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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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ÖJSlV.arHL, 
BERLIN. 
Nr. 15 
Jaßrg. 27 
Ich will kurz sein. Während ich noch weitertappe, taucht 
der Junge plötzlich wieder vor mir auf. Er zeigt auf ein 
winziges, verfallenes Gebäude, eines aus Hunderten, wie es 
die Weinbauern von Capri bewohnen. Die Tür ist offen, der 
Junge faßt mich an der Hand <— und ich geh© wahrhaftig 
ohne einen Augenblick des Besinnens oder Zögerns mit ihm 
hinein. 
Drinnen ist es dunkel. Tappend folge ich dem Führer, der 
mich weiterzieht, immer weiter. Bergab geht es, langsam . . . 
das merke ich. Sind wir noch in dem Haus? 
Unmöglich! — Wo geht es hin? 
Und mit einem Mal, plötzlich, ohne daß ich weiß, woher, 
springt die Erkenntnis in mir auf, daß ich hier in einer Welt 
bin, die seit nicht viel weniger als 2000 Jahren versunken und 
verdorben ist. 
Das sind die unterirdischen Gewölbe des 
Ti her ins, in denen einst der Kaiser der Welt die Orgien 
gefeiert hat, die er, selbst er, vor den Augen der Menschheit 
verbarg. 
Entsetzen packt mich. Ich, der ich sonst von Furcht nicht 
viel weiß, zittere am ganzen Leibe. Eine plötzliche Schwäche 
ist über mir, ich reiße meine Hand los, lehne mich an die 
Mauer. Wie rasend schlägt mein Herz, meine Lungen ringen 
nach Atem. 
Was will man von mir? Wohin führt man mich? 
Mit fast übermenschlicher Gewalt reiße ich mich zusammen, 
werfe mich herum, um zu flüchten. 
Aber nur einen Schritt mache ich zurück, mit ausgestreckten, 
tastenden Händen. Denn meine Hände stoßen — gegen eine 
Tür! — 
Sie muß zugefallen sein, während ich mich besann. Ich bin 
gefangen. 
Wie Nebel sinkt es über mich, ich verliere das Bewußtsein. 
Wie lange ich ohne Besinnung war, weiß ich nicht. Wie ich 
wieder zu mir komme, stehe ich an eine Säule gelehnt. Fackeln 
schimmern rings um mich. Ein weites, in den Felsen ge 
hauenes Gewölbe liegt vor mir. Ich schließe die Augen, ich 
glaube zu träumen. Aber wie ich die Augen wieder auf 
schlage, ist auch das Bild wieder da. Wer hat mich hierher- 
gebraoht? Ich weiß es auch heute noch nicht. Nur das eine 
weiß ich, daß ich diesen ganzen Weg so gehen mußte, seit 
mein Fuß den Dampfer verlassen. 
Ein Lachen macht mich zusammenschrecken. Ein Frauen 
lachen . . . wollüstig und spielerisch und dabei doch hart. 
Und jetzt sehe ich! 
Vor mir in dem phantastischen Licht der Fackeln steht auf 
üppigen Teppichen ein Weib. 
Es ist nackt, rotblonde Haare züngeln aufgelöst um seine 
Schultern. Sein Gesicht ist maskiert durch eine seidene Maske, 
die nichts von ihm erkennen läßt außer den Augen. Und 
diese Augen .sind grau . . . sind dieselben Augen, die mich 
irgendwo gefaßt, willenlos gemacht und bis hierher gezerrt 
haben .. . die Augen des Schicksals. 
„Komm!“ flüstert sie . . . auf deutsch, mit dem leichten 
Akzent der Amerikanerin. 
Und breitet die Arme . , . 
Das nächste spielt .sich in Bruchteilen von Sekunden ab. 
Wieder packt mich ein Schwindel, packt mich die Willen 
losigkeit. Will ich? Warum will ich nicht? 
Die Frau ist schön, unsagbar schön. Aber trotzdem schreit 
in mir etwas auf: „Du gehst in den Tod!“ 
Ich taumele zurück, stoße den glühenden, zitternden Frauen 
leib von mir mit dem letzten Aufwand meiner Kraft. 
Seltsam, ich weiß plötzlich, was mir droht! Das ist M es s a- 
lina, Messalina nach 2000 Jahren! Wie die andere Messa- 
lina lockt sie ihre Opfer an sich — sie, die Männer fr es serin! 
Sterben muß, wen sie umarmt hat! Hier gibt es 
nur eine Orgie und dann — den Tod . . ; ! 
Wieder packen mich ihre Arme, saugen ihre Augen an mir. 
Noch einmal stoße ich sie zurück. Sie taumelt, fällt hin, ein 
unartikulierter Schrei bricht aus ihrem Munde. 
Da ... da bewegt sich unter mir der Boden. Ehe ich noch 
weiß, was mir geschieht, sinke ich in die Tiefe, sinke ins 
Bodenlose. 
Ein gellendes, wildes Lachen, höhnisch und erbarmungslos 
. . . ein Frauenlachen, verschallt hinter mir. 
Der Lebensspiegef 
IST DAS BLATT FÜR JEDEN 
■ 
IBliillllilillllilll 
Der Lebensspiegef 
IST UNTERHALTEND UND AMÜSANT 
Der Lebensspiegef 
IST DAS BLATT FÜR FEIERSTUNDEN 
Der Lebensspiegef 
IST DAS BLATT FÜR DIE » ELEKTRISCHE « 
UND EISENBAHN 
DESHALB LEST DEN 
Aus einer tiefen Ohnmacht komme ich für Sekunden zu 
mir. Ein furchtbarer Schmerz ist der Grund. Sie sehen noch 
die Narbe hier an meiner Stirn. Sie , stammt von damals. 
Mein Schädel muß gegen einen spitzen Felsblock oder sonst 
etwas geschlagen sein. 
Dann sinke ich wieder ins bewußtlose Nichts. 
Tagelang später fanden mich Bauern . , . irgendwo im Wein 
berg, halb verhungert, dreiviertel gestorben . . . Sie lachten, 
als ich stotternd ihnen erzählte, 
„Das sind die Geister der Toten!“ 
Drei Tage lang suchten die zwei Mann Gendarmerie, die die 
Insel aufzuweisen hat. Gefunden wurde nicht die leiseste 
Spur der Männerfresserin und ihres Heims. 
Dann fuhr ich ab. — Und seitdem hasse ich Capri.
        
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