Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 17 
10 
U nter einem blühenden Pfaumenbaum lagen zwei 
junge Männer, der eine in einer Hängematte, 
der andere in einem Liegestuhl. Sie hatten an 
diesem Tage noch nichts getan und waren daher 
beide entsetzlich müde. Robert in der Hängematte 
dachte an ein Mädchen, das Eduard im Liegestuhl auch 
kannte. Er wußte, sie war ehemals dessen Freundin ge 
wesen, aber er hatte die beiden seit langem nicht mehr 
zusammen gesehen. Vieleicht bot sich jetzt die Gelegen 
heit, alte Beziehungen wieder anzuknüpfen, denn sie 
war immer ein reizendes Mädel gewesen und hatte ihn, 
wie er glaubte, viel mehr geliebt als seinen Freund. 
„Wie geht es eigentlich Lisa?“ fragte Robert unver 
mittelt. 
„Lisa? Wieso?“ 
„Nun, ich habe sie lange nicht gesehen.“ 
„Das ist wohl kaum meine Schuld.“ 
„Das nicht, aber du bringst sie nie mehr mit. Ein 
netter Kerl übrigens, findest du nicht auch?“ 
„Ich weiß nicht.“ 
„Nun tu nicht so, als ob du Lisa nicht kennst! Ihr 
(Turt ©elbedr 
Eduard legte die Füße übereinander und deklamierte; 
„Das Suppenhuhn.“ 
„Das Suppenhuhn?“ fragte Robert. „Handelt dieses 
Gedicht von einem Suppenhuhn?“ 
„Nein, weshalb soll ein Gedicht, betitelt: ,Das 
Suppenhuhn*, etwas über ein solches enthalten?“ 
„Nun, ich dachte, da die Überschrift “ 
„Deine Rückständigkeit ist empörend! Jeder gebildete 
Mensch weiß, daß die Überschrift nie etwas mit dem 
Inhalt zu tun hat. Du entsinnst dich, wir waren neulich 
in der Oper Salome?“ 
„Ich saß hinter einer Säule“, sagte Robert, der nichts 
von Musik verstand. 
„Trotzdem wird dir auf gef allen sein, daß der Inhalt 
wenig mit Salome zu tun hatte.“ 
„Wie gesagt, ich saß hinter einer Säule.“ 
„Nun, und ich saß dicht dahinter und habe genau auf 
gepaßt. Haben die Leute auch nur einmal am Abend 
den Salome-Foxtrott gespielt? Genau so ist es mit 
meinem Gedicht. Also bitte: Das Suppenhuhn.“ 
wäret doch früher immer zusammen. 
„Ja früher mal.“ 
„Na und jetzt?“ 
„Jetzt ist sie tot.“ 
„Ach deshalb sieht man sie so selten? Woran ist sie 
denn gestorben?“ 
„Sie ist nicht gestorben, sie ist überhaupt nicht tot 
in dem üblichen Sinne, sie ist tot — für mich!“ 
„Für dich?“ 
„Ja, sie hat sich verlobt.“ 
„Eine nette Bescherung, da sind wir eine Freundin 
los.“ 
„Das sage nicht, das heißt, ich habe Ersatz. Da muß 
ich dir eine Geschichte erzählen.“ 
„Nur nicht so rasch“, sagte Robert, „es könnte dir 
gehen, wie dem Lebensmüden auf der Kleinbahn.“ 
„Wie war denn das?“ 
„Das war ein Mann, der war lebensmüde, und da 
legte er sich auf die Schienen der Kleinbahn. Aber da 
fuhr nur alle drei Wochen ein Zug, und der letzte war 
gerade weg. Und als endlich der nächste kam, fand 
man ihn als Dörrgemüse vor.“ 
„Das ist ja alles ganz schön“, meinte Eduard, „aber 
der Mann kann mir nichts nützen.“ 
„Er ist ja auch schon tot, aber du wolltest doch eine 
Geschichte erzählen?“ 
„Es ist eigentlich gar keine Geschichte, es ist ein 
Mädchen. Ein reizendes Geschöpf. Ich lernte sie auf der 
Redoute kennen, Holländerkostüm oder so. Jedenfalls 
sah sie fabelhaft aus. Sie war allein gekommen und ging 
auch wieder allein, ehe die Masken abgenommen 
wurden. Wir tanzten zusammen, aber sie sagte mir 
nicht ihren Namen, doch versprach sie, mich Wieder 
sehen zu wollen. Natürlich war ich glücklich, denn 
dieses Mädchen — oder war es eine Frau? — war be 
zaubernd. Ein Gang wie ein Gedicht, Bewegungen in 
den Hüften, ein sentimental geschwungener Mund, 
Mandelaugen ich schweige.“ 
„Ich finde, du redest reichlich viel über dieses Mäd 
chen. Du bist ja ganz außer Fassung.“ 
„Kein Wunder. Übrigens habe ich ein Gedicht ge 
macht.“ 
„Ein Gedicht?“ sagte Robert. „Fühlst du dich 
krank?“ 
„Durchaus nicht. Plötzlich kam die Inspiration über 
mich, und da habe ich ein herrliches Gedicht gemacht.“ 
„Wie sieht denn das Ergebnis deiner Inspiration 
aus?“ 
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, 
Daß ich so traurig bin. 
Ein Mädchen aus alten Zeiten 
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“ 
„Das ist ja unerhört!“ ereiferte sich Robert. 
„Wieso? Muß ich etwa an alte Mädchen denken?“ 
„Nein, aber das Gedicht hat man dir gestohlen.“ 
„Ausgeschlossen, ich habe es erst gestern gemacht.“ 
„Dann hat es dir einer vorgedichtet! Ich habe es schon 
gedruckt gelesen.“ 
„Wo denn?“ 
„Im Liederbuch von Heinmann.“ 
„So? Ich werde den Mann verklagen. Aber ich wollte 
dir ja eine Geschichte erzählen.“ 
„Ist bereits geschehen.“ 
„Aber die Pointe fehlt.“ 
„Die fehlt bei dir stets.“ 
„Diesmal nicht, denn das Mädchen, das ich auf der 
Redoute nur in der Larve gesehen habe, erwartet mich 
heute. Könntest du mir einen Gefallen tun? Ich will 
mich um fünf Uhr vor dem Hotel Astoria treffen, aber 
ich habe so viel zu denken (er legte die Beine wieder 
auseinander), so daß ich nicht hingehen kann. Vielleicht 
kannst du sie abholen und herbringen? Du wirst sie 
leicht erkennen, sie hat links einen Goldzahn und ein 
Schönheitspflästerchen auf dem Kinn.“ 
„Haha“, lachte Robert, dem eine glänzende Idee kam. 
Jetzt konnte er den Fall Lisa wieder gutmachen. 
„Was hast du denn?“ fragte Eduard. 
„Diesmal hast du falschen Anschluß erwischt! Das 
ist gar kein Mädchen, das ist ein junger Mann. Ich 
kenne ihn, er heißt Paul Meier, er macht sich öfter den 
Scherz, in Kostümen seiner Schwester auf den Ball zu 
gehen. Aber da sind schon andere drauf reingefallen 
als du.“ 
Eduard legte die Beine wieder übereinander. 
„Ich habe Pech“, sagte er, „aber das macht nichts, 
dafür bin ich ein Dichter!“ 
Als Robert eine Stunde später pünktlich am Astoria 
vorfuhr, wartete dort ein entzückendes Mädchen. Sie 
hatte links einen Goldzahn und ein Schönheitspfläster 
chen auf dem Kinn. Robert entschuldigte seinen Freund, 
der leider unabkömmlich sei, und stellte sich ihr voll 
kommen zur Verfügung. Und wenige Stunden später 
war die niedliche Kleine gar nicht mehr enttäuscht, daß 
sie eigentlich falschen Anschluß erwischt hatte.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.