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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
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„Was, Melanie, die wilde Hummel, die mich so gern be 
suchte, als ich meine kleine Junggesellenwohnung in der 
Neuen Winterfeldstraße hatte? Die Tochter des Geheim 
rates . . . ?“ 
Weiter kam ich nicht, ein kleines, elegantes, fein behand 
schuhtes Frauenpätschchen legte sich auf meine Lippen und 
hielt mir den Mund zu: 
„Schweigen Sie, Herr Graf. Keine Indiskretionen! Im 
übrigen können Sie mir glauben, daß ich die Schule, die ich 
bei Ihnen zu genießen die Ehre und das sehr lebhafte Ver 
gnügen hatte, nicht ohne Erfolg durchgemacht habe. Ich bin 
verschwiegen, dabei toll wie früher und zu jeder übermütigen 
Tat bereit, wenn sie mir Spaß verspricht. Mein Mann hat 
viel zu viel zu tun, um sich um meine Extratouren zu kümmern. 
Hier in diesem Fall interessiert es mich nun lebhaft, wie weit 
Sie mit Clarisse B. gekommen sind, mit der ich im „Heimat 
haus für Töchter höherer Stände“ gemeinsam die edle Koch 
kunst erlernen mußte, weil mein etwas spießbürgerlich ver 
anlagter Herr Papa das so gewollt hat. Gott, was war die 
kleine Clarisse damals für ein Dummchen auf dem verbotenen, 
ach, so süßen Gebiet der Liebe!!“ 
„Sie sind wohl eifersüchtig auf die kleine Frau“, fügte ich 
ein, um endlich auch einmal zu Worte zu kommen. 
„Ich, eifersüchtig, kostbar“ gab sie zurück und lachte 
herzlich, „ich als Ihre alte Schülerin . . 
„Ja, meine alte Schülerin“, erwiderte ich nachdenklich, „und 
wie verändert du dich hast, Melanie, wahrscheinlich übertriffst 
du deinen Lehrer von einst bereits!“ . . . 
„Bitte, seien Sie höflich, wahren Sie die äußere Form. Ihr 
Männer seid zu köstlich. Ihr bringt uns alles mögliche bei, 
uns armen, kleinen, naiven Frauen, und dann geratet ihr außer 
euch, wenn wir eure Theorien in die Praxis umsetzen.“ 
„Ich tadele Sie ja gar nicht, Melanie, im Gegenteil, ich liebe 
Sie so wie Sie sind, halb überlegen-kühl, halb hitzig, voller 
leidenschaftlicher Instinkte.“ 
„Wieso denn?“ 
„Erst bitte, beantworten Sie mir eine Frage: tvir sitzen hier 
in Ihrem Wagen?“ 
„Allerdings!“ 
„Ja, aber der Wagen des Herrn Legationssekretär . . . “ 
„O, was für Kindsköpfe ihr Männer doch seid; ich deutete 
es Ihnen doch schon klar genug an. Das große Auto mit dem 
Chauffeur Schulz ist für die offiziellen Tage, wenn ich mit 
meinem Herrn und Gebieter feierliche Visiten mache, die 
unerläßlich sind. Wenn ich aber allein ausfahre, überlasse ich 
ihm den Familienchauffeur und nehme mir einen Ersatz. 
Wenn ich auf Abenteuer ausgehe, dann ist das tausendmal 
bequemer. Ich brauche dann keine Indiskretionen zu be 
fürchten. Es genügt ja, daß Sie meinen Kutscher kennen.“ 
„Ohne daß ich meine Ersatzmänner hier im Wagen zu 
kennen brauche“, unterbrach ich sie. 
„Pfui, wie ungalant. Sie Frechdachs, schnell, öffnen Sie die 
Tür und steigen Sie aus!“ 
„Erlauben Sie mir doch, bitte. Sie bis an Ihre Tür zu be 
gleiten!“ 
„Ach“, lachte sie, „ich weiß schon, was das heißen soll; 
aber das haben Sie nicht verdient. Immerhin, wenn Sie ver 
sprechen, artig sein zu wollen, so sagen Sie dem Kutscher, er 
soll uns nach der Nassauischen Straße fahren.“ 
Ich tat, wie sie mir gehießen, und indem ich etwas näher 
an Melanie heranrückte, erlaubte ich mir zu bemerken, daß 
sie doch gar nicht in der Nassauischen Straße wohne. Da 
erklärte sie mir auf die naiveste Art von der Welt, dort sei 
ihr „Privatquartier“, das mit der Wohnung, die sie nach dem 
Gesetz, mit ihrem Eheherrn zu teilen habe, nicht das ge 
ringste zu tun hätte. Sie führe ein durchaus freies und unab 
hängiges Leben und habe sich vorgenommen, in Liebesdingen 
möglichst viel Erfahrungen zu sammeln, um genau erkennen 
zu können, ob ich bei dem Unterricht, den ich ihr einst erteilt 
hatte, auch nichts übergangen oder verabsäumt hätte. 
Allmählich hatten das nahe Beieinandersein in Melanies 
engem Kupee und unser nicht gerade allzu harmloses Ge 
sprächsthema unsere Herzen ein wenig höher schlagen lassen. 
Ich für meinen Teil befand mich in der richtigen Nachball 
stimmung, ich sah vor meinen geistigen Augen all die tausend 
entblößten, weißen Frauenarme und Schultern, die vielver 
sprechenden Dekolletes usiw., was nicht gerade dazu beitrug, 
mich an der Seite dieser schönen und verführerischen Frau 
in die Stimmung eines zur Weltentsagung bereiten Mönches 
zu versetzen. 
Ich blinzelte Melanie von der Seite an; wie wundervoll 
hatte sie sich herausgemacht. Damals war sie achtzehn ge 
wesen, heut war sie dreißig, üppig, schwelgerisch, voll ent 
wickelt. Gerade an dem Punkt war sie angelangt, wo der 
Rest erster Jugendblüte sich moralisch wie physisch mit den 
Anfängen beginnender Reife vereinigt, einer Reife, die noch 
nicht erreicht ist, deren Nahen aber den Hauch einer neuen 
Jugend verkündigt. 
Und ihr eigener Zustand? Blitzten ihre Augen nicht im 
Schein der Laternen, als wollten sie sagen: „Erinnerst du 
dich noch? Schien nicht ihr immer schneller gehender Atem 
den Wunsch zu verbergen: „Beginnen wir von neuem?“ 
Leise berührten in dem engen Wagen ihre Knie die meinigen 
und tausend andere, undefinierbare Kleinigkeiten ließen mich 
spüren, daß sie sich nicht wehren würde, wenn ich jetzt 
kühner und unternehmender würde. 
Wir mußten notwendigerweise bei dieser Wagenfahrt alle 
unsere Wünsche aufeinander konzentrieren. Erinnerungen an 
vergangene heiße Glücksstunden, vermischt mit den sinnen- 
betörenden Eindrücken, die ein Ball sowohl auf den Mann 
wie auf die Frau — notabene wenn sie nicht aus glasiertem 
Marmor sind — ausüben müssen: all das trieb uns rettungslos 
einem süßen Wiederfinden entgegen. 
So waren wir noch nicht auf der Hälfte des Weges nach der 
Nassauischen Straße, als ich wie von ungefähr meinen Arm 
um Melanies Taille schlang und mein Gesicht dem ihrigen 
näherte, um sie herzhaft auf den Mund zu küssen. Auch sonst 
versuchte ich — ohne auf den geringsten Widerstand zu 
stoßen — mich zu vergewissern, ob Melaniechen für die süßen 
Hors d’oeuvres der Liebe noch ebenso empfänglich sei wie 
vor zwölf Jahren. 
„Bösewicht“, war das einzige Wort, das sie unter Lächeln 
mir zwischen dem einen und dem anderen Kuß zuhauchte; 
dann überließ sie sich ganz der Süße der Situation, nicht ohne 
sich für gespendete Liebenswürdigkeiten mir gegenüber dank 
bar zu erweisen. 
Kein Wort wurde mehr gesprochen, und wenn ich selbst 
auch, in der Erwartung schönerer Dinge, persönlich sehr zu 
rückhaltend blieb, so tat sich doch Melanie keinerlei Zwang 
an und belehrte mich, daß eine feurige Frau von dreißig 
Jahren niemals zürnt, wenn man sie auch noch so hand 
greiflich an die Jugendtorheiten ihrer achtzehn Lenze er 
innert. 
In diesem Augenblick hielt der Wagen. Wir rückten uns 
zurecht, und nachdem wir den Wagen fortgeschickt hatten, 
traten wir in das Haus, in welchem sich Melanies Privat 
wohnung befand. 
Ihre Wohnung befand sich im ersten Stock; sie öffnete 
selbst und ließ mich in eine hübsch möblierte Diele eintreten, 
die durch einen nett angebrachten Beleuchtungskörper 
schwach, aber ausreichend erhellt wurde. 
Sie erklärte mir, sie habe das ganze Möblement selber aus 
gesucht, im übrigen seien es nur zwei Zimmer und die Diele. 
„Hier ist das Heiligtum!“ rief Melanie lachend, indem sie 
mir das Schlafzimmer zeigte, dessen breites, niedriges Bett 
mir imponierte. „Nun können Sie wieder gehen, mein Herr,!“ 
„So, und warum zeigst du mir das alles, du Grausame?“ 
rief ich aus. 
„Wieso grausam? Ich wollte dir nur ein Nestchen zeigen, 
das ich dir zur Verfügung stellen würde, falls du mit dieser 
Gans, der kleinen Frau B„ ein unbelauschtes Schäferstündchen 
zu erleben wünschen solltest!“ 
„Melanie, du bist ja verdreht!“ rief ich aus, indem ich sie 
an mich zog und küßte. „Du Götterweib, neigst dich wieder 
zu mir und mutest mir zu, die kleine Frau B. zu umarmen. 
Nein, mein Schatz. Hier bin ich, hier bleibe ich. Die alte 
Liebe ist ja doch stärker als alle neuen Passionen.“ 
„Hoffentlich wirst du nicht enttäuscht sein, du großer 
Dummerjahn!“, lachte sie, „mach’s schnell, denn ich will selber 
wissen, ob es wahr ist, daß eine Frau keinem anderen Manne 
gegenüber so zärtlich sein kann wie dem, der ihr in den 
süßen Irrgärten der Liebe der erste Führer war!“ 
Arme, kleine Frau B„ wie gründlich habe ich deiner da 
vergessen gelernt!
        
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