Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

AIr. 16 
Jahrg. 37 
13 
Auch für Fräulein Ruth Memphis verfliegen die Stunden 
viel zu langsam. Sie ist heute Abend frei — frei für ihn! Die 
Luft ist so lau. Ein plötzlicher Anfall von wilder Jugend rast 
in ihrem Herzen, sie reißt alle Fenster auf. 
Und noch immer ist es nicht 8 Uhr! 
Fräulein Ruth ist im entzückenden Hauskleid. Aber da 
fällt ihr ein, daß diese Garnitur doch nicht die richtige Kriegs 
rüstung ist. Sie haßt Präliminarien, wo sie nicht nötig sind. 
Man muß die ersten Kapitel eines Romans abzukürzen ver 
stehen, wenn man nicht den ganzen Gang der Handlung ge 
fährden will! Sie wirft das Kleid ab, reißt den Schrank auf, 
sucht, wählt und verwirft immer wieder von neuem. 
Horch, ist da nicht plötzlich ein Schritt draußen auf der 
Treppe? Ihre Augen glühen auf. Kommt er? Kommt er — 
endlich? 
Der tappende Schritt ist verstummt. Jetzt steht er wohl 
vor der Tür, die offen ist, wie sie vereinbart haben — angst 
voll, ungewiß, ob er eintreten soll. Junge Leute sind so, Ruth 
weiß das. 
Und plötzlich weiß sie auch, aus ihrer langjährigen Er 
fahrung heraus, daß es nur beim Teetrinken bleiben wird, wenn 
sie nicht noch stärkeres Geschütz auffährt. Jawohl, sie muß 
ihn so empfangen, diesen reinen Jungen, nach dem sie so 
lechzt, daß er sofort die Besinnung verliert! 
Halb dunkel ist das Zimmer, wie sie ihre letzte Hülle ab- 
wrrft. Nur ihr schöner Körper leuchtet mattweiß. 
Noch immer kein Geräusch, noch immer nicht er?! 
Sie lehnt an der Wand, in einem seltsamen Taumel von 
Gefühlen, über den sie selbst gerührt ist. Da, plötzlich fährt 
sie zusammen. Irgend etwas im Zimmer hat sich geregt. Sie 
hat die Augen geschlossen, jetzt schlägt sie sie hastig auf. 
Ist er schon da? Ist er wirklich schon da? 
Wirklich ... im Nebenzimmer — tappt etwas. 
Ruth’s Glieder sind schwer, mühsam löst sie sich von der 
Wand, macht ein paar Schritte hin gegen die Tür. 
Aber da . , . mitten im Zimmer . . . was ist das?! 
Dort . . . vor dem blütenweiß gedeckten Tisch steht nicht 
der, den sie erwartet? 
Steht etwas, das — kein Mensch ist! 
Steht ein — Affe! 
Fräulein Ruth greift sich an den Kopf, schreit auf . . . der 
Sturz aus dem Himmel ist zu tief. 
Sie starrt das Ungeheuer an. Wirklich und wahrhaftig: das 
Individuum in ihrer Wohnung ist und bleibt ein Affe! 
Es scheint ein wohlgepflegter Affe zu sein. Sein Fell glänzt 
seidig, von Ungeziefer ist vorläufig nichts zu merken, von 
bösartigen Absichten, wirklich, vorläufig auch nichts. Er steht 
einfach da, halb so groß wie Herr Hans Ludwig Ahrens, und 
glotzt diese schöne Frau vor ihm an, die er offenbar nicht zu 
finden erwartet hat. 
Fräulein Ruth Memphis weiß nicht recht, 
was sie machen soll. Mit Affen hat sie 
noch keine Erfahrung. Aggressiv scheint 
das Tier nicht werden zu wollen, und so 
entschließt sie sich, schließlich nichts an 
deres zu tun, als sich nicht zu rühren, um 
den unerwarteten Gast nicht weiter auf 
zuregen. 
Es ist nicht sehr ästhetisch, was der Affe 
daraufhin macht. Er dreht sich um, wendet 
ihr den farbenreichen Rücken zu. Dann 
machte er einen Hopps auf den nächsten 
Sessel, greift nach einer Serviette, bindet 
sie sich manierlich vor und beginnt, wie es 
auch Herr Ahrens nicht besser vermocht 
hätte, wahrhaftig mit Messer und Gabel zu 
essen. 
Fräulein Ruth ist so grenzenlos verblüfft, 
daß so etwas in München, und nicht einmal 
in Revolutionszeiten, passieren kann, daß 
sie den Mund aufsperrt, bis ihr prächtig 
blinkendes, kaum zwei Jahre altes Gebiß 
sichtbar wird. 
Es ist jetzt an der Zeit, wie die alten, 
gediegenen Schriftsteller sagen Würden, sich 
wieder mit Herrn Ahrens zu beschäftigen. 
Auch Herr Ahrens hat den Abend mit stei 
gender Unruhe erwartet. Gegen sieben Uhr 
war seine Angst vor Fräulein Ruth Memphis, 
der Charaktertänzerin, so groß geworden, 
daß er beschloß, sich eine genügende Por 
tion Mut anzutrinken. Er schlich auf Zehen 
spitzen die Treppe hinunter, um seiner An 
gebeteten ja nicht zu früh zu begegnen, 
begab sich zitternden Fußes in das nächste Weinhaus und ver 
leibte sich dort einen Schoppen nach dem anderen ein, ohne 
sich zwischen dem Hinunterstürzen der einzelnen Gläser viel 
Pausen zu gestatten. Zehn Minuten nach acht Uhr war er 
mutig wie ein Löwe. Er war so mutig, daß der gewöhnliche 
Weg zur Angebeteten seines Herzens ihm längst nicht richtig 
erschien. Was machte Romeo in solchem Fall, als seine Julia 
ihn erwartete? Er nahm sich eine Strickleiter vor und kletterte 
todesverachtend auf den dazugehörigen Balkon! 
Freilich, eine Strickleiter stand dem Studenten der Kunst 
geschichte, Herrn Hans Ludwig Ahrens, leider nicht zur Ver 
fügung. Aber der Liebe ist nichts unmöglich, besonders nach 
einem halben Dutzend Schoppen Wein. So beschloß Herr 
Ahrens, die Fenster der Geliebten, die ja bekanntlich nicht so 
hoch lagen, daß man gelernter Fassadenkletterer sein mußte, 
zu erklimmen. 
Zwanzig Minuten nach acht Uhr stand Herr Ahrens cand. 
art. auf der Straße unten vor den Fenstern der Geliebten, 
Einen Augenblick lang lauscht noch Herr Ahrens, dann gibt 
er sich den Aufschwung. Was im nächsten Augenblick ge 
schieht, wird ihm erst lange hinterher klar. In derselben Se 
kunde, wo sein Kopf über der Fensterbrüstung auftaucht, wird 
er ihm fast abgerissen. Irgendetwas schnellt in rasendem 
Tempo aus dem Fenster heraus, zerkratzt Herrn Ahrens das 
Gesicht, wirft ihn fast zurück, hinunter auf die Straße. 
Herrn Ahrens läuft das Blut aus den Augen, er droht den 
Halt zu verlieren. Wein, Liebe und Blut nehmen ihm fast die 
Besinnung. Alles schwimmt um ihn. Da plötzlich fühlt er 
sich umfaßt, emporgezogen . . . hinein in das Zimmer, hört 
hinter sich das Fenster zuklirren, hört eine lachende Stimme; 
„Was machen Sie für Dummheiten, lieber Freund?“ lacht 
Fräulein Ruth, „warum haben Sie klassische Anwandlungen? 
Fast hätte ich Sie jetzt wirklich verwechselt!“ Er schließt 
die Augen, selig, im Himmel. 
— Es ist schon 12 Uhr mittags und am anderen Tage, 
wie Fräulein Ruth Memphis und der cand. art. Ahrens endlich 
zum — Abendessen kommen. Auf dem Tisch vor Ruth liegt 
die Morgenausgabe der „Münchener Neuesten“ und Ruth 
lacht unbändig, wie toll, den Finger auf einer Notiz im lokalen 
Teil des Blattes, die folgenden Wortlaut hat: 
„Ein Affe entlaufen ist am gestrigen Abend der 
Herzogin von Mortara, die unserem verehrten, früheren 
Königshause nahesteht. Die Herzogin, die als begeisterte 
Tierliebhaberin sich bekanntlich mit jungen Löwen, Affen 
und anderen Tieren zu umgeben pflegt, ist untröstlich über 
den Verlust ihres Lieblings. Das Tier ist offenbar in einem 
unbewachten Augenblick durch das Fenster oder die Haus 
tür des Palais entwichen. Der ehrliche Finder wird gebeten, 
das Tier gegen eine angemessene Belohnung im Palais Mor 
tara abzugeben.“ 
Äpfelchen gefällig? 
Plantikow
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.