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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Spielereien 
Scheu erman 
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ean Jacques Philipp hatte aus Ekel vor der erbärmllohen 
kleinmütigen Reaktion, die nach Napoleons traurigem Ende 
sich in Paris breit machte, die ehrenvolle Flucht ergriffen — 
hinaus in die Natur. Philipp war im Grunde ein harmloser 
junger Schriftsteller ohne Namen, aber sein Herz glühte für 
die Freiheit, für die Menschenrechte, für die Natur. Er 
hatte seinem schlichten Vornamen deshalb auch die seines 
Abgottes J. J. Rousseau vorangestellt und schrieb unter 
/ diesen drei Vornamen flammende Artikel für die kleinen 
f Revolutions-Journale, die als letztes von der glorreichen 
Umwälzung von 1789 übriggeblieben waren. 
Jean Jacques Philipp also hatte sich auf das Land begeben, 
Seineaufwärts mit dem Dampfschiff, und sich bei Vater Nico 
deme einquartiert, in dessen Moulin Rousseau. Das war das 
Hauptquartier der unentwegten Revolutionäre an dem schönen 
grünen Seineufer weit draußen vor der abtrünnigen Haupt 
stadt. Vater Nicodeme hatte die alte Mühle gekauft und sie 
in ein Gasthaus umgewandelt; einmal, weil das etwas ein 
brachte ohne allzuviel Arbeit und sodann, um die „Rückkehr 
zur Natur“, das Gebot des großen Propheten der Revolution, 
zu erleichtern, Dem alten Anwesen hatte er in sinniger Weise 
auch den Namen Jean Jacques Rousseaus verliehen. 
Dort also lebte Philipp seit einigen Tagen behaglich auf 
Kredit. Es war ein herrlicher Frühsommer. Er hatte die 
weißleinenen Pantalons hervorgeholt und seine goldbraune 
Locke flatterte mit dem freiheitlichen Schlips um die Wette, 
wenn er im warmen Winde am Ufer entlang spazieren ging, 
Artikel, Pamphlete, Hymnen im Kopfe. 
Dem Vater Nicodeme hatte seine verstorbene Gattin einst 
ein Töchterlein hinterlassen, Arsinoe, die nun an die siebzehn 
Lenze zählte. Sie war in diesem Sommer in allen Reizen er 
blüht. Ihre bräunliche Haut schimmerte wie Pfirsich, und 
ihre Augen strahlten golden wie die Sonne selber. Mit langen 
Blicken sah sie Jean Jacques Philipp nach, wenn er nach einem 
klugen Gespräch mit Vater Nicodeme hinausschritt, aufrechten 
Hauptes, in die göttliche, freie Natur. 
Ja, Jean Jacques Philipp hätte sie umarmen können — die 
Natur, nicht die kleine, zierlich Arsinoe, deren Reize er noch 
nicht recht bemerkt hatte. Er sah immer in die Ferne, die 
Kleinigkeiten der Nähe schienen ihm zu gering. Also, er 
wollte die göttliche Natur umarmen, sich an ihren Busen 
drängen . . . Der breite Fluß erschien ihm dazu das Ein 
ladendste. Es wurde schon recht heiß, das plätschernde, 
gurgelnde Wasser war bereits erwärmt, die blühenden Kasta 
nien verdeckten seine Blöße — er wagte ein Bad. — Nachher 
lag er in strahlender Nacktheit, der Sonne preisgegeben, im 
hohen Grase, Thymian- und Ritterspomumblüht, wohlig ge 
reckt. Ah — welch ein Genuß — heimgekehrt zur Urmutter 
Natur. . . 
Als er am Abend in dem Wirtsgarten saß, brachte ihm 
Arsinoe das Nachtessen, blieb eine Weile neben seinem Stuhle 
stehen und fragte nach einigem Hin und Her: „Monsieur Jean 
Jaques — war es nicht recht kalt heute, das Wasser?“ Darauf 
sah Jean Jacques Philipp entsetzt auf, aber sie kicherte nur 
und war in der steigenden Dunkelheit verschwunden. Ihm ließ 
ihre Frage keine Ruhe. Er spürte sie auf, fragte sie, bedrängte
        
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