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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 17 
Jahrg. 27 
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eins gehen sie wieder. Dann ist sie nämlich total, aber 
to—tal! Trinken nur Sekt. Findest du nicht, daß sie 
schrecklich große Füße hat? — Darf ich noch einmal 
einschenken?“ 
Die Trude 
Sie ist die hübscheste der Bardamen. Ein reizendes 
Gesichtchen mit ein paar Augen, die funkeln und 
sprühen wie Brillantfeuerwerk. Trude hat sehr schön 
gepflegte schmale Hände. 
„Du willst wohl eine Rundreise machen?“' 
„Du hast es erraten.“ 
„Also augenblicklich vierte Station. Wie lange hält der 
Zug hier?“ 
„Das kommt drauf an!“ 
„Gehen wir in den Wartesaal erster oder zweiter 
Klasse?“ 
„Zweiter Klasse.“ 
„Gut. Portwein gefällig, Mosel, Bordeaux, Zigarren, 
Zigaretten? Reiselektüre, Reiselektüre!“ 
„Eine halbe Haut Sauternes und einige Zigaretten, 
bitte!“ 
Trude raucht sehr graziös. 
„Queen ist meine Lieblingszigarette. Früher habe ich 
auch Pfeife geraucht.“ 
„Du, Pfeife geraucht?“ 
„Jawohl. Ich bin mit einem Freund gereist, einem 
Engländer, der wollte gern, daß ich auch Pfeife rauche. 
Und da habe ich Pfeife geraucht! War übrigens ein 
komisches Huhn, der George Minston. Schwerreicher 
Junge! Habe interessante Reisen gemacht. Wir waren 
zusammen in Spanien, Italien und Frankreich. Ich 
konnte alles von ihm haben, aber er war grenzenlos 
eifersüchtig. Wenn mich in Paris ein Herr irgend etwas 
fragte, mußte ich antworten: Je ne sais pas. Und wieder 
holte jemand eine Frage, mußte ich antworten: Pas du 
tous. Nun stell dir mal vor, den ganzen Tag nichts weiter 
zu sagen als: Je ne sais pas — Pas du tous! Sogar des 
Nachts im Schlafe habe ich es leise gemurmelt. Er 
wollte mich heiraten. Wirklich heiraten. Aber eines 
Tages habe ich ihm den Abschiedsbrief geschrieben. Je 
ne sais pas — Pas du tous! das war der ganze Brief. Und 
dann bin ich abgefahren. Außer diesen französischen 
Brocken habe ich mir nur noch einen französischen 
Namen zugelegt. Das ist alles, was ich aus Frankreich 
mitgebracht habe.“ 
„Wie heißt du denn? Oder vielmehr wie nennst du 
dich?“ 
„Ich nenne mich Trude Richelieu. Richtig heißen tue 
ich Gertrud Engerling. Aber Trude Richelieu klingt viel 
vornehmer. Findest du nicht auch?“ 
„Sehr vornehm sogar. Du siehst auch ganz wie eine 
Französin aus.“ 
„Ironie trifft mich nie. Du bist aber ein ganz nettes 
Kerlchen. Ich will dir einen Vorschlag machen: Wir 
trinken eine Flasche französischen Sekt, du bleibst bis 
Schluß und dann —“ 
Die Annie 
„Guten Tag! Also zu mir kommen Sie auch! Das finde 
ich sehr nett. Sie studieren wohl die Bardamen, um ein 
Buch darüber zu schreiben?“ 
„Wie kommen Sie darauf?“ 
„Ja, sehen Sie, ich bin eigentlich Dichterin und besitze 
deshalb gute Menschenkenntnis. Und als ich beob 
achtete, wie Sie von einer Dame zur anderen hinauf 
rückten, sagte ich mir, der stellt psychologische Studien 
an. Stimmt es?“ 
„Sie dichten, sagen Sie?“ 
„Jawohl. Aber nur ernste Sachen. Das liegt mir eben. 
Ich bin eine Dichterin und deshalb stehe ich auch über 
den Bardamen. Mitunter hasse ich das Treiben an der 
Bar. Aber ich liebe das großzügige leichte Leben. Ich 
würde umkommen in dunklen kleinen Atmosphären. 
Ich liebe die unumschränkte Freiheit. Das ist das echte 
Künstlerblut. — Was trinken wir?“ 
Ich bestelle eine Flasche Mouton de Rothschild. 
Kostenpunkt: Zwölf Mark. 
„Sie sind Ausländerin?“ 
„Ich bin aus Genf. Mein Vater ist ein reicher Mann. 
Er hat mehrere Häuser. Ich konnte mich nie mit ihm 
verstehen. Er ist ein Erzjesuit. Hat mich sogar im 
Kloster erziehen lassen. Am Tage meiner Konfirmation 
bin ich fortgelaufen. Direkt nach Paris. Dort war ich 
zwei Jahre Schulreiterin, bis ich einen Unfall erlitt. 
Ging dann an die Bar. Aber diese Menschen, die an die 
Bar kommen! Durchschnittsmenschen, Flerdenmen- 
schen. Denen ich schmeicheln, die ich unterhalten seil, 
mit denen ich trinken muß. Die frivole Witze erzählen 
und mich berühren. Die mitunter viel Geld haben und 
dann meinen, damit Herz und Seele eines Barmädchens 
erkaufen zu können. Die am wenigsten Geld haben, 
oder zufällig nur den einen Abend Geld haben, an dem 
sie an der Bar sitzen, nehmen den Mund am vollsten. 
Erzählen von Reisen, die sie gemacht haben wollen. 
Vom vielen Geld, das sie ausgegeben. Und doch weiß 
man, daß sie lügen, lügen. Lügen, um sich interessant 
zu machen. Und ich tue, als glaube ich alles, was sie 
erzählen. Ich hasse diese Menschen! Ach, bitte, kaufen 
Sie mir Blumen. Rosa Blumen liebe ich besonders. Darf 
ich noch eine Flasche — “ 
Die Susi 
„Wie kannst du nur bei der Annie sitzen! Ich glaube, 
sie hat heute wieder ihren Moralischen. Wir halten sie 
alle für ein bißchen tralala. Darf ich dir einen Wein 
empfehlen? Wir nehmen einen leichten, billigen Mosel, 
und du gibst mir nachher ein gutes Trinkgeld “ 
Finale 
Eine Bardame ist noch da. Die Fifi. Ich warte jetzt 
auf den Haupttreffer in der Lotterie. Fünfte Klasse! 
Dann spendiere ich der Fifi ein ganzes Faß teuersten 
französichen Schaumweines. Ich bin neugierig, was’ sie 
mir dafür erzählen wird. —
        
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