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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

AIr. 16 
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den Händen, er mußte loskssen und auch lachen . . . Und da 
sagte ihm Marie Eheonore (zum erstenmal in ihrem Eheleben 
und mit gutem Grund) die Wahrheit. „Denk’ dir“, flüsterte 
sie, „Zimmermanns Mädchen, die Jenny, zieht sich Abend für 
Abend drüben im Licht bei offenem Fenster .aus, ohne die 
Marquise herunterzulassen.“ 
Mit einem Sprung war Schmasow am Fenster, aber er 
schwankte und sein Blick zitterte: als er eben das Fenster ins 
Auge fassen wollte, löschte das Licht aus und der Enttäuschte 
mußte sich auf den Anblick Marie Eleonores zurückziehen. 
„Ei, ei!“ verhöhnte sie ihn, „das heißt man einen königlich 
preußischen Hauptmann, das heißt man den Gemahl der Marie 
Eleonore von Ahlenhorst — was sollen denn deine Grenadiere 
sagen!?!“ 
Als Schmasow den letzten wachen Gedanken vor dem Tor 
des Traumes dachte, war es Dankbarkeit für die Gattin, die 
so frei und natürlich empfindend, ihm den lustigen Blick in das 
Nest des reizenden Vogels drüben verraten hatte, und Zu 
friedenheit mit sich selbst, der diese Naivität soeben reichlich 
belohnt hatte, womit er einschlief. Daß Marie Eleonore ein 
paarmal im unbändigen Gefühl eines großen Triumphes 
stöhnte, hörte er nicht! 
Abend für Abend stand von jetzt an der Hauptmann von 
Schmasow hinter den Gardinen des Schlafzimmers und äugte 
hinüber zum Nestchen Jennys, wo im Licht dreier gutscheinen 
der Kerzen sich allerhand Weißes und Fleischfarbenes begab. 
Die Kameraden im „Grenadier“ hörten den Nachtwächter 
neun und zehn oder zehn und elf, auch elf und zwölf blasen, 
ehe hin und wieder (viel seltener als sonst) der Herr von 
Schmasow zu einem kurzen Schöppchen erschien. „Lieber 
Schmasow“, begann man ihn allerorts anzureden, „du wirst 
blässer und kränker von Tag zu Tag, du wirst nervös, du 
magerst ab, du bist zerstreut im Dienst: das macht alles deine 
Abkehr vom Alicante.“ 
Frau Marie Eleonore wußte es besser. Aber sie tat nichts, 
ihren Gatten von seiner Leidenschaft zu befreien. Sie tat so 
gar, als hätte sie den Krimstecher nicht gesehen, den Schmasow 
in der Truhe verborgen hatte. Sie wartete nur auf ihren 
großen Augenblick. 
Der kam denn auch mit der Unerbittlichkeit alles tragischen 
Geschehens und besonders eines solchen, das von einer Frau 
geknüpft, geschürzt und gesponnen ist. 
Es war einmal wieder die für Schmasow günstige Mond 
stellung eingetreten: der Mond stand mit vollem Licht gegen 
die Seite des Nachbarhauses und stellte die Mauer, in deren 
Fenster Schmasow seinen Krimstecher ansetzte, in dunklen 
Schatten. Zwar hatte er vor einiger Zeit zu bemerken, geglaubt, 
daß Jenny verdächtig geworden sei: sie hatte das Licht eine 
Zeit lang ausgelöscht und wenn sie es wieder anzündete, be 
reits im Bett gelegen (Jenny las leidenschaftlich Lafontaine 
und Clauren, die damaligen Vorläufer vom „Berliner Leben“) 
oder sie hatte die Vorhänge zugezogen oder gar die Marquise 
niedergelassen. Aber wer weiß! Auf solche Seltsamkeiten der 
ewig wankelmütigen Weiberseele brauchte man nicht einzu 
gehen; die Hauptsache war, daß der Krimstecher jetzt wieder 
ungehindert bis tief in das Nestchen Jennys reichte. 
Schmasow setzte an. Die Gardine störte ihn. Ach was! Wo 
zu heute, in dieser famosen Mondnacht, die Gardine! Rasch! 
— Gerade ließ die herrliche Jenny ihr Röckchcn fallen und 
trat mit graziösem Füßchen aus dem Kreis heraus, näherte 
sich dem Fenster und schaute — ach ja! guter Mond! .... 
schaute sanft und hingezogen zum Mond hinauf, während sie 
das Mieder öffnete, das Bändchen löste, oh! es war nicht zum 
Aushalten da: 
Da trat Frau Marie Eleonore mit einem fünfkerzigen 
Leuchter in das Zimmer; Jenny drüben warf sich mit einem 
Sprung zur Erde, Schmasow fiel der Krimstecher in den 
Garten und mit einem wilden, auf die Stille der Mondnacht 
keinerlei Rücksicht nehmenden Schrei fuhr der Herr Haupt 
mann Schmasow seiner Ehegattin entgegen, riß ihr den 
Leuchter aus der Hand und schmetterte ihn zu Boden. 
Jennys Augen waren ebenso gut wie ihr Mäulchen locker. 
Die drei, vier Liebhaber, die sie unter den Grenadieren hatte, 
sorgten für kompagnie- und regimentsweise Verbreitung einer 
pikanten Anekdote. Der Krimstecher, den Schmasow noch 
stundenlang in der Nacht vergeblich suchte und den der 
Bursche am nächsten Tage durch die Frau Hauptmann an den 
Besitzer leitete, tat das seine. Schmasow mußte sehen, wie 
seine Kompagnie, ja, wie das Regiment ihm gegenüber zu einer 
endlosen Reihe lachender Monde wurde. Die Vorgesetzten 
wurden aufmerksam. An den Kalkwänden der Kasernen 
treppen tauchten schwarze Silhouetten mit darüberstehendem 
Monde auf. . . . 
So kam es, daß Konringk drei Butälljen Johannisberger 
Cabinct zu zahlen hatte und daß Frau Marie Eleonore, an der 
Seite ihren schweigsamen Gatten, eines Abends die Kutsche 
aut dem. langerwünschten Allensteiner Pflaster rasseln hörte, 
eine Siegerin mehr unter den von Amor gekrönten Frauen. 
★ 
Cmpfcfaicn Sic miefa Lucitcr! 
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ines Tages wurde Louis Leon de L. von einem 
älteren Grafen besucht. 
„Es ist, mein Herr, der Wunsch meiner Frau, 
Musik zu treiben. Sie sind uns aufs beste empfohlen 
worden, und ich bitte Sie, sich Madame vorzustellen. 
Wenn sie nun einigermaßen den Eindruck auf sie 
machen wie auf mich, so darf ich Ihnen gratulieren.“ 
Nun, Louis Leon machte den gewünschten Eindruck, 
und die Gräfin war in jeder Hinsicht eine gelehrige 
Schülerin. Sie spielten fleißiger auf dem Instrument 
der Liebe als auf dem Clavecin, und nur eins war dem 
jungen Meister peinlich; daß er für sein Vergnügen 
von dem Alten bezahlt wurde. „Das ist einfach unbe 
zahlbar!“ pflegte er zu sagen. 
Nun war einmal große Gesellschaft im Hause des 
Grafen, und man bedrängte die entzückende junge 
Frau, ihre Kunst hören zu lassen. 
Sie wechselte einen schnellen Blick mit Louis Leon 
und spielte, und die galanten Herren überboten einer 
den anderen im Beifall. 
Der Graf war beglückt und strahlte wie ein voller 
Mond. 
Ein Kavalier neigte sich zu seinem Nachbarn, einem 
schwerhörigen Marquis: 
„Wissen Sie schon, daß die Gräfin guter Hoffnung 
ist?“ 
Der verstand ihn nicht recht und entgegnete, in der 
Meinung, man sage ihm eine Artigkeit über das Spiel 
der Gräfin: 
„Ganz recht! Sie muß einen tüchtigen Meister ge 
habt haben.“ 
Der andere lachte. 
„Haben Sie gehört, Baron?“ wandte er sich an Louis 
Leon. 
„Allerdings , erwiderte der trocken. „Bitte emp 
fehlen Sie mich weiter!“
        
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