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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 15 
Jatrg. 27 
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schenken sollte, hatte seine eigenen Befehle und das meister 
hafte Gewirke seines Zeremonialstabes kühn durchschnitten, 
indem er, einer unwiderstehlichen Eingebung seines Briganten 
genies folgend, unkentlich vermummt, nur von seinem Schwa 
ger Murat begleitet, auf offener Landstraße die Staatskarosse 
der Kaiserin und der Königin Caroline angehalten und seine 
erlauchte Gattin durch seine unerwartete Gegenwart völlig 
der Besinnung beraubt hatte. 
Und also kam es, daß Marie Louise zum Weibe ward, 
ehe sie noch feierlich an der Seite ihres Gemahls als Kaiserin 
der Franzosen investiert worden war, noch den Segen der 
französischen Priester empfangen hatte. 
Es war eben das: Er war aus seiner Natur heraus ein Soldat 
und ein Räuber, und es machte ihm gemeinhin keinen Unter 
schied, ob er es mit fremden Ländern, Völkern oder Frauen 
zu tun hatte. 
Die Braut nacht von Compifegne ä. >er barg jene 
Tiefen der Erkenntnis, die sich allzeit eröffnin, wenn die 
Menschen verstummen und die Geschlechter reden. 
Als Napoleon den weißen Leib des kaiserlichen Mädchens 
in seinen Armen zerpreßte, waren ferne, wilce Vergessen 
heiten erwacht. Der Rausch dessen, der in den Reihen des 
Volkes gekämpft hatte damals, als die große Abrechnung 
zwischen der Masse und den Einzelnen anhub. Wurde das 
Königtum nicht zum anderen Male gemeuchelt jetzt, da der 
rote Sohn des Volkes die weiße Tochter der Kaiser unter sich 
zwang, um den rötesten Aufruhr in dieser weißesten Stille 
zu kühlen? 
Gleichgültig war ihm der Körper dieses Weibes, das ihm 
gehorsam war, weil sein Papa es ihm anbefohlen hatte. Sie 
selbst, die unbeholfene, stammelnde, weltungowandte habs 
burgische Jungfrau dünkte ihn, der an Josephine Beauhamais 
unbesiegbaren Charme und an die Reize der schönsten 
Frauen Europas und Asiens gewöhnt war, unsäglich albern 
und unsympathisch. Und dennoch dankte er diesem toten, 
leeren Geschöpf die höchsten Ekstasen des Geschlechts. 
Denn, was er in ihr umarmte, war seine eigene Vorstellung, 
seine verwegenste Idee, war der Höhentraum jedes 
Niedriggeborenen. 
Und Napoleon dachte so wenig an das fremde Geschöpf, 
das er umfangen hielt, und das seiner ruchlosesten, vor sich 
selbst zurückschreckenden Phantasie ihre breite, derbe Körper 
lichkeit geliehen hatte, daß er beim Gruß des jungen Tages 
förmlich verständnislos und entsetzt zurückprallte, als ihn aus 
den kobaltblauen Augen seines jungen Weibes ein feuchter 
Schimmer erwachter . . . . Tierheit grüßte und er 
begriff, die fremde Frau sei . . . ihres Geschlechts und ihrer 
Berufung zum Weibe jäh sich bewußt geworden. Und er, den 
in allen Frauen vielleicht immer nur ihre Widerstände gelockt 
und gefesselt hatten ... er fühlte sich abgestoßen von der 
Leichtigkeit, vomit die Hingabe dieser Frau zu erwecken 
gewesen. Das war nicht der heiße, herrliche Tod der Scham 
gewesen, dessen Flammen aufgezüngelt waren im Kampf der 
Geschlechter, im Widerstreit von Begehren und Versagen, von 
Gewähren und Zurückweichen; .... das war nichts gewesen 
als das Aufbrechen einer überreifen, auseinander prallenden 
Frucht, deren Säfte in Gährung gingen. Und staunend fragte 
es sich der Romane: waren deutsche Frauen mit neunzehn 
Jahren so vorgeschritten in der Entwicklung ihrer Weiblich 
keit, daß ihr Körper sich erschloß dem Ersten, der kam, selbst 
wenn dieser Erste ein Feind hieß? Fremd war die Seele Marie 
Louises den Mysterien des Seins und Werdens gewesen. Dafür 
bürgte die Klösterlichkeit habsburgischer Mädchenerziehung. 
Und also war es nur der Wärmegrad des Blutes, das sich 
entzündet hatte an der ersten Erfahrung der Mannheit. Pein 
lich dünkte den Vielkennenden und Erkennenden solches 
Wissen. Aber er zog seine Schlüsse daraus und baute auf 
ihnen seine Maßnahmen auf. 
Hatten die Lebensbedingungen des Wiener Hofes und der 
habsburgischen Pädagogik aus der Existenz der Erzherzogin 
das Dasein eines frommen Kindes gebildet, so würde die 
Schicksalsform der Kaiserin von Frankreich einem vergolde 
ten Gewahrsam gleichen. 
Nie würde es der Kaiserin gestattet sein, einen anderen 
Mann als den ihr im Angesicht und unter Zustimmung von 
ganz Europa Angetrauten allein zu sehen oder zu sprechen. 
Kein hoher Anverwandter, kein Staatsmann, kein»Arzt, kein 
Sekretär, kein Lehrer, kein Lieferant würde je ein Wort unter 
vier Augen mit der Souveränin wechseln dürfen. Von dem 
Augenblick an, wo die Augen Ihrer Majestät den Morgen 
grüßen würden, würde sie stets unmittelbar und unausgesetzt 
von mindestens vier Damen umgeben sein. Und selbst nachts 
würde die Schwelle zu dem geheiligten Schlafgemach Frank 
reichs von Frauen behütet werden. 
Als Ehrendame und Obersthofmeisterin würde eine schöne 
Frau von herbem Geit und strengen Sitten, die Herzogin von 
Montebello, Witwe des bei Aspern gefallenen Marschalls 
Lannes, fungieren. Als „dame d’atours“ die Gräfin Lucay, eine 
vornehme Tochter des Faubourg St. Germain, in adligem 
Lebensgebrauch erwachsen. Hundert Palastdamen, sechs An 
meldedamen, die sogenannten „femmes rouges“, und achtzehn 
Kammerfrauen, die „dames blanche»“, würden den immer 
währenden Dienst bei Ihrer Majestät versehen. Und diese 
weibliche Umgebung, mit der allein die Kaiserin zu tun haben 
würde, würde die Befehle Ihrer Majestät weitergeben an den 
männlichen Hofstaat, an dessen Spitze der Senator Graf von 
Beauharnais als Hofkavalier, der Fürst Aldobrandini als erster 
Stallmeister und der Erzbischof Ferdinand von Rohan als 
Groß-Almosenier stehen würden. 
Der Kaiserin von Frankreich würde keine Gelegenheit ge 
geben sein, Versuchungen kennen zu lernen. 
Das Gefäß, das bestimmt war, den Keim Seines Ge 
schlechtes zu tragen, mußte unerbittlich gehütet und in der 
Lauterkeit des von vestalischer Reinheit geschützten heiligen 
Feuers erhalten werden. 
* * * 
Und trotzdem, wo wäre die Frau, die zu überwachen 
wäre durch Fesseln, Gitter. Keuschheitsgürtel, Eunuchen und 
andere noch so drakonische Mittel, die der Mann aus Selbst 
erhaltungstrieb oder zwecks Erhaltung einer . . . unverfälschten 
Nachkommenschaft erfindet? Die Frau spottet mit Listen, 
Lüsten und Lastern jedes Kerkers und jedes Gefängnis 
wärters und findet . . . den Weg ins Freie. Es nützte auch dem 
Kaiser der Franzosen nichts, daß er, der, gewitzt durch die 
Erfahrungen seiner ersten Ehe, dereinst gesprochen hat e; 
„Der Ehebruch ist eine Angelegenheit des 
Kanapees“; die Schöpferin seines Stammbaums in einen 
goldenen Käfig sperrte. Gerade die Brautnacht von Com- 
piegne hatte Marie Louise von Habsburg-Lothringen das süße 
Wissen um eines wildfahrenen Mannes Umarmung geschenkt. 
Und als jene, die der große Eroberer am Abend als ein 
ahnungsloses Kind in die Arme geschlossen, ihm am nächsten 
Morgen mit schwimmenden Augen eine triebhafte Scham 
losigkeit in die Ohren flüsterte und den Weltbezwinger, der 
ihr gestern noch als ihres Hauses erbitterter Feind gegolten, 
mit dem neckischen Kosenamen: „mein Bubi“ weckte, da 
schon lag im Blute dieser kaiserlichen Frau mit den leeren 
Porzellanaugen und dem weißen mehligen Fleische des Mast 
geflügels das Gesetz der Zukunft beschlossen, wonach der 
einst ein . . . . Stallmeister ihr Herr heißen würde und 
sie, die berufen war, den Herrn der Erde zu gebären, das 
Stallrneistergeschlecht derer von Neipperg begründen 
würde. (Das sich selbst nachmals schamhaft in . . . Monte- 
n u o v o umtaufte.) Wer weiß, hätte der Sohn einer heißen 
Erde das Warten gelernt, und hätte er nicht in der Nacht vom 
Compiegne in den Adern der ihm angetrauten Frau einen 
wilden wütenden Stromgang entzaubert, vielleicht, daß sein 
Weib dann nicht so jäh verlangt hätte: „Laßt starke Männer 
um mich sein“, und daß seinem Namen und seinem Blut die 
Schmach der Vermischung mit der Stallmeisterascendenz 
erspart geblieben wäre. Aber, der kluge Menschenverächter 
hatte eben vergessen, daß auch Kaiserinnen, wenn sie 
heiraten, Frauen (vielleicht sogar nur „Weibchen“) 
bleiben, und daß über das Schicksal jeder Ehe die 
. . . . erste Nacht entscheidet. Seinem eigenen un 
gezügelten Temperament hatte der Weltenherrscher die künf 
tigen Entgleisungen der Kaiserin der Franzosen zuzuschreiben. 
Blicke 
Hans Rewald 
„Nie habe ich solche Augen gesehen wie Daisys Augen. Man ver 
gißt <wie in Hypnose) sämtliche Realität, man ist fern, fern, in einer 
beseelteren Welt. . . Ein Unendliches offenbart sich und ein (dennoch) 
Heimatliches . . . Mattgraugrün sind Daisys Augen, groß, groß, tief- 
liegend^ ganz hell, feuchtschimmernd, von langen Wimpern über- 
schieiert, zaubervoll... Ith blicke in Daisys Augen, und ich vergesse 
für Momente die fürchterliche Einsamkeit, die sonst mein Herz un 
ermüdlich peinigt. Daisys Augen ..." 
„Sehen Sie mal, Konrad, da drüben die Meta, wie sie sich abmüht, 
den Ferdinand zu bekokettieren!! Wie sie alle Sorten Blicke an ihn 
verschwendet, zärtliche, schwellende, schmollende, „nichtachtende“, ver 
söhnte ,. ,* 
„Das hat Daisy nicht nötig, Daisy ist gewöhnt an die Liebe auf 
den ersten Blick!!“
        
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