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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 16 
18 
MADEMOISELLE FIFI 
KARL FIGDOR 
ies ist insoweit eine Berliner Geschichte, als 
Mademoiselle Fifi, der Schwarm der exklu 
siven Teheraner Männerwelt, eigentlich nie 
mand anders war als Fräulein Anneliese 
Knorrke aus Berlin-Pankow, dort, wo es am 
pankowsten ist. Fräulein Knorrke hatte eine 
— sozusagen — springlebendige Vergangen 
heit hinter sich ... so wie die Krebse sie 
haben, bevor sie endgültig gebrüht, zerlegt und zu Ende ge 
nossen werden. Man konnte sie.auch, abgesehen von den vier 
Rädern, die sie naturgemäß nicht aufwies, mit einem jener 
viel strapazierten Lan 
dauer vergleichen, die — 
geduldig und breit ein 
ladend — schon in so 
mancher Großstadt Eu 
ropas ihren Dienst getan 
haben und nun ■'langsam 
gegen Osten verschöbet! 
werden. Die Route ist für 
Wagen wie für Mädchen 
dieser Art seit altersher 
so feststehend wie der 
Lauf der Sonne. Mit Bu 
karest fängt es an, dann 
gibt es in Konstantin 
opel ein paar stationäre 
Jahre. Dann rollt man 
sachte weiter: Aleppo, 
Kairo oder Teheran ist 
das Ziel! 
So war es auch mit 
Frl. Anneliese Knorrke, 
die jetzt Mademoiselle 
Fifi hieß und in Teheran 
Hof hielt, trotz dem 
Schah von Persien. Ma 
demoiselle Fifi war näm 
lich in dieser Stadt, in 
der es so viel Frauen 
hinter Gittern gibt, die 
einzige Frau, zu der so 
zusagen die Türen weit 
offen standen für jeden, 
der die Vorbedingungen 
einigermaßen erfüllte. 
Man muß sich dieses 
Teheran von heute und 
gestern nicht vorstellen 
wie ein Kapitel aus Tau 
send und einer Nacht. 
Die Stadt ist verfallen, 
und das einzig Schöne an 
ihr sind die wundervollen 
Parks hinter Mauern, die 
die einzelnen Schlösser 
und Häuser der Reichen 
umgeben. Trotzdem hier seit langem eine große Fremden 
kolonie lebt, besteht der ganze Luxus ihres Daseins in 
dem üblichen Persischen Hof mit den paar kleinen Palmen, 
Bäumen und Blumenbeeten, die sich um einen Springbrunnen 
gruppieren, öffentliche Vergnügungen gibt es nicht, oder 
gab es wenigstens noch nicht zu der Zeit, da Mlle. Fifi’s 
Schicksal sich hier erfüllte. Nicht einmal ein Kino war da, 
von einem Kaffeehaus oder gar Theater nicht zu reden. Das 
ist wichtig, denn die junge und alte Männerwelt der Fremden 
kolonie war so direkt gezwungen, wenn sie nicht verheiratet 
war, zu ihrem Amüsement Mlle. Fifi zu benutzen — in der 
oder jener unoffiziellen Weise. 
Mlle. Fifi’s Salon, ein großer, kahler Raum mit dem Aus 
blick auf den „Garten“, mit ein paar Seidenteppichen an den 
Wänden und einer Anzahl schön gruppierter Wiener Korb- 
sessel t war das einzige Zentrum der Erholung für all die 
. Attachecs, Kaufleute und Bankvertreter, die hier so fern im 
Osten Pioniere unserer schönen westlichen Kultur spielten. 
Mlle. Fifi fragte niemals nach der Nation eines Gastes. Eng 
länder und Franzosen, so gut wie Amerikaner und Deutsche 
Bild: Bo/it 
wurden hier zerstreut — der eine wie der andere, denn Fifi 
hatte ein grenzenlos gutes Herz, und überdies hatte ihr Beruf 
sie längst gelehrt, auf den Kern zu achten und nicht auf die 
Schale. 
So sehr geschätzt Mlle. Fifi also im Kreise der Teheraner 
Herren war, so sehr gefürchtet und verhaßt war sie im Kreise 
der fremden Frauen. 
Wer „zu Fifi ging“, war für den Flirt und bis auf weiteres 
auch für die Ehe vollkommen verdorben. Das ging so lange, 
bis M r. Graham von den Shuster-Petroleum-Gruben in 
Mlle. Fifi’s Netze ging. Miß Wood, mit der er seit einem 
Monat verlobt war, brach 
nicht in Schreikrämpfe 
aus, als ihr ihre beste 
Freundin mitteilte, daß 
Joe Graham „zu Mlle. 
Fifi ging.“ Sie war keine 
matte Europäerin und die 
echte Tochter des alten 
Washington Wood, der 
am Ende seiner be 
rühmten finanziellen Ver 
gangenheit nun die Fi 
nanzen des Reiches Per 
sien reorganisierte. Miß 
Wood verschwand drei 
Tage lang aus Teheran, 
nur von ihrem persischen 
Reitburschen begleitet, 
und als sie am Abend des 
dritten Tages auf halb tot 
gerittenem Pferde wieder 
einzog, wußte sie, 
was sie zu tun hatte. 
Mlle. Fifi’s Persönlichkeit 
war ihr bis in die letzten 
Tiefen klar geworden. 
Die Pest Fifi mußte 
vernichtet werden, der 
Weg dazu lag weit offen. 
Drei Wochen später 
traf, direkt aus Konstan 
tinopel verschrieben, der 
Satan selbst in Teheran 
ein. Er war äußerlich 
nach der letzten Mode 
gekleidet, überaus soig- 
niert, von den besten 
Umgangsformen und 
einer spielerischen Leich 
tigkeit der Moral, die ein 
fach unwiderstehlich war. 
Kein Mensch, der seine 
Polizeiakten noch nicht 
kannte, sah ihm an, daß 
er sozusagen nur ein 
Hochstapler auf Urlaub 
war, vor einigen Monaten aus irgend einem der europäischen 
Gefängnisse entlassen und mit der innerlichen Bestimmung 
eines demnächstigen neuen Aufenthaltes in irgend einem 
anderen Gefängnis der Welt., 
Kein Individuum auf Erden ist so mitleidlos und dabei so 
logisch in seinem Feldzugsplan gegen den Gegner, wie eine in 
ihren heiligsten Gefühlen verletzte Frau. Miß Wood wollte 
Mlle. Fifi vernichten und sie wußte, — nicht aus einer Er 
fahrung, sondern einfach aus der treffsicheren Situation ihres 
Hasses heraus — daß Fifi’s Leben nur noch durch den 
Rausch möglich war. Die Erkenntnis, daß sie heimat 
los, daß sie vogelfrei war, und daß am Ende dieses Rausches 
die entsetzliche Ernüchterung stand, mußte sie töten. Jeder 
Mensch, das empfand Miß Wood, selbst die kühnste Ge 
schäftsfrau' der Liebe, hat irgendwo im Herzen eine Saite, die 
nicht zum Klingen gebracht werden darf, wenn ^ein ganzes 
System nicht erschüttert werden soll. Mlle. Fifi war aus 
Berlin, und sie durfte nicht dorthin zurück wegen irgend 
einer kleinen Affäre, deren Erledigung noch immer von 
Polizeiwegen auf sie wartete. Es war nichts anderes nötig.
        
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