Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 2 
Jahrg. 27 
i6 
Ich hätte Ihnen die unerhörteste Erinnerung bewahrt. 
Aber Sie verließen den dekorativen Rahmen jener 
Tür, um zurückzukehren. Sie verrieten sorglos Ihr In 
kognito — Sie identifizierten sich mehr und mehr — Sie 
kamen wieder bei Tageslicht — ich lernte Ihren Beruf 
und Ihre Gewohnheiten kennen — die Art Ihres Vor 
wurfs und Ihrer Zärtlichkeit — und mehr und mehr 
wurden Sie: Sie selbst — Herr Assessor Dr. Berton, — 
und mehr und mehr wurden Sie ein Herr — irgend ein 
wildfremder Herr, dessen schweigende Kontur einst die 
falsche Hoffnung in mir erweckte, er wäre der Mann — 
der Eine — geboren aus dem Ungefähr. 
Denn wir alle erwarten heimlich noch etwas von dem 
Ungefähr, das plötzlich da ist, manifestiert durch die 
Kraft unseres verborgenen Wunsches. Wir alle er 
warten heimlich noch etwas von der Protektion der 
Dämmerung, wenn zwischen den langsam aufflackern 
den Lichtern der Straße unerreichte, entgleitende Kon 
turen an uns vorüberstreifen — und wir glauben, daß 
eine dieser ewig verflüchtenden Konturen sich einmal 
verdichtet — zur Einzahl wird — und das große Er 
lebnis uns seinen Repräsentanten schenkt! 
Sie haben einen Fehler gemacht: Sie haben die ganze 
Angelegenheit zu persönlich genommen. Denn es han 
delte sich ja nicht eigentlich um Sie — es handelte sich 
gewissermaßen um ein Mehr — weit über diesen Re 
präsentanten hinweg, für den ich Sie fälschlich hielt — 
es war der Appell an das Leben selbst, in dem Glauben, 
es müsse sich einmal offenbaren in seiner Erfüllung — 
Herrenlose Gefühle irren einsam einher und da sie 
endlich die Silhouette ihres Herrn ahnen, fallen sie 
erschöpft, fast bewußtlos hin — ohne Gedanken — 
Fühlen, Ziel. 
Ich glaubte, benommen von dem Glück des Moments, 
an dieses Ziel — die Stimmung des Abends — die 
Illusion einer regen Phantasie — meine Menschenun 
kenntnis — die Dunkelheit im Auto — und dann; — ich 
bin etwas kurzsichtig, ich traute mich anfangs nicht, Sie 
so genau durch die Lorgnette zu fixieren. — 
Es war kein Spiel — es war kein Entgegenkommen 
an den Herrn Soundso — es war die spontane Hingabe 
an das Erlebnis, es war das fiebernde Greifen nach der 
Liebe, es war der hemmungslose Glaube an die Er 
füllung. 
Ich habe — via Mann — das Leben an mich reißen 
wollen, aber ich hielt einen Assessor umschlungen, der 
zu mir sagte: ich sei eine temperamentvolle kleine Maus. 
Es ist ein Moment der Gemeinsamkeit, der Eins 
empfindung, geboren aus zwei fremden Hälften, aber 
die Hälften fallen enttäuscht auseinander und begreifen 
nicht mehr ihre Gemeinsamkeit. 
Ein Herr läuft durch die Straßen — ein fremder 
Gleichgültiger, der Mitwisser solch irrigen Momentes 
ist. — 
Was kann man tun? man ist hilflos man kann 
ihn nicht vergiften — er hat, wenn er will, noch die 
bürgerliche Chance, einem den Ruf zu verderben. — 
Sie kamen wieder — immer wieder — Sie griffen 
nach mir in Ihren Gesten und Ihren Worten. Sie sagten 
„du“ — ich fühlte „Sie“ und im Zimmer blieb nur die 
Distanz . . . ich wähnte mich gefangen in dem um 
grenzten Besitz Ihrer Liebe . . . ich spähte heimlich nach 
der Tür und suchte hinaus . . . und traute mich nicht —“ 
„Nun, so ist der Wildfremde endlich Ihrem Wunsche 
entgegengekommen“, unterbrach Dr. Berton sie sar 
kastischen Tones, „er öffnet freiwillig jene Tür, damit 
Ihre Phantasie wieder unbegrenzte Freiheit zu neuen 
Taten hat. — 
Das Einzige, was ich Ihnen als Entschädigung bei 
meinem Abgang bieten kann, ist nochmals die Sil 
houette jenes abgewandten Rückens — diesmal aller 
dings — ohne Möglichkeit. 
Gnädigste — ich habe die Ehre.“ 
ZUR PHYSIOLOGIE DER LIEBE 
EMIL FERDINAND MALKOWSKY 
In innigster Beziehung stehn — 
so schrieb schon Kafidase, 
sang schon Homeros zu Athen — 
die Liehe und die Nase. 
Ist eines Mannes Nase groß, 
erheitert dies manch Trauenfos, 
Denn rasende Ehstase 
verspricht die große Nase. 
Man nennt die Könige de Parts 
erotische Berserker. 
Die Damen waren toll auf sie 
von wegen ihrer Erker. 
Ist eines Mannes Nase klein, 
wie leider das gewöhnlich, 
steift oft sich ein Verhängnis ein 
so hart wie unversöhnlich. 
Seit Eva gilt die gleiche Norm 
zu Seligkeit und — Grauen 
auch meistens von der Nasenform 
der vielgeliebten Trauen. 
Ausnahmen sind Beweise für 
Homer und Kalidase. 
Wer liehen möcht’, der prüfe mir 
zunächst des Andern — Nase.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.