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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 27 
Nr. 2 
12 
Seltenspränge 
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D er Schauspieler Heribert Jansen verteilte die dicken, 
langstieligen Nelken in verschiedene Vasen seines 
Bibliothekzimmers, legte hier ein paar Zeitungen zu 
sammen, schaffte dort einige Bücher beiseite und ging 
dann wieder nervös im Zimmer herum. Endlich kam Frau 
Elsbeth, zitternd und blaß. Es war das erste Mal, daß sie aus 
dem Leben ihres Mannes heraustrat. Sie sprach von ihrem 
Mann. Daß er zwar nicht zu ihr passe, daß sie sich aber doch 
schäme, ihn zu betrügen und daß sie keinem Menschen je 
wieder ehrlich in die Augen schauen könne. . . 
Heribert erwies sich als taktvoll. Er sprach kaum freier, als 
er es in Gesellschaft zu tun pflegte. Sie war ihm dankbar 
dafür und ihre Befangenheit und ihre Angst wichen schnell. 
Sie lag, lustig lachend, auf der Chaiselongue, er saß bequem 
zurückgelehnt in einem Klubsessel, als es läutete. Heribert war 
ohne Bedienung. Nur vormittags war eine alte Frau in der 
Wohnung, die das Aufräumen besorgte. Er mußte selbst die 
Türe öffnen. Es war eine eilige Botschaft von der Direktion 
des Theaters; der erste Liebhaber habe während des An 
kleidens einen Ohnmachtsanfall erlitten, Heribert möge ein- 
springen. Das Theater beginne um 7 Uhr. Wenn Heribert sich 
sofort in ein Auto werfe, so könne die Vorstellung ohne er 
hebliche Verzögerung stattfinden. Beide sahen ein, Heribert 
durfte die günstige Gelegenheit, eine führende Rolle zu spielen, 
nicht verpassen. Er griff sofort zu Stock, Hut und Mantel. 
Sie aber, die ihrem Mann erzählt hatte, sie wohne einer Vor 
lesung über Kunstgeschichte bei, die erst um 8 Uhr schließe, 
und sie könne deshalb nicht vor *9 Uhr zu Hause sein, wußte 
nicht, was anfangen. Er gab ihr deshalb den Rat, einstweilen 
in seiner Wohnung zu bleiben und ein Buch zu lesen. Um 
8 Uhr, wenn es dunkel sei, könne sie dann ja nach Hause 
gehen. Sie war es einverstanden und er ging. 
Frau Elsbeth legte sich mißmutig auf die Chaiselongue. 
Weiß Gott, das hatte sie sich anders vorgestelit! Und sie 
begann zu bereuen, daß sie sich auf diesen Besuch eingelassen 
hatte. 
Plötzlich hörte sie, wie draußen ein Schlüssel herumgedreht 
wurde. Heribert? fuhr es ihr durch den Sinn. An den 
klappernden Pantinen aber erkannte sie, daß es ein Fremder 
war. Sie dachte an Diebe, zitterte am ganzen Körper und ver 
steckte sich hinter dem Bücherschrank. Sie hörte die Person 
im Korridor hin- und hergehen, eine Tür öffnen und sich an 
der Wasserleitung zu schaffen machen; vielleicht war es die 
Aufwartefrau! Sie dachte schon daran, ob es nicht besser sei, 
aus dem Versteck hervorzutreten und unbefangen zu tun, 
als sich die Tür zum Bibliothekzimmer öffnete. Eine müde 
weibliche Stimme fragte; „Herr Jansen?“ Frau Elsbeth rührte 
sich nicht. Die Tür wurde wieder geschlossen. Dann fragte 
noch einmal dieselbe Stimme draußen etwas lauter: „Herr 
Jansen?“ Schließlich entfernten sich die Schritte zur Korridor 
tür. Die Tür wurde geöffnet. Die Person verließ die Wohnung. 
Noch halb gelähmt vor Angst kam Frau Elsbeth aus ihrem 
Versteck hervor. Sie schwor sich, keine verbotenen Wege 
mehr zu gehen. In der fremden Wohnung wollte sie keinen 
Augenblick mehr bleiben. Sie zog Jacke und Handschuhe an 
und wollte das Haus verlassen. — Was war das?! Die Korridor 
tür war verschlossen. Die Aufwartefrau mußte sie von außen 
zugesperrt haben. 
Frau Elsbeth schloß die Augen. Die zitternden Hände lagen 
noch auf der Klinke. Sie sah im Geiste alles, was nun kommen 
würde. Sie war verloren! Mit irrem Blick verharrte sie mehrere 
Minuten in derselben Stellung. 
Schließlich betrat sie wieder das Zimmer und überdachte 
alle Möglichkeiten. Es war ausgeschlossen, daß Heribert vor 
*11 Uhr zurückkam. Und ihr Mann? Es war noch nie vor 
gekommen, daß sie sich um mehr als eine halbe Stunde am 
Abend verzögert hatte. Frau Elsbeth warf sich auf die Chaise 
longue und stöhnte. Es gab keinen Ausweg. Sie war verloren. 
Ihr Mann würde zuerst zu allen Bekannten schicken und 
schließlich auf die Polizei. . . Nie wieder so etwas! schwor sich 
Frau Elsbeth immer heiliger zu. Nie wieder! Um solcher 
Qualen willen? Nein, lieber das eintönigste Leben. 
Wenn Heribert nun gar nach der Vorstellung nicht nach 
Hause kam? Wenn er noch in ein Restaurant ginge oder gar 
die ganze Nacht wegbliebe? Frau Elsbeth sann in qualvoller 
Erregung hin und her. Es gab keinen Ausweg. Es war wohl 
besser, gar nicht mehr nach Hause zu gehen, sondern gleich 
ins Wasser. Frau Elsbeth erlebte entsetzliche Stunden. Es 
wurde *11 Uhr und Heribert kam nicht. Sie trat ans Fenster 
und beobachtete jeden Menschen, der des Weges kam. Es 
wurde 11 Uhr, es wurde Mitternacht, 2 Uhr, 3 Uhr, Heribert 
kam nicht! Frau Elsbeth hatte das Gefühl, als habe sie viele 
Nächte nicht geschlafen und als habe sie sich wochenlang wie 
eine Bettlerin draußen herumgetrieben. Ohne Heim, ohne 
einen Menschen! Es war trostlos! Als sie in einen Taschen 
spiegel sah, starrte ihr ein kreidebleiches Gesicht, entgegen. 
Sie wunderte sich, daß sie keine grauen Haare bekommen 
hatte in diesen Stunden. 
Es begann schon hell zu werden, als er kam. Ein leiser 
Schreckensruf entfuhr ihm, als sie ihm entgegentrat. . . Das 
war freilich sehr fatal. Das sah auch er ein. Beide zergrübelten 
sich das Gehirn. Ob sie denn keine Freundin habe, bei der sie 
gewesen sein konnte und die alles auf sich nehme? Nein, sie 
hatte keine Freundin. Zu dumm! Ja, dann müsse man eben 
ein Unglück erfinden, meinte er. Entweder sei sie überfallen 
worden oder sie sei krank geworden und man habe sie in ein 
Hotel gebracht. . . Alles nichts! So etwas glaubte ja doch kein 
Mensch! Und dann sei doch jedenfalls die Polizei längst ver 
ständigt und die werde dann recherchieren. 
Auch Heribert sah es ein: Frau Elsbeth war verloren! Es war 
wohl das Vernünftigste, keine langen Ausflüchte zu machen. 
Über Frau Elsbeths Wangen rannen langsam dicke Tränen, 
ohne daß sie das Gesicht verzog. Das war das Ende vom Lied! 
Morgens, kurz nach 8 Uhr, machte sich Heribert auf, mit 
Elsbeths Mann zu sprechen. Er war fest entschlossen, die 
Konsequenzen zu tragen. Ein Dienstmädchen öffnete. Ob Herr 
Villard zu sprechen sei? 
„Nein, bedaure.“ 
„So, Herr Villard ist ausgegangen? Wann wird er zurück 
kommen?“ 
„Nein, Herr Villard ist verreist.“ 
„Verreist? Seit wann?“ 
„Herr Villard bekam gestern Abend um 7 Uhr eine dringende 
geschäftliche Depesche. Er mußte sofort verreisen. Er sagte, 
er werde erst in einigen Tagen zurückkommen. 
Heribert konnte sich nicht fassen. „Ist das auch wahr?“ 
rief er und packte das Mädchen an beiden Schultern. Das 
Mädchen fuhr erschreckt zurück und wollte die Tür vor dem 
sonderbaren Fremden schließen. Heribert sagte höflich: „Es 
handelt sich um eine dringende Angelegenheit. Wann könnte 
ich dann wohl die gnädige Frau sprechen?“ 
„Die gnädige Frau fährt gewöhnlich aufs Land, wenn Herr 
Villard verreist ist. — Sie werden sie in den nächsten Tagen 
wohl kaum sprechen können.“ 
Jansens Gesicht strahlte, als habe er das große Los ge 
wonnen. Das Mädchen sah ihm verwundert nach, als er in 
langen Sätzen die Treppe herabsprang. 
Frau Elsbeth war von den Ängsten der Nacht so angegriffen, 
daß sie in der Tat für mehrere Tage aufs Land fahren mußte. 
Jansen besuchte die Patientin, so oft er Zeit dazu hatte. . .
        
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