen allein machte Zender, 
dem das Bedienen von Frauen Lebensbedingung war, 
zuerst viel Spaß. Das Picknick auf der Alpenwiese, mit 
all den silbernen Tischgeräten, welche im Bauch des 
Autos verstaut lagen, war entzückend. Nur als die 
Dämmerung einbrach, und seine schöne Partnerin 
immer noch keine Anstalten machte, den Heimweg an 
zutreten, machte ihn dies nachdenklich und seine 
großen schwarzen Tieraugen wurden immer ängstlicher. 
An einem einfachen Landhaus stoppte Kitty und fuhr 
in elegantem Bogen vor der Einfahrt vor, sie schien dort 
bekannt zu sein. 
„Well“, sagte sie, ihre entstellende Autobrille ab 
nehmend, „hier wird übernachtet, please“. 
Zender wurde vor Schrecken seekrank. Was nun? 
Alles war vorbei nach dieser Nacht, der Traum von 
Glanz, Schönheit und Reichtum versunken und ver 
gessen. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Kitty das 
Versorgen des Autos überlassend, betrat er das Haus 
und bestellte zwei getrennte Schlafzimmer für seine 
Braut und sich. 
Die gemütliche Wirtin belehrte ihn, daß das die Miß 
noch nie verlangt hätte, so oft sie herkäme. O Gott. 
Aber bei dem kleinen Souper, das er dank der Mittel, 
welche ihm die Gunst des Sultans gewährte, tadellos 
zusamenstellte, ergriff er plötzlich die Hand der Miß, 
drückte sie, daß sie aufschrie, und sagte: 
„O ick ihnen lieben so sehr, aber never ick würden 
berühren eine Frau, die ick will maken zu meine Ge 
mahlin. Das sein die größte Sünde in meine Heimat, 
please.“ 
Kitty machte ein entsetztes Gesicht. Sowas war ihr 
noch nicht vorgekommen. Heiraten, Sünde, was waren 
diese Asiaten für komische Leute. Aber als er selbst 
nach der dritten Flasche Sekt tugendhaft blieb und nur 
ihre Fingerspitzen küßte, gab sie das Rennen auf und 
setzte den Termin der Hochzeit fest. Dieser keusche 
Johannes mit den Feueraugen hatte gerade das richtige 
getroffen, sie mußte hinter das Geheimnis seiner Feuer 
augen kommen. 
Als das junge Paar die ganze Nacht wegblieb, lachte 
der Sultan, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. 
Und als sein Begleiter endlich glückstrahlend zurück- 
kam und ihm seine List gestand, lachte er nicht mehr, 
denn nun wußte er, daß sein Obereunuche viel klüger 
war, als er.
        
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