Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

26 
Jahrg, 27 
verschämt an; „Herr Balduin, Sie sind es doch — oder irre ich 
mich?“ Balduin maß sie mit gleichgültigen Blicken und nickte. 
Sie ließ sich dadurch nicht abschrecken und sprach vom Handel 
mit Gelflügel, und es stellte sich heraus, daß sie schon manches 
schöne Huhn von ihm gekauft hatte. Balduin ents.ann sich 
dessen mit Wohlgefallen, und sie bestellte bei ihm allerlei, was 
er ihr in seiner sachlichen, trockenen Art zu besorgen ver-, 
sprach. — Am nächsten Tage war er bei ihr, strich eine schöne 
Summe für das Mitgebrachte ein und freute sich, daß er die 
einfältige Frau für einen dürren Hahn so gerupft hatte. Er 
halte aber bei seinem Besuche in ihrem Hause, davon sie das 
untere Stockwerk mit ihren Töchtern bewohnte, nicht verfehlt, 
sich umzusehen, und gefunden, daß es in der Tat recht be 
haglich, ja, reich ausgestattet sei, Frau Karoline war gerade 
wieder einmal beim Silberputzen gewesen, als er bei ihr ein 
trat, und Balduins Augen hingen ebenso begehrlich an dem 
kostbaren Gerät, wie die der Witwe an ihm selber. 
Von dieser Zeit kreisten Balduins Gedanken in den Pausen 
des Spiels nicht mehr allein um Hühner, Eier, Butter und 
Kapaunen, sondern auch um den Silberschatz der Witwe 
Karoline. Geschäfte zogen ihn immer öfter in ihr Haus. Die 
mit der liebenswürdigsten Miene reichlich gezahlten Gulden 
kitzelten seine Habgier auf das äußerste. Er ließ sich sogar 
herbei, einmal bei der Witwe zu speisen. Welche Pracht, 
weicher Glanz wurde bei diesem Mahle entfaltet! Wo er nur 
hinibliekte; Silber, feines Porzellan, damastenes Tischzeug. Die 
anmutigen Töchter servierten selber. Balduin hatte sie bis da 
hin noch nicht recht zu sehen bekommen. Sie erschienen schön 
in dem gedämpften Kerzenlicht, das auf ihren weichen Armen, 
Schultern und Nacken spielte, deren sie sich nicht zu schämen 
brauchten. Das taten sie denn auch durchaus nicht. Und 
Balduin begann bei ihrem und der rundlichen Karoline Anblick, 
die auch mit der Entfaltung ihrer Reize nicht sparsam war an 
diesem Abend 1 , zum ersten Male die Wonnen der Liebe zu 
ahnen. Der Wein, der aufgetragen wurde, war vortrefflich, 
und wenn sich Balduin bei jedem Schlucke nicht gesagt hätte: 
welch eine Verschwendung! — so wäre er sicher bald nicht 
mehr seiner Sinne mächtig gewesen. Aber der ökonomste 
Instinkt hielt ihn von jeder Ausschweifung äh. Übrigens waren 
Jakob und Joseph bei diesem Abendessen auch zugegen. In 
vorgerückter Stunde ließen sie sich von den beiden Töchtern, 
Flora und Aminte, binauisbegleiten, und da die beiden schönen 
Mädchen nicht sogleich wieder zurückkehrten, blieb Balduin 
mit der liebenswürdigen Frau Karoline allein beim Weine. 
Wenn anderen geschwätzigen Menschen der Rebensaft die 
Zunge schwer macht, so konnte man an dem schweigsamen 
Balduin das Gegenteil beobachten. Er, der sich sonst dem 
Weine versagte, wurde hei dem ungewohnten Genuß an diesem 
Abend gesprächig. Er begann beinahe • zu schwärmen, aber 
der ökonomische Sinn hielt seine Gedanken in den Schranken 
des Greifbaren. Als ihn die Witwe Karoline schließlich fragte: 
„Lieber Herr Balduin, wird Ihnen das Leben nicht langweilig, 
allein mit Ihrer Flöte und Ihrem Naturalienhiandel?“ da 
seufzte der einsame Musikus schließlich und sagte; „Ach ja, 
Frau Karoline, es ist nicht leicht!“ — „Sehen Sie, lieber Bal 
duin“, fuhr die charmante Frau nun fort, „und mancher Mensch 
würde Ihnen gern helfen und es Ihnen leichter machen.“ Bal 
duin stierte vor sich hin über die Schüsseln hinweg durch den 
Qualm der herabgebrannten Kerzen nach idem schön ge 
schnitzten Schrank mit den vergoldeten Löwenfüßen, der 
sonst den Silberschatz der Witwe barg. Karoline tippte den 
Versunkenen neckisch auf die blaue Weste, so daß 'es dahinter 
klingelte wie ein Schlittengeläut aus großer Ferne. Balduin 
schreckte auf und sah sie entsetzt an, aber sie blickte so gütig 
und sc lieb und schelmisch drein, daß er etwas wie Heimweh 
spürte und seufzte; „Ach ja!“ —'„Sehen Sie, lieber Balduin“, 
sprach die gute Frau nun, „wir zwei könnten doch ein gutes 
Haus zusammen führen.“ Balduin sah erst überrascht auf, 
blickte dann aber zu Boden und stotterte: „Ja, ja“, und: „Sie 
können schon recht haben.“ Weiter kam er nicht. Frau Karo- 
Mne, die nicht - nur sparsam und liebenswürdig war, sondern 
auch beharrlich und geduldig, half ihm nach und sagte: „Nun 
— was würden Sie dazu sagen, wenn — nun, wenn Sie eines 
Tages in mein Haus, ziehen würden, lieber Balduin?“ Dabei 
streichelte sie ihm den schmalen Rücken. „Ja doch, ja doch!“ 
brachte der Musikus stockend heraus. Jetzt rückte Karoline 
noch näher und legte ihren runden Arm um Balduins knochige 
Hüften, so daß er sich an ihren, stattlichen Busen — 1 wohl oder 
übel — schmiegen mußte, umnebelt vom Wein und dem Wohl 
geruch, der aus den Falten und Spitzen ihres Seidenkleides 
duftete. Just in diesem Augenblick traten die beiden Töchter 
mit Jakob und Joseph ein und riefen wie ans einem Munde: 
„Bravo! Bravo! Wir gratulieren!“ Und Jakob setzte ergriffen 
auf gut Kölnisch hinzu: „Was ein schönes Paar!“ Balduin 
ÜNiV.BiSL 
actum NrA6 
wollte auffahren, aber Mutter Karoline hielt ihn fest. Man 
füllte die Gläser und stieß an auf das junge Paar. Balduin 
trank wie von einem Traume befangen, indes seine Gedanken 
sich verwirrten. Als er nach einer Weile, während der die 
anderen durcheinanderschwatzten und -schrien, zu sich kam, 
war sein.erster klarer Gedanke: „Wie? — AM diese Schätze 
mein? — Gut, gut! Warum nicht?“ — Nun begannen Flora 
und Aminte, denen der Puder vom Haar auf Busen und 
Schultern gefallen war, mit den beiden jüngeren Musikern im 
Zimmer umherzutanzen, und schließlich wurde Balduin aufge- 
■fordert, zur Feier der Verlobung aufzuspieten. In der Wein, 
laune und von den glücklichen Blicken seiner Braut, der 
Mutter KaroMne, und der Aussicht auf den Silberschatz ge 
rührt, tat er wirklich das Unerhörte und spielte ohne verein 
barte Bezahlung zum Tanze auf. Die beiden Paare wiegten, 
drehten, schwenkten sich, sprangen, wirbelten und flogen zum 
Schluß kichernd zur Tür hinaus. 
Balduin begann jetzt schläfrig zu werden und zu gähnen, 
denn er war derlei Aufregungen ganz und gar nicht gewöhnt, 
Frau Karoline lud ihn ein, mit .einem Kämmerchen dm Ober 
stock fürlieb zu nehmen für die Nacht, da der Weg zu seinem 
Dorfe hinaus doch zu gefährlich sei, und faßte ihn auch schon 
unter, um ihn über die dunkle Treppe zu führen. Dem ein, 
Samen Musikus war zwar etwas unbehaglich zu Mute, aber die 
gute gastfreie Frau redete verliebt auf ihn ein, und bald fand 
er sich mit einem Lichte allein in der Mansarde neben einem 
Bett. Er legte sich nieder, nachdem er seine Weste unter dem 
Kopfkissen verborgen hatte und entschlummerte sogleich. Im 
Traume sah er sich in Zimmern von Silbergerät erfüllt, er 
speiste sogar von goldenen Tellern, und ihn umtönte fort, 
während das liebliche Geklingel rodender Dukaten. 
Als er am nächsten Morgen in den Salon trat, sah er gerade 
noch Flora und Aminte vom Schokoladentisch .entfliehen. Ihr 
Anzug und ihre Frisuren entsprachen keineswegs denen von 
gestern Abend. An ihrer Stelle erschien alsbald Frau Karoline, 
wohilgekleidet, mit einem Manne, den sie als Notarius ver 
stellte und der sich .anschickte, dem Frühstück beizuwohnen, 
um dann den Ehekontrakt aulzusetzen. Das Frühstück gefiel 
Balduin an sich gut (— ich werde es sparsamer ausstatten, 
dachte er, wenn ich hier Hausvater bin —), der Ehekontrakt 
gefiel ihm schon weniger. Aber er war in Rechtsdingen unge 
wandt und unterschrieb schließlich, des Hauses, des Silber 
schatzes und der Ausstattung gedenkend. 
Dann brach er nach seinem Dorfe auf, denn er hatte am 
Abend noch bei .einer Hochzeit aufzuspielen und hoffte da 
bei einiges für die eigene zu erraffen. Die Vermählung mit 
Frau Karoline sollte nämlich schon in der allernächsten Zeit 
stattfinden. Balduin war selber für eine baldige Heirat ein 
getreten, da er die Verschwendung im Hause Karolinens nicht 
mehr länger mit .ansehen konnte, seitdem .er sozusagen mit 
verantwortlich dafür war. Übrigens hatte er es durchgesetzt, 
daß der Hochzeitssohmaus, den er versorgen wollte, in die 
viertausend Gulden seiner Mitgift eingerechnet wurde und 
zwar nach den Preisen, die er dafür ansetzen würde. Er hoffte 
dabei nicht schlecht abzusohneiden. 
Nun — die Hochzeit zwischen Balduin und Karoline nahm 
trotz der dürren Hühner und alten Gänse, die Balduin geliefert 
hatte, einen recht befriedigenden Verlauf. Außer Jakob und 
Joseph waren nur noch einige Freundinnen der nunmehrigen 
Töchter Balduins mit ihren Kavalieren zugegen. Der neue 
Flausherr machte sich während des Essens, wo er noch mehr 
als sonst zu schweigen pflegte, seine Gedanken über die Art, 
wie man zu solch anmutigen Töchtern kommen könne — zu 
gleich aber über die Maßnahmen, die er treffen würde, ihnen 
den Tand und das Faulenzen abzugewöhnen. Die Freundinnen 
Floras und Amintens wurden während des Abends recht aus 
gelassen, und ihr Benehmen ließ nicht auf die beste Kinder 
stube schließen. Und es schien manchmal so, als ob sich die 
Gäste viel dringlicher mit dem Hochzeitmachen beschäftigten, 
als das brave Brautpaar selber. Balduin dachte: Auch diese 
Gesellschaft wirst du den deinen bald abgewöhnen! Er wußte, 
daß man mit der bloßen Sparsamkeit dergleichen Gäste leicht 
vertreiben konnte. An dem Festtage ließ er sie noch gewähren 
— ja, er freute sich sogar insgeheim ihrer Grazie, so daß seine 
Eheliebste seinen Kopf oft gewaltsam zu sich he.rumdreh.en 
mußte und ihm halb verliebt, halb eifersüchtig, mit dem 
Finger drohte. 
Schließlich zog sich das Brautpaar zurück. Balduin fand ein 
Scblafgemach, das sich von der Bodenkammer, darin er gestern 
geschlafen, recht zu seinem Vorteil unterschied. Der Musikus, 
der solchen Luxus noch nicht erlebt hatte, war so erstaunt, 
daß ihn Karoline erst schäkernd an das Schlafengehen erinnern
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.