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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 16 
8 
ARTHUR- 
ie glänzenden Festarrangements, die großen 
Opern und Schauspiele, die Feuerwerke, die 
Paraden, die Berlin zu Ehren Nikolaus I, 
veranstaltet hatte, lagen schon einige 
Wochen zurück. Es war ein Spätsommer- 
^bend und die Sonne malte noch mit einem 
letzten roten Strahl an dem welken Laub 
zeug herum, das an der Spitze eines stehen 
gebliebenen Girlandenträgers flatterte. 
Charlotte von Hayn lag auf der Ottomane und sah durch das 
offene Fenster hinüber nach dem goldumspielten Laub 
büschel; die Rolle der Rosina im „Bazar“, die sie noch ein 
mal memorierte, war ihrer Hand entsunken, der Text war 
ihren Gedanken entglitten — sie dachte an anderes: 
Das Laub mochte verwelkt, die Feuerwerke verprasselt, die 
Gardeoffiziere wieder vom Paradeplatz in die Salons und in 
das Parkett der Theater zurückgekehrt sein: für sie war des 
Kaisers Besuch noch nicht zu Ende. Sie ahnte, wußte, er 
wartete mit jedem Tag aufs neue, daß der Kaiser, der sie als 
Julia gesehen, rufen würde. Nur darum hatte sie das 
schwärmerisch-anbetende München mit Berlin vertauscht, weil 
die Brücke nach Rußland Preußen war. Ja, so große Dinge 
wogten in ihrem vierundzwanzig jährigen Busen! Sie sah in 
den blauen Himmel und ihr war, als wölbten sich die Kuppeln 
Petersburgs in den Horizont. Ungeduldig griff sie nach der 
Rose an ihrer Brust und zerpflückte den Kelch: es dauerte 
zu lange! Sie streckte ihren Fuß ein wenig aus und entzückte 
sich an den feinen Linien ihres Leibes; an den Knospen der 
Brust blieb ihr Blick hängen: nein! was war das Rauschen des 
Beifalles aus der Höhle des hundertköpfigen Logenhauses für 
sie! Sie wollte die Triumphe der vergöttertsten Hofdamen 
zertreten; sie hatte von den Lieblingen Frankreichs gehört, die 
den großen Napoleon zu ihren Füßen sahen; im Winterpalais 
des Zaren sollte ihr dasselbe gelingen. 
Margarete, ihr Zöfchen, trat hitzig ein und Charlotte 
wußte, ehe sie den Expreß-Brief erbrochen: das war die Ein 
ladung. Es war gelungen. Sie würde vor dem Zaren spielen 
und eine zehnjährig ausgereifte Rachsucht würde in einem 
Duell der Schönheit enden: Caroline mußte fallen. 
Charlottes Blick lag auf den Zeilen des Briefes, in dem ihr 
die Reisedispositionen, die Bedingungen und die Anweisungen 
an die Berliner Intendanz mitgeteilt wurden; in Wirklichkeit 
aber schwebte vor ihrer leichtbeweglichen Phantasie das Bild, 
das verhaßte Bild, das nun seiner Austilgung entgegenging: in 
dem Sommertheater von Nymphenburg hatte sie sich mit 
Caroline Bauer —• wie alt mochte sie damals sein? vielleicht 
siebzehn? zwei Jahre älter als sie — — getroffen, um Marias 
und Elisabeths große Szene in der „Stuart“ zu spielen, heimlich, 
ohne. Wissen der beiderseitigen, befreundeten Eltern zu 
spielen, die besonders in der Verurteilung jeder schauspiele 
rischen Neigung ihrer Kinder einig waren. — Der einzige, 
zum Schweigen verpflichtete Zuschauer war Felix, der Fähnrich, 
Carolines Vetter, gewesen. Prächtig begann Charlotte; sie 
liebte Felix und wollte seine Neigung gewinnen. Sie spielte 
sich in Feuer und gebärdete sich mit der ganzen Lebhaftigkeit 
ihrer ungestümen Jugend. Caroline blieb kühl — wie es ihr 
zwar als Elisabeth zukam, aber doch kühler, als Charlotte er 
warten durfte. Sie merkte in ihrer Erregung nicht, wie Caroline 
etwas gegen die vorangegangene szenische Abrede tat; sich 
ihr öfter näherte, sie hitzig packte und an ihren Kleidern riß. 
Erst als es zu spät war, als mitten in der pathetischen Gebärde 
Marias: „Das ist zu viel!“ und zu den Worten Elisabeths: 
„Jetzt zeigt Ihr Euer wahres Gesicht, bis jetzt war’s nur die 
Larve!“ ein schallendes Gelächter Carolinens und Felix’ los 
brach, sah sie, was geschehen war. Die überlegene Partnerin 
der Lächerlichkeit preiszugeben, hatte Caroline ihr das Kleid 
geöffnet und es war wie ein leichter Nebel an ihr niederge 
fallen. Nein, sie durfte sich dieses Bildes nicht erinnern! Ihre 
Vogel, Hamburg 
Panne
        
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