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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg.27 
Nr. 1J 
2 
IN DER BAR 
•i— ===== = =1* 
ADOLF ABTER 
M erkwürdig: Die Bar ist eine Mißgeburt aus 
ehemaligen amerikanischen Drinks und an 
geblich parisischem Leichtsinn. Angeblich. 
Ich habe herausgefunden, daß der Leichtsinn einzig 
darin besteht, daß man die an der Bar getrunkenen Ge 
tränke viel zu teuer bezahlt. Und wenn man des Nachts, 
gegen Morgen, im Auto nach Hause fährt und den 
nötigen klaren Kopf hat, weiß man am besten, daß man 
sündhaftes Geld in ganz gewöhnlichem Leichtsinn aus 
gegeben hat. Aber —. das ist die Bar 
Das Milieu 
Ein raffiniert erleuchteter Raum. Violettes Halb 
dunkel. Weiche Smyrnateppiche. Die Bar: ein hohes 
Büffel, hinter dem die Magneten thronen. Sieben 
Damen in mehr oder minder geschminkten Stadien, 
In reizenden Gewändern. Mit vielem Schmuck oder ohne 
Schmuck. Bubiköpfe in wasserstoffblond und hennarot. 
Eine naturecht schwarz. In der Mitte der ewig lächelnde 
Mixer in weißer Jacke. Vor dem Büffet auf langbeinigen 
Hockern einige Herren. Smoking und Straßenanzug. 
Gesichter, die blasiert scheinen. Scheinen. Men about 
town neben Kommis. An den Seiten kleine, diskrete 
Nischen. Tischchen mit blendend weißen Decken. 
Violette Vasen mit dunkelroten Nelken, Elegante 
Herren mit ihren Gemahlinnen. Gesellschaft. Die 
Damen gehen zu gern in die Bar. Um einen Blick zu 
werfen in ein fremdes, interessantes Leben. Um zu 
sehen, wie die Bardamen die Manieren der Gesellschaft 
nachahmen. Atmosphäre einer leichten Welt. Auf 
einem erhöhten kleinen Podium die Kapelle. Geige, 
Cello, Klavier. Leise, sanfte Musik. Muß es denn, muß 
es denn grad’ die große Liebe sein . . . Sekt, Flips, 
Cocktails. Lachen der Barköniginnen. Schweigsame 
Kellner in weißen Jacken und Schürzen . . . kann es 
nicht, kann es nicht nur ein Viertelstündchen sein .... 
Die Mizie 
Sie sitzt an der Bar am weitesten nach links. Ich setze 
mich zu ihr. 
„Das ist nett, daß Sie zu mir kommen.“ 
„Bitte, einen Eierkognak.“ 
? ? 
„Eierkognak!“ 
„Darf ich auch einen trinken?“ 
„Natürlich.“ 
Mizie ist nicht sehr gesprächig. Sie blickt mich 
taxierend an. 
„Ach bitte, Mizie, erzählen Sie mir etwas. Von der 
Bar.“ 
„Wollen wir nicht eine Flasche Wein trinken?“ 
„Nein.“ 
„Ich trinke weißen Bordeaux so gern!“ 
„Das freut mich.“ 
„Sekt noch lieber.“ 
„Das freut mich auch. Aber erzählen Sie mir etwas.“ 
„Darf ich Sekt einschenken?“ 
„Aber nein!“ 
„So lassen Sie uns einen Prince of Wales trinken!“ 
„Was ist das?“ 
„Ein Kognak. Oder besser, eine Art Likör. Ein bisserl 
süß. ein bisserl scharf, ein bisserl bitter — nun, sehr 
schön gemischt!“ 
„Ich danke. Aber so erzählen Sie doch.“ 
„Für einen Eierkognak? ?“ 
Die Kafhie 
„Servus, my dear! Was machst’ für an Gesichtei? Sei 
nicht fad’. Ich stell’ eine kalt, gelt?“ 
„Wir werden eine Flasche Mosel trinken.“ 
„Ach — Mosel! Schau, der Mosel kost’ sechs Mark. 
Eine halbe Flasche Sekt acht Mark. Trinken wir halt 
Sekt!“ 
„Heute nicht, Kathie.“ 
„Schön, fangen wir mit Mosel an.“ 
Der Mosel zu sechs Mark ist ein schauderhaftes Ge 
tränk. Kostet bei meinem Delikatessenhändler eine 
Mark zwanzig. Die Musik spielt: „Im Hotel zur grünen 
Wiese.“ 
Kathie sagt: „Ach komm, laß uns tanzen. Der 
Shimmy ist zu blendend und ich tanze schrecklich 
gern!“ 
„Ich kann leider nicht tanzen.“ 
„Ach, wie dumm! Aber jetzt trinken wir Sekt, gelt?“ 
Die Lude 
„Na, du, bestell’ mal was Schönes.“ 
„Zwei Glas Portwein, bitte.“ 
„P—ort—wein? ?“ 
„Ganz recht.“ 
Sie ist enttäuscht, schenkt aber ein. 
„Warum bist du denn von der Mizie fortgegangen? 
Sie ist öde, ja?“ 
„Sehr sogar.“ 
„Das sagen viele Herren. Aber ich bin lustig. Sie sind 
doch nicht böse, daß ich ,du‘ sage?“ 
„Nein, nicht im geringsten. Wie heißt du denn?“ 
„Ich bin doch die Lucie! Ah, sieh mal die Dame, die 
jetzt hereinkommt, das ist die Frau Konsul Adelsberg. 
Der Herr ist ihr Mann. Sie kam früher bei Riehe. Viel 
Geld hat sie ja, sehr viel Geld, aber der Mann! Ich bitte 
dich, der Mann!“ 
„Wieso?“ 
„Lang und dünn wie eine Bohnenstange. Und so ver 
lebt. Sie ist zweiunddreißig, er Ende der fünfziger 
Jahre.“ 
„Nun, das ist kein allzu großer Unterschied.“ 
„Ich hätte ihn nicht genommen. Er ist furchtbar eifer 
süchtig und hat ein rheumatisches Leiden. Übrigens 
kommen die Beiden jeden Dienstag Abend. Um halb
        
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