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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr, 16 
Jahrg. 27 
19 
als diese gewisse Saite in Mlle. Fifi’s Herzen zum Klingen zu 
bringen, um sie zu vernichten. 
Alles ging wie verabredet. Nach einer kurzen Besprechung 
unter vier Augen erschien eines Tages der „Baron von Stetten 
heim aus Konstantinopel“, der in Wirklichkeit ein Herr Fritz 
Kulicke aus Berlin war, in Mlle. Fifi’s Salon. Mlle. Fifi 
verliebte sich in ihn ebenso programraäßig, bevor mehr als 
eine Woche vergangen war. Fritz Kulicke ging systematisch 
vor, sozusagen nach einem festen Programm für jeden Tag 
und für jede Nacht. Er wickelte Fifi erst in seine unerhörte 
Männlichkeit ein und dann in eine ebenso unerhörte Rührung 
über sein Schicksal. Sein Schicksal war die immerwährende 
Enttäuschung über die Frau, sein Schicksal war die parsival- 
artige Reinheit seiner Seele. Die großen Tränen kollerten Mlle. 
Fifi geschwaderweise aus den Augen und sie beschloß, lang, 
lange bevor Herr Fritz Kulicke selber an diesen Teil seines 
Programmes kam, alles, was sie an Liebe und an irdischem 
Gut besaß, zu opfern, um den unglücklichen Baron diesmal 
endlich das große wunderbare Glück zu bringen, nach dem er 
ruhelos so lange schon durch die Welt geirrlichtert. 
Vierzehn weitere Tage genügten, um den letzten Toman 
und das letzte englische Pfund aus Fifi’s gutgefüllter Kasse in 
Fritz Kulioke’s unergründliche Taschen zu transportieren. 
Und am Ende der dritten Woche kam Fritz Kulicke mit 
seinem letzten Programmpunkt. Er veranstaltete eine Nacht, 
die an Körper- und Seelenfreundschaft alles bisher Dagewesene 
übertraf. Es war eine Vollmondnacht — er batte alles bis aufs 
Letzte berechnet. Als die Nacht endlich verblaßte, begann er 
von der Heimat zu reden, von Berlin zu flüstern. Hold er 
rötend gestand er ihr, daß seine Wiege an der Spree ge 
standen, gestand er seine grenzenlose Sehnsucht, seinen Traum, 
mit ihr nach Deutschland zurückzukehren und dort in einem 
Glück ohne Ende sein Leben zu vollenden. Alles Blut schoß 
Fifi in den Kopf. Sie warf sich in seine Arme und schluchzte 
in einem plötzlichem, wilden, unwiderstehlichen Aufflammen, 
daß auch ihre Heimat dort sei. Und dann — gestand sie ihm, 
daß sie nicht heimkehren dürfe! 
Fritz Kulicke wartete noch fünf Minuten, bis diese Er 
kenntnis sich in Fifi’s Seele ganz fest gefressen hatte. Dann 
griff er wie von ungefähr zu Boden und warf, ganz in Ge 
danken, von der Terrasse, auf der sie saßen, ein paar Steinchen 
in den Garten. 
Im nächsten Augenblick scholl Musik auf — irgendwoher, 
gleichsam aus den in dem fahlen Morgeniicht aufleuchtenden 
Mauern des Gartens ... ein Gassenhauer, den ein Zieh 
harmonika ausspie, gewalttätig, frech und triefend von Gefühl. 
Mlle, Fifi zuckte zusammen, griff sich an den Kopf, ihre 
Augen weiteten sich immer mehr. Sie beugte den Kopf nach 
vorn, sie sog die Melodie dieses Gassenhauers in sich. Der 
Sturm der Gefühle, die er erweckte, warf sie fast um. 
Leise, fast unhörbar, erhob sich Herr Baron Stettenheim — 
alias Fritz Kulicke — und verschwand. Fifi merkte es gar 
nicht, daß sie längst allein war. Ihre Augen schlossen sich, 
der Kopf sank ihr tiefer und tiefer auf die Brust. 
Brutal aufgellend, kam es wieder, triefend und gemein, wie 
aus der Mauer: 
„Komm, Karline, komm, Karline, komm, 
Wir wollen nach Pankow geh’n. 
Da ist’s so wunderschön. 
Pankow, Pankow, kille, kille, 
Pankow, Pankow, hoppsassa.“ 
Da schrie Anneliese Knorrke aus Pankow wild auf, warf die 
Arme in die Höhe, wie ins Herz getroffen, und stürzte in das 
Haus. 
Am Abend im Klub wußten sie es schon alle. Mlle. 
Fifi hatte sich erschossen. Kein Mensch ahnte, warum. — 
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revient toujourg 
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ah sollte es nicht für möglich halten, .was die Er 
innerung für eine gewaltige Rolle in der Liebe spielt“ 
rief Graf Alfred von Koenig aus, während er seinen 
beiden Gästen, dem Assessor Heiligenschein und 
dem Doktor Leutholt einen neuen Glutorangenlikör 
in die silbernen Becherchen goß. 
„Doch, doch“ bestätigte höflich der Assessor, während der 
Doktor gedankenvoll nickte. 
„Ich erinnere mich der einen amoureusen Affäre aus nicht 
allzu langvergangenen Zeit, zu der ich eigentlich nur ge 
kommen bin, weil mich so reizende Reminiszenzen mit der 
Frau verbanden, die darin eine Rolle spielte.“ 
„Erzählen Sie doch, lieber Graf!“ rief da Doktor Leutholt 
ganz echauffiert, „solche Sachen interessieren mich nicht nur 
vom rein menschlichen Standpunkte aus, sondern auch vom 
medizinischen!“ ' ■ 
„Also, was soll ich Ihnen sagen; vor ungefähr anderthalb 
Monaten tanze ich bei einer Abendgesellschaft bei einem 
bekannten Botschafter mit der entzückenden Gattin eines 
Legationssekretärs. Schon eine erblühte Frau, sicherlich An 
fang Dreißig, gefiel mir aber ausnehmend, besonders, weil mich 
etwas in ihrem Äußeren und in ihrem Wesen an alte Zeiten 
zu erinnern schien. Während wir so im Tanze dahinglitten, 
schlug meine Schöne plötzlich schelmisch die Augen zu mir 
auf: 
„Na, mein Verehrtester, was macht denn die Liebe? Haben 
Sie ihr neues Abenteuer schon zu Ende geführt?“ 
„Welches Abenteuer, gnädige Frau? Und überhaupt . . .“ 
„Sie meinen, woher ich Sie kenne, Herr Graf, also hören 
Sie mal gut zu. In einer halben Stunde verlasse ich den Ball. 
Vor der Haustür steht mein Wagen; ein Kupee mit einem 
Rappen davor; ich habe mir absichtlich nicht das Auto meines 
Mannes bestellt, sondern eben dieses Kupee, das ich gern zu 
benutzen pflege . . .“ 
„Wenn Gnädigste eine Privatangelegenheit zu erledigen 
haben“ fügte ich hinzu, indem ich meine Blicke tief in die 
schönen, dunklen Augen meiner Partnerin versenkte. 
„Frechdachs“ flüsterte sie, aber mit einem so bezaubernden 
Lächeln um die Lippen, daß ich überzeugt war, sie zürne mir 
nicht ob meiner Bemerkung, sondern im Gegenteil — —- — 
Eine halbe Stunde später schlüpfte ich zu ihr in das be- 
zeichnete, nicht sehr elegante, aber bequeme Gefährt. 
„Gnädigste“, begann ich, „ich habe eine Unzahl von Fragen 
an Sie —“ 
„Zunächst, mein Freund“, unterbrach sie mich, „will ich 
eine Frage von Ihnen beantwortet haben; Wer ist jene junge 
Frau, mit der Sie kürzlich im Hundekehlenrestaurant auf der 
Weinterrasse saßen? Das war selbst von Ihnen eine Un 
vorsichtigkeit; außerdem kompromittieren Sie die Ärmste. 
Ist es nicht die Gattin des Rechtsanwalts B . . . ?“ 
„Wie“ stammelte ich, „Sie haben uns gesehen? Sie kennen 
sie? Aber ich versichere Ihnen . . . .“ 
„Ach, mein Lieber, Sie verteidigen sieh schlecht. Übrigens, 
mein Kompliment: -sie ist allerliebst, die kleine Frau B. War’s 
denn nett? Ja? Sie sieht mir für Ihren verwöhnten Geschmack 
ein wenig zu naiv aus; aber sie ist ja in guten Händen, um 
bald recht raffiniert zu werden. Haben Sie sie schon’ mit 
allen ihren persönlichen Liebhabern bekannt gemacht?“ 
„Nun aber Schluß, gnädige Frau“, entweder sagen Sie mir, 
was Sie berechtigt, so mit mir zu sprechen, oder Sie ge 
statten mir, Ihren Wagen zu verlassen!“ 
„O, Fedor, du bist aber, bei aller deiner Geriebenheit, doch 
ein großer Dummkopf“, kam es lachend zurück, „du denkst 
immer nur, du säßest neben der Gattin des Legationssekretärs 
von R. und merkst dabei gar nicht, daß ich Melanie K. bin, 
derne alte Freundin, die du vor zwölf Jahren in die Mysterien 
der Liebe eingeführt hast!“
        
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