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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 2 7 
Nr. 16 
16 
DIE LO CK EN 
CGescßidte aus dem Mittefafter) 
in Bischof von Palermo empfand eines 
Tages seine Männlichkeit und sehnte sich 
nach den Zärtlichkeiten einer Frau. Da der 
Bischof ■wundervolles Haar besaß, waren 
manche Sizilianerinnen voller Begier, liebe 
voll in seine Locken fassen zu dürfen. 
Aber der Gute konnte weder seine, noch 
konnten die Frauen ihre Wünsche äußern. Es blieb also Sehn 
sucht, heimliche Sehnsucht, übrig. 
Da raffte er sich eines Abends auf und zwar als ge 
wöhnlicher Sterblicher; im Bürgerkleid durchschritt er Pa 
lermos Gassen. In einem Weinhause machte er Halt und hier 
lernte er zwei schöne, junge Mädchen kennen. Bald fuhren 
ihre weißen Finger durch sein Haar, und Worte wie Musik, 
so weich und verführerisch, begleiteten diese Handlung. 
Als sie die Tonsur entdeckten, wurden sie stutzig. Oha!? 
Der schöne Mann lächelte in der Weinlaune; 
„Hat nichts zu sagen . . . streichelt weiter, Mädchen von 
Palermo!“ 
Das eine der Mädchen aber nahm ein oder zwei Locken 
mit der Schere weg; 
„In meine Sammlung!“ sagte sie und rasch ließ sie die Locke 
verschwinden. 
Tief in der Nacht trennten sich Bischof und Mädchen. Jeder 
von ihnen nahm ein Stück Liebeswoilne mit nach Haus und 
eine reizende Erinnerung. 
Niemand erfuhr, was man sich zugeraunt hatte und Palermos 
Bischof genoß die Verehrung genau wie früher. Man nannte 
im übrigen den intransigenten Kirchenfürsten den „Enthalt 
samen“. 
Da geschah es, daß das eine Mädchen, das mittlerweile 
einen Feigenhändler geheiratet hatte, mit diesem Manne sehr 
in Unfrieden lebte. Der Mann wußte von der früheren Be 
gebenheit mit dem Bischof, denn die Locken verrieten es ihm. 
Sie vergaß sie eines Tages und ließ sie im Kasten offen liegen. 
Er hielt ihr die Affäre stets vor und schließlich gewann er 
durch die Locken die Oberhand. Sie hatte ihn betrogen . . . 
sie war nicht mehr wie . . . 
Nach Leibeskräften betrog nun der Feigenhändler sein Weib. 
Nun wollte sie sich scheiden lassen, aber das ging nicht so 
eins, zwei, drei. 
Da ging die drangsalierte Frau zum Bischof und der gab in 
der Furcht, das Geheimnis könne ans Tageslicht kommen, 
Konsens zur Scheidung, beziehungsweise, er befürwortete sie. 
Der Ehemann aber wollte unter keiner Bedingung sich von 
seinem Weibe scheiden lassen und so ging er zum Bischof, er 
möchte schnellstens die Einwilligung aufheben und die Er 
laubnis als Irrtum ansehen. 
„Wenn nicht , drohte der Ehemann, „dann werde alles in 
Palermo bis Rom davon sprechen, was seine Sünde sei“ . . . 
also ein kleiner, idealer Erpresser! 
Der andere war erschrocken. Sagte er ja, so war er ver 
loren; sagte er nein, so war es auch schlimm um ihn bestellt. 
Die Situation war mehr als ungemütlich und ziemlich brenzlig. 
Da machte der Ehemann, der gütige, den Vorschlag, sein 
Weib möge ihm wöchentlich einmal durchs Lockenhaar 
fahren, aber stets Unter seiner Assistenz. Ein Kompromiß! 
Damit war sie einverstanden. Andernfalls hätte sie doch auf 
jede Trennung gedrängt. 
Die Ehefrau erklärte sich schließlich damit einverstanden 
und der Konsens zur Scheidung wurde rückgängig gemacht. 
Jeden Mittwoch fuhr sie dem Bischof durch die Locken, 
während der Mann der Handlung ernst und voll Würde bei 
wohnte. 
Eines Tages aber, als der Bischof im Ohrensessel schlief, 
schlich ein Vetter der Ehefrau, ein Friseur, in das bischöfliche 
Zimmer und gegen eine Belohnung von hundert Zechinen 
von ihr, schnitt er diesem, dem er irgend etwas Betäubendes 
unter die Nase hielt, die Haare bis zur Wurzel ab. Dann ent 
fernte er sich, des Lohnes gewiß. 
Als nachher der Bischof erwachte, war das Erstaunen groß. 
Mittwoch kam das Ehepaar und auch beider Augen weiteten 
sich. 
Die Haare abgeschnitten! Der Bischof tobte und der Ehe 
mann zitterte, denn er fürchtete um seine Zukunft. Sie konnte 
nicht mehr durch die Locken fahren . . . das Kompromiß war 
als erledigt zu betrachten. 
Die Ehefrau erklärte somit: 
„Jetzt, wo keine Haare mehr da sind, will ich Ersatz . . . 
ich will dafür geschieden werden . . 
Der Ehemann sah ein, daß die Frau nun kein Objekt für die 
Zärtlichkeit mehr hatte, daß alle List zu Ende war, und er 
erklärte sich schweren Herzens mit der Trennung einver 
standen. 
Der Bischof erwirkte in Rom die Scheidung nun vollständig. 
Kaum waren die zwei getrennt, da erschien die geschiedene 
Frau beim Bischof von Palermo: 
„Eminenz, ich habe mich so an Euch gewöhnt“, lächelte sie, 
„so sehr, daß ich die Locken wieder abwarten will, um Euch 
gut zu sein.“ 
Eminenz erwiderte: „Wenn Euch an mir nichts anderes 
lockt, als meine Locken, dann geht ruhig nach Hause.“ 
Da wurde die kleine Frau ganz rot im Gesicht. 
Eminenz, ein schöner Mann von achtunddreißig Jahrens ging 
zur Tür und schob leise den Riegel vor. 
„Warum schließt Ihr, Herr?“ fragte sie neugierig. 
„Kind“, sagte der Bischof, „nur, wenn ich mit Gott mich 
unterhalte, kann mein Zimmer offen bleiben.“ 
„Ja, mit wem wollt Ihr Euch denn unterhalten?“ wollte sie 
wissen und sie machte das Gesicht eines Spitzbuben. 
Er erwiderte: „Mit einem kleinen Teufel und deshalb müssen 
wir schon das Türchen schließen.“
        
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