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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nr, 16 
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Der kurzsichtige Ehemann 
„Ich liebe Sie, Leontine, und ich werde der glück 
lichste Mensch von der Welt sein, wenn Sie ein willigen; 
meine Gattin Zu werden.“ 
„Ihr Antrag ehrt mich, Herr de la Bourdette aber . 
„Ja aber leider habe ich Ihnen ein Geständnis zu 
machen.“ 
„Sie? Ich habe zwar keine Ahnung, was Sie mir zu 
beichten hätten, aber ich halte es für ganz überflüssig. 
Den Männern ist ja vor der Ehe alles erlaubt.“ 
„Sie mißverstehen mich, Fräulein Leontine, es han 
delt sich um etwas anderes. Ich weiß ganz genau, daß 
ein Mann alle seine Gefühle für die 
reservieren muß, die er dereinst als 
seine Gattin heimführen will, und ich 
habe stets nach diesem Grundsätze ge 
handelt.“ 
Leontine lächelte. 
„Was ich Ihnen zu beichten habe, be 
trifft Sie, Leontine.“ 
„Mich?“ 
„Ja, Sie. Seit ich Sie kenne, fühle ich, 
daß mein Glück, meine Zukunft in 
Ihren Händen liegt. Nur zögerte ich 
noch immer mich Ihnen zu erklären, 
weil weil man sprach 
so viel über Sie, man sagte, daß Sie 
kokett wären und gern flirteten. Ich 
glaubte ja nicht daran, aber ich ärgerte 
mich, daß man derart von meiner zu 
künftigen Frau sprechen konnte. Aber 
seit gestern bin ich geheilt. Ich war im 
Klub, da fiel wieder Ihr Name, und um 
Widerspruch hervorzurufen, und um 
endlich Klarheit zu erlangen, erlaubte 
ich mir einige Zweifel über Ihren Cha 
rakter zu äußern. Da hätten Sie sehen 
sollen, wie die Herren wie ein Mann 
aufsprangen und protestierten. Und 
drei unserer angesehensten Mitglieder, 
der Baron Neuagen, Herr Vernot und 
Vicomte La Mirette, sie sandten mir heute morgen 
sogar ihre Zeugen. Ich habe selbstverständlich re- 
voziert und weiß nun, was ich zu tun habe. Leontine, 
wollen Sie meine Frau werden?“ 
Und diesmal erzählte Leontine keine Geschichten. 
Als die Tante der jungen Braut glückstrahlend gratu 
lierte, zog dieselbe sie beiseite. 
„Tante, ich habe ihm nichts gesagt.“ 
„Kind, wie konntest du nur . . . das ist unverzeilich.“ 
„Ich glaubte, Tante, daß es genügt, wenn einer von 
beiden vor der Verlobung eine Beichte ablegt “ 
A ^ u 
r heißt Hans Ludwig Ahrens, ist Student 
der Kunstgeschichte im dritten Semester an 
der Universität München. Das große Er 
lebnis, die Frau, ist an ihn noch nicht her 
angetreten. Er ist rein wie am ersten Tage. 
Das genügt. 
Aber heute begegnet er auf dem Wege 
nach seinem Dachzimmer dem Märchen. 
Das Märchen hat zwei Beine, zwei sehr aus 
gebildete Beine, und den bezauberndsten Mädchenkopf, der in 
der ganzen Kunstgeschichte zu finden ist. Wenigstens scheint 
es Herrn Hans Ludwig Ahrens, cand. art. so, trotzdem es 
anderen Leuten eben nicht immer mehr so scheint. Denn 
dieser Kopf gehört Fräulein Ruth Memphis, der Cha 
raktertänzerin, die zwar über einen reichlichen Ruf in der 
Welt, in der man sich nicht langweilt, verfügt, aber ebenso 
über eine nicht mehr ganz geringe Anzahl von Jahren. Fräulein 
Ruth Memphis ist wirklich noch immer schön, aber doch schon 
*®ise auf dem Abstieg. Mit 30 Jahren muß man daran denken, 
sich Erinnerungen einzusammeln, die länger dauern, als die 
sogenannten Eintagsfliegen von Erinnerungen, die eine 
lanzerin, auch wenn sie noch so sehr Charakter tanzt, sonst 
Gelegenheit hat, sich zu verschaffen. 
Es ist ein Naturgesetz, daß gerade die Gegensätze sich am 
meisten anziehen. Seegreise interessieren sich für Kinder oder 
solche, die es fast noch sind, alternde Damen für blutjunge 
Herren. Fräulein Ruth Memphis, die eben unten im Haus die 
erste Etage bezogen hat — auf Grund welcher Gelder, tut 
nichts zur Sache — ist also auf ganz natürliche Weise auch 
^ 1 O D o 
ihrerseits von der Begegnung auf der Treppe ziemlich erregt. 
Was ist das für ein entzückender Bengel, dieser junge Student! 
Wie gut tut es, auch einmal so angeschaut, förmlich einge 
hüllt zu werden in Verehrung und Hingabe und nicht immer 
so, wie sie es gewohnt ist, mit Männerblicken, die sie sach 
kundig und fachgemäß entkleiden und brutal ihr zuschreien, 
was der andere will. 
In Gedanken — scheinbar in Gedanken — bleibt Fräulein 
Ruth Memphis auf der Treppe stehen, läßt ihr Taschentuch 
fallen, und der junge Student in seiner Ahnungslosigkeit hebt 
es wirklich, so ungeschickt wie möglich, wieder auf. 
Fünf Minuten genügen manchmal für ein Schicksal. Nach 
fünf Minuten ist der Student vollkommen in Fräulein Ruth 
Memphis verloren, in einer Welle von ihm unerklärlicher, 
heißer Glut fast davongeschwemmt, und in Fräulein Ruth 
Memphis der energische Wunsch vorhanden, diese Erinnerung 
einzusammeln, diese Knospe zu pflücken. 
Sie hat den Instinkt, den jede Frau hat. Und so merkt es 
Hans Ludwig Ahrens weiter gar nicht, daß seine Unschuld in 
Gefahr ist, wie Fräulein Ruth Memphis burschikos und wie 
selbstverständlich ihm die Hand schüttelt und so nebenbei 
hinwirft: 
„Wissen Sie was, Herr Nachbar? Besuchen Sie mich doch 
heut’ Abend zum Tee? Hier auf der Treppe holt man sich ja 
wirklich noch einen Schnupfen . . . und wir haben uns, nicht 
wahr, eine ganze Menge zu sagen?!“ 
Er stürzt über ihre Hand hin und taumelt davon, bricht sich 
fast die Beine, bevor er in seiner Kammer hinsinkt, verstört, 
jubilierend und fast toll.
        
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