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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 16 
10 
^mcWadüe 
ALFRED B R, I E 
ch sage ja nicht, daß dein Rat nicht 
gut ist, Tante, aber es fällt mir 
schwer, ihn zu befolgen. Du wirst 
mir doch zugeben, daß es peinlich 
ist, wenn man 
Liane e Hochette hielt verlegen 
inne, aber ihre Tante die würdige 
Frau Leblou, beharrte diesmal auf 
ihrem Willen. 
„Da hilft kein Zaudern, Kind. Es ist ein Gebot der 
Ehre, das du erfüllen mußt. Dir ist in deiner Jugend 
eine unangenehme Geschichte passiert, eine sehr un 
angenehme sogar “ 
„Bin ich daran Schuld?“ 
„Durchaus nicht, im Gegenteil, dir steht jede Ent 
schuldigung zur Seite. Dein Musiklehrer war ein Schuft, 
der deine Unerfahrenheit benutzte, aber das hilft alles 
nichts. Der Mann, der dich heiraten will, hat das Recht, 
von dir die Wahrheit zu erfahren.“ 
„Glaubst du, daß er es wirklich wissen muß?“ 
„Kannst du noch daran zweifeln? In jedem Falle 
mußt du ihm die Entscheidung überlassen.“ 
„Könntest du nicht diese delikate Mission über 
nehmen?“ murmelte Leontine fast unhörbar. 
„Ausgeschlossen! Derjenige, der dich heiraten will, 
muß überzeugt sein, daß nur ihr beide, du und er, das 
Geheimnis kennt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. 
An Bewerbern fehlt es dir nicht. Vier Männer sind es 
die ernsthaft in Frage kommen: Baron Neuagen, Herr 
Vernot, Vicomte La Mirette und schließlich Stanislaus 
de la Bourdette.“ 
„Bei dem letzteren irrst du dich entschieden. La 
Bourdette ist ein schüchterner junger Mann, der mir 
nur den Hof macht wie den anderen jungen Mädchen.“ 
„Verlasse dich auf mich, er liebt dich.“ 
„Weißt du, Tante, ich wäre glücklich, wenn ich 
einige Tage älter wäre.“ 
Baron Neuagen war der erste, der den Damen einen 
Besuch abstattete. Er benutzte natürlich die von der 
Tante geschickt herbeigeführte Gelegenheit, um Leon 
tine eine Liebeserklärung zu machen und zitternd sah 
das junge Mädchen einen Augenblick, da sie einem 
Manne eine Beichte ablegen mußte. Einige Sekunden 
zögerte sie. Wie würde er es aufnehmen? Dann er 
zählte sie dem Baron mit zitternder, stockender 
Stimme, was ihr in frühester Jugend zugestoßen war. 
Der Baron zeigte sich als vollendeter Gentleman. Ohne 
mit der Wimper zu zucken, hörte er zu, dann beugte 
er sich herab, um die Hand Leontines zu küssen. 
„Ich danke Ihnen für ihr Vertrauen, gnädiges Fräu 
lein, aber ich muß gestehen, daß mich diese Mitteilung 
etwas unvorbereitet trifft. Ich hoffe, Sie werden mich 
nicht mißverstehen wenn ich Sie bitte, mir unter diesen 
Umständen eine kurze Frist zu gewähren, um alsdann 
meinen Antrag zu wiederholen.“ 
„Sie kommen mir nur zuvor Baron. Ich wollte 
Sie eben darum bitten, vorläufig Ihre für mich sehr 
schmeichelhafte Werbung als unausgesprochen zu 
betrachten.“ 
■ ein '§ en gleichgültigen Phrasen verabschiedete 
sich der Baron, und Leontine atmete erleichtert auf. 
Sie erzählte der Tante, was vorgefallen war, und die 
beiden Frauen sahen den nächsten Tagen mit schlecht 
verhehlter Unruhe entgegen. Aber der Baron ließ 
weder etwas von sich hören, noch schrieb er einige 
Worte, sondern er vermied es sogar offensichtlich, mit 
Leontine zusammenzutreffen. 
Das war für das junge Mädchen ein harter Schlag, 
aber es bestärkte sie in dem Wunsche, ihrer unange 
nehmen Situation ein Ende zu machen, und so schnell 
als möglich in den Hafen der Ehe einzulaufen. Eines 
Tages erhielt Herr Vernot eine Einladung zu einer 
Tasse Tee, und der junge Mann ging so stürmisch vor, 
daß es diesmal Leontine nicht schwer fiel, sich ihm zu 
offenbaren. Aber schon bei den ersten Worten unter 
brach er sie: 
„Was erzählen Sie mir da für Geschichten? Das ist 
ja schrecklich. Also in eine solche Falle sollte ich ge 
lockt werden? “ 
„Es ist weder von einer Falle noch vom Locken die 
Rede, mein Herr“, erklärte das junge Mädchen tief 
errötend. „Ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen nichts 
zu verschweigen, und es steht Ihnen vollständig frei, 
die Konsequenzen zu ziehen.“ 
„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, die Überraschung, 
. . ..... verletzte Liebe ich ließ mich hin 
reißen.“ 
Das junge Mädchen überlegte schon, ob der Rat 
ihrer Tante nicht doch vielleicht falsch wäre, als sich 
eines Tages der Vicomte La Mirette bei ihr melden 
ließ. Der Vicomte nahm die Sache durchaus nicht 
tragisch auf, im Gegenteil. 
„Gnädiges Fräulein erscheinen mir da in einem ganz 
neuen Lichte. Sie imponieren mir direkt. Wenn man 
ein moderner Mensch ist wie ich, dann muß man eben 
alles verstehen, alles verzeihen können. Gnädiges Fräu 
lein, Sie haben bei mir entschieden noch gewonnen.“ 
„Ich werde Sie also Wiedersehen, Vicomte?“ 
„Aber bestimmt. Warum nicht?“ 
„Bitte überlegen Sie es sich noch einmal, und dann 
schreiben Sie mir vielleicht.“ 
„Ich habe nichts mehr zu überlegen, aber ich werde 
schreiben. Sie haben Recht. Das erleichtert eine Aus 
sprache.“ 
Er küßte zärtlich zum Abschied Leontines Hand und 
versprach noch an demselben Abend ihr einige Zeilen 
zugehen zu lassen. Freudestrahlend suchte das junge 
Mädchen Frau Leblou auf und dankte ihr für den guten 
Rat, den sie ihr erteilte. Pünktlich am nächsten Morgen 
traf mit der ersten Post der erwartete Br?i ein, und 
Leontine erbrach ihn mit klopfendem Herzen. 
„Meine liebe kleine Leontine. Es freut mich, daß du 
so vernünftige Ideen hast und auf die Formalitäten der 
Ehe verzichten willst. Es ist ja schließlich auch einer 
lei. Ich erwarte dich also heute nachmittag um 5 Uhr 
in meiner Wohnung und ich brauche dir wohl nicht zu 
versichern, daß ich ebenso diskret sein werde wie die 
anderen.“ 
Leontine weinte den ganzen Tag. Also dazu hatte 
sie ihr Geheimnis drei Männern enthüllt, daß man sie 
derart zu behandeln wagte. Am nächsten Morgen ließ 
sie ihre Koffer packen. Sie mußte hinaus in die weite 
Welt, wo niemand sie kannte. Eben suchte sie ihre 
Tante auf um sich von ihr, die es im Grunde nur gut 
gemeint hatte zu verabschieden, als sie plötzlich dem 
Herrn de Bourdette gegenüberstand. 
„Wie glücklich bin ich, Fräulein Leontine, Sie ein 
mal wieder zu sehen.“ 
„Wieviel Damen sagen Sie das wohl täglich?“ 
„Fräulein Leontine, wenn ich sagen dürfte, wenn ich 
wüßte, daß Sie es mir nicht übelnehmen 
Leontine hielt es für richtig zu schweigen, und der 
schüchterne Liebhaber nahm seinen ganzen Mut zu 
sammen.
        
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