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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr. 17 
6 
FRAUENLAUNEN 
* — ★ 
EGON H. STR 
rauen sind mehr den Stimmungen unter 
worfen als die Männer. Ihre oft flackernde 
Seele, ihr nervöses Gehirn und ein bunt 
schillerndes Charakterdasein veranlassen 
teils Gutes, teils Schlimmes. Gutes, indem 
sie bei ihrer vibrierenden Wesensbe- 
» schaffenheit im Gegensatz zum anderen 
fj Geschlecht leicht ihre Torheiten und 
Fehlgriffe' einzusehen vermögen, sie wieder gut zu 
machen trachten — Schlimmes, indem sie, von hundert 
Stimmungen beeinflußt, ungerecht werden und die Um 
welt demgemäß behandeln. 
Der Witterungsumschlag der Frauenpsyche voll 
zieht sich oft rascher als jener im Luftmeer: Hier 
kündet das Barometer uns doch wenigstens das andere 
Wetter an; bei der Frau weiß man nichts vom Wetter 
glas und Wärmemesser. Gestern 40 Grad Celsius, heute 
Gefrierpunkt! Es geht rasch nach unten, das Thermo 
meter. Irgend ein Lapsus, ein Versehen (zu deutsch 
faux pas) wirkt bestimmend, versetzt in Ungnade und 
bringt dauernde Verbannung aus den Boudoirs, den 
Salons und den anderen erhabenen Gemächern einer 
schönen Frau. 
Und so das Gegenteil: irgendein netter Bursche mit 
dem Exterieur eines kraftstrotzenden Bauern vermag 
die launenhafte Frau in Verzückung zu versetzen und 
ekstatisch zu wirken. 
Beispiele gibt die Geschichte aller Reiche tausendfach, 
wo übersättigte hohe und höchste Frauen die Stalluft 
der parfümgeschwängerten Luft vorzogen . . . Das Lied 
des Pagen, des armen, dummen Schleppenhalters, kennt 
jedes Mädchen und es weiß, wie der kleine, schmale 
Pagenkopf am Galgen sein frühzeitiges Ende gefunden. 
Das sind Stimmungen der Frauen, die auch heute noch 
grassieren, wenn auch nicht jeder Seladon ein Page ist 
und nicht jeder in Ungnade gefallene Jüngling gleich 
sterben muß. 
Staatsmänner nützten die Stimmungen der Frauen, die 
eine Krone auf dem Haar trugen, weidlich genug aus. 
So weiß die Historie und wissen Histörchen, daß die 
Kaiserin Anna Iwanowna von Rußland (1730—40) von 
ihrem berüchtigten Biron in den Augenblicken frauen 
hafter Hingabe und Schwäche liebenswürdig gezwungen 
wurde, kleine Todesurteile, die er vorgelegt hatte, zu 
unterzeichnen. Umgekehrt handelte die Pompadour bei 
einem Ludwig XV. Irgendeine boshafte Stimmung gab 
dieser Frau die Kraft, ihren königlichen Freund zu be 
stimmen, einem Menschen schneller das Tor zum Jen 
seits zu öffnen. 
So wird von Elisabeth Petrowna (1741—1760) gesagt, 
daß sie eines Tages ihren Generalen befohlen habe, die 
kriegerische Tätigkeit zu verschärfen und nicht mehr 
Pardon den Preußen angedeihen zu lassen. Bei Unter 
zeichnung dieses Befehls fiel irgendeine Fliege in ihr 
Tintenfaß. Sie sah darin ein böses Omen, Unterzeichnete 
nicht und zitterte vor Erregung. Schnell änderte sich die 
Stimmung und sie „belobigte“ die Kriegführung der 
Generale. (Grundsatz: komme ich heute nicht, dann 
komme ich morgen.) 
Jene Launen und der Stimmungswechsel von Augen 
blick zu Augenblick waren berüchtigt. Obwohl sie den 
Beinamen „die Milde“ bekam, waren in ihrer Regie 
rungszeit mehr Hingerichtete zu verzeichnen, als bei 
Peter dem Großen. Sie überhäufte um 6 Uhr einen 
ASSBURGER 
Popen mit tausend freundlichen Anerkennungen und 
befahl um 7 Uhr wütend ein Dutzend Verschickungen 
nach dem gesegneten Sibirien. Devotion einerseits, 
asiatisch-klingende Grausamkeit andererseits. 
Schlimmer fast noch in ihrem Stimmungsumschwung 
war Katharina II., während die erste Katharina sich vor 
jener vorteilhaft unterschied. 
Die sehr erotisch veranlagte Kaiserin (1762—96) be 
nahm sich auf ihrem russischen Thron geradezu toll 
wütend, was die Laune anbetraf, und ihre Vorgängerin 
war ein Waisenmädchen gegen sie, die exaltiert vom 
Liebesrausch in den Blutrausch verfiel, die gnadenlos 
füsilieren ließ und nach dem höchstpersönlichen Zu 
gegensein dieser Exekution eilig einem Potemkin oder 
sonst einem Ausgezeichneten innigste Schmeichelworte 
zu sagen verstand. Ihre lange Regierungszeit, die sicher 
prachtvolle Momente und Tage erlauchten Geistes hat, 
war doch mit weiblicher Hysterie im ganzen Ausmaß 
erfüllt und jener Staatsmann, der seine lose Zunge mit 
der Verbannung büßte, hatte zweifellos recht, wenn er 
behauptete, daß Frauen nicht zum Regieren geschaffen 
seien. 
Die tausend Stimmungen verderben nicht nur vom 
Throne herab die Laune, sie sind nicht eben vorteilhaft 
im Privatleben der modernen Welt. 
Wir haben in der republikanischen Zeit keine Hof 
intrigen mehr, die eine Frau zum Äußersten zu reizen 
vermögen; wir brauchen ein Frauengeschlecht, das sich 
in dieser Zeit nicht aufregt, wenn die Schneiderin die 
Dame im Stiche läßt. 
Toilette und Schönheitsangelegenheiten verursachen 
so viele schlechte Launen. Das Knopfabspringen vom 
Stiefel, der Schlitz an der Taille, das Loch im seidenen 
Strumpf — sie veranlassen so manchen Aufschrei der 
gequälten Seele; sie bringen die Stimmung, die den 
Männern endloses Unbehagen schafft und sie bis an die 
Grenze des Scheidungswunsches führen kann. 
Irgend eine augenblickliche Gleichgültigkeit der Gattin 
gegenüber bringt es manchmal fertig, daß die Rosen 
laune von vorhin in einen Feuerregen verwandelt wird. 
Es ist hier nicht der Ort, der sich mit der Lehre zur 
Besserung befassen soll, aber eine Frau, die lächeln und 
verstehen kann, baut sich ein größeres Glück als die 
überspannte und überreizte Dame. 
Daß auch die fraugewordene Spekulationswut und 
Spielwut der letzten drei Jahre viel zur Launenhaftig 
keit einer Dame beiträgt, ist sonnenklar. Alle Schwan 
kungen und Valutatätigkeiten, alles Schaukeldasein und 
alles Hin und Her färbt ab und besonders da, wo viel 
weiße Kleider getragen werden. 
Die Frau von heute ist ein Stimmungsmensch, ist der 
Abklatsch dieser nervösen Zeit, die so viele Merk 
würdigkeiten, Albernheiten und Unruhe hervorbringt. 
Überall Launen, überall Stimmungen, überall Gefühls 
wechsel, auf und ab, wie die Wogen des Meeres aus 
nichtigen kleinen Gründen. 
Eifersucht, Toilettenschmerz, Intrigen im bürger 
lichen Dasein usw. usw. . . . aber keinen Stimmungs 
umschwung im Geldausgeben, ob die Kasse sich füllt 
oder sich leert. 
Diese Stimmungen überlassen diese schönen Frauen 
gern den Männern.
        
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