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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 16 
Jafirg 27 
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mußte. Balduins Augen aber kamen nicht von den Spiegeln, 
Ampeln, Toilettengeräten, den seidenen Bettvorhängen und 
Malereien los. 
„Welch eine Verschwendung!“ murmelte er vor sich hin. 
Indes hatte sich Frau Karoline in ein kokettes Neglige ge 
worfen und begann nun, dem jungen Ehemann in dem Unter 
richt zu geben, was er noch zu lernen hatte, Während dieser 
Lehrstunde gab Balduin unbegreiflicherweise nicht darauf acht, 
wo er seine blaue, schwere Weste hingelegt hatte — so daß er 
sie am nächsten Morgen nicht wiederfinden konnte. Er kam 
erst wieder zu sich von dem Schreck, sie zu vermissen, als er 
Karolinen ansichtig wurde, die er, der zuerst ans dem Doppel 
bett gesprungen war, darum befragte. Karoline war nicht 
wiederzuerkennen. Ihr Gesicht runzlig und fahl, von den 
schönen, schwarzen Augenbrauen nur noch wolkige, graue 
Flecke, die Lippen blaß, der Mund eingefallen, der Hals rot 
und rauh. Aber in Balduin besiegte bei diesem Anblick doch 
bald der ökonomische Sinn den ästhetischen, und er schrie 
nach seiner Weste. „So suche doch, lieber Balduin“, sagte die 
junge Ehefrau sanft und drehte sich auf die andere Seite. Bal 
duin fuhr zitternd am ganzen Leibe in Hose und Strümpfe und 
warf in dem Schlafgem'ach all die kostbaren Ausstattungsstücke 
durcheinander. Aber die ehemals himmelblaue Weste blieb 
verschwunden. Balduin war außer sich. Er schrie, er tobte, 
trampelte — aber seine Frau hatte nur die verwunderte Frage 
für ihn übrig: „Aber weshalb echauffierst du dich denn so um 
eine alte Weste?“ — „Alte Weste!“ stöhnte der Musikus. 
„Mein Vermögen!“ —. „Wie?“ fragte Frau Karoline, „Ver 
mögen?“ —• „Ja! Ja! Eingenäht! Fünftausend . . ah!“ jammerte 
Balduin. Dann fuhr er auf: „Das Haus verschließen! Niemand 
darf hinaus! Wo sind sie geblieben: Joseph? Jakob? Saubere 
Gesellen! He? — die Mädchen? He? Schlumpen! He? —- „Ich 
bitte sehr!“ rief Mutter Karoline beleidigt, „meine Damen — 
meine Töchter rsind keine Schlumpen! In meinem Hause wird 
nicht gestohlen!“ — „So, so! Keine Schlumpen! So, so! Ich 
rufe die Polizei!“ —- „Aber, Balduin!“ besänftigte ihn die be 
sonnene Frau, noch immer im Dämmer des Alkovenbettes, 
warte doch erst einmal ab — .es wird sich alles finden.“ —- 
„Ha, ha! Es wird sich in der Tat alles finden! Ich gehe nicht 
aus diesem Hause, bis ich nicht meine Weste, meine fünf 
tausend Gulden wieder habe — in Gold, in Dukaten!“ — 
„Aber, Balduin!“ flötete Frau Karoline, es ist doch unser ge 
meinsames Vermögen —• du bist ganz verstört, mein lieber 
Mann!“ Damit langte sie aus dem Bett heraus, bekam ihn 
beim Hosenboden zu fassen und zog den Widerstrebenden 
wieder zu sich herein. Balduin strampelte erst, aber er be 
ruhigte sich dann allmählich. Oder vielmehr in seinem amen 
schweren Kopfe wirbelte alles durcheinander, so daß er sich 
gar nicht mehr zurechtfinden konnte. Schließlich fand er sich 
mit Frau und Töchtern am Frühstüokstisch und wurde mit 
Liebenswürdigkeiten überschüttet, so daß er nicht zum Reden 
und Nachforschen kam. 
Kaum war man aber vom Frühstück aufgestanden, als ein 
Bote eintrat und bestellte: Sein Herr fordere augenblicklich 
das Tafelsilber zurück. Zwei Monate wäre es bereits ausge 
liehen und kaum die Hälfte der Gebühr sei bezahlt, Balduin 
traute seinen Ohren nicht: „Geh’, mein Lieber, bezahle den 
Unverschämten — es macht 27 Gulden. Was .staunst du denn 
so, Alterchen?“ lachte Frau Karoline und Flora und Aminte 
lachten mit. „Ja — aber das Silberzeug . . . ?“ fragte Balduin 
entsetzt Platten wir ausgeliehen“, gab Karoline zurück. 
Balduin war versteinert. Als er seiner Wut Luft machen 
wollte, hielt man ihm schäkernd den Mund zu. Man zog ihm 
die Börse aus der Tasche und zahlte. Der Bote zog mit dem 
Gelde und dem Silber davon. 
Kaum war er gegangen, als zornschnaubend ein vornehm 
gekleideter Herr erschien und in befehlendem Tone sagte: „Ich 
behalte Sie nicht eine Woche mehr in diesem Hause! Keine 
Miete zahlen und Feste feiern — und mb was für Pack! Der 
Teufel soll dieses Hurenvolik — !“ — „Oh!“ schrien, die drei 
Damen auf. „Jawohl! Aber ich- will mich nicht enragieren. 
Hinaus! Noch diese Woche! Oder der Büttel redet mit euch!“ 
Damit verließ er das Zimmer, 
Frau Karoline weinte, die jungen Damen weinten, und Bal 
duin hätte mitheulen mögen — vor Wut. Er irrte im Zimmer 
umher und stammelte: „Auch das Haus! . . . Mein Vermögen! 
Ich Unglücklicher! . . . Ich Tor! Ich betrogener Tor!“ 
Da seufzte die schöne Flora auf: „Wo nur Jakob und Joseph 
bleiben. Sie hätten längst aufstehen können!“ 
„Nicht aus dem Hause lassen!“ .schrie Balduin, als er das 
hörte. Er ging, die Haustür zu verschließen. Flora kehrte 
nach 'einer Weile zurück mit den Worten: „Vergebens, lieber 
Vater, bemühen Sie sich: die beiden Treulosen sind fort.“ — 
„Ach —r diese Halunken! Sie haben mich bestohlen — ver 
raten —- verkauft! Fort! Zur Polizei!“ Damit wollte er hin 
ausstürzen. Man hielt ihn .auf, und Karoline meinte: „Ich kenne 
meine beiden Freunde: es wird einer ihrer schlechten Scherze 
sein. Sie bringen das Entführte sicher bald wieder zurück.“ 
Aminte, die hinausgegangen war, kehrte jetzt zurück und be 
richtete, daß die Schelme auch ihr einige galante Andenken 
entführt hätten. Es fehle ihr außer einem schönen Strumpf 
band eine Busennadel und ein silberner Kamm, Balduins Ver 
dacht, so in die Irre gelenkt, erschöpfte sich, verwirrte sich 
und mündete in kraftlose Gleichgültigkeit. Jetzt drang man in 
ihn, sein Landhaus zur Übersiedlung herzurichten. Jener 
schändliche Hausbesitzer, den man — in der Not — dieses 
Hotel erst in der allerletzten Zeit verkauft habe, sei als ein 
brutaler Mensch bekannt, und man täte deshalb gut, sich so 
bald als möglich davon zu machen, 
Balduin, erschöpft, ließ sich bestimmen, auf sein Dorf hin- 
auszuwandern, dort einen Wagen zu besorgen und am nächsten 
Tage zurüokzukehren, um die Möbel abzuholen. „Bedenke aber, 
lieber Mann, es ist ein stattliches Gefährt vonnöten!“ fügte 
Frau Karoline hinzu. Dann gab sie ihn den Abschiedskuß und 
schob ihn zur Tür hinaus. 
Als Balduin am nächsten Tage mit einem riesigen Leiter 
wagen zurückkehrte, fand er die drei Damen ausgeflogen, 
einige fremde Dienstleute aber beschäftigt, den Rest der 
schönen Einrichtung der Wohnung Karolinens fortzuschaffen. 
Als Balduin protestierte, erschien der vornehme Herr von 
gestern und sagte: „Ich bedaure Sie, mein Herr, Sie scheinen 
einer gefährlichen Gaunerin in die Hände gefallen zu sein.“ — 
„Wie?“ stammelte Balduin, „meine Frau?“ — „Ach, wenn die 
Dinge so liegen“, meinte der Hausbesitzer sichtlich erfreut, Sie 
sind mit Madame Karoline verheiratet?“ •—■ „Ja, gewiß — 
natürlich — seit vorgestern.“ — „Nun, so darf ich Sie bitten, 
mir zu folgen.“ 
Man brachte Balduin vor das Gericht, verhörte ihn und er 
klärte dem Bestürzten, daß er für die entwichenen, galanten 
Damen —■ Frau Karoline und ihre angeworfoenen Schützlinge 
Flora und Aminte — zu zahlen habe.“ Aber man hat mir doch 
meine Weste gestohlen!“ wimmerte der Musikus, Man lachte 
und sperrte ihn in das Schuldgefängnis, da man Weder der 
leichtfüßigen Gattin des Unglücklichen noch ihrer Schönen — 
noch deren Freunde, Jakob und Joseph habhaft werden konnte. 
Im Gefängnis verfiel der arme Balduin in wildes Phanta 
sieren, das Anzeichen eines heftigen NervenfSehers. Dieser 
Krankheit erlag der Unglückliche, dem der Geiz, das Miß 
trauen und die Habgier im Bunde mit der Einfalt so übel mit 
gespielt hatten. 
* 
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6, 0- Str. 
Sie: Sie müssen mich gehen lassen. 
Der Graf: Schöne Freundin, Versailles ist dunkel; 
Sie könnten Mördern in die Hände fallen. Also 
bleiben Sie. 
Sie: Aber Ihr Bett. 
Der Graf: Kann ich Sie denn im Salon übernachten 
lassen? 
Sie: Und ich schlafe auf einem seidenen Stuhl . . . 
O, Sie Kavalier. 
Der Graf: Schlafen Sie im Bett. 
Sie: Und Sie 
Der Graf: Im Salon. 
Sie: Deswegen bin ich acht Stunden hier in Ihrem 
Schloß. . . 
Der Graf (erfreut): Nun gut, schlafen Sie da, wo 
ich schlafe. 
Sie: Also auch im Salon? 
Der Graf: Nein, hier, geliebte Freundin. 
Sie. Aber bedenken Sie, mein Gatte ist siebzig, ich 
fünfundzwanzig. 
Der Graf: Ich verstehe nicht, was Sie meinen. 
Sie (ihn umschmeichelnd): Das Bett garantiert für 
nichts.
        
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