Path:

Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

20 
JaBrg. 2) 
Nr. 15 
ie spielte mit Puppen, Vögeln und Hunden 
und dachte an nichts. Sie sagte „lieber 
Gott“ und „lieber Papa“ und war eine Frau 
Erzherzogin aus dem Hause Habsburg- 
Lothringen, dem die Gewöhnung der Jahr 
hunderte eignete, die Erde mit Herrschern 
zu beschenken. 
Sie war blond und fruchtbar und hatte 
noch niemals an etwas gedacht. Ihre er 
lauchte Urahne hatte sechsundzwanzig 1 Kindern das Leben ge 
geben, ihre Großmutter Maria Caroline von Neapel deren 
siebzehn, und ihre eigene Mutter hatte dem lieben Papa drei 
zehnmal die Freude bereitet, Vater zu werden. Es waren 
tüchtige Frauen gewesen, der Pflichten des Ehebetts sich be 
wußt, alle groß, stattlich, mit dem weißen festen Fleisch, das 
an Mastgeflügel erinnerte, 
Matie Louise, Erstgeborene Seiner Geheiligten Majestät, des 
Kaisers Franz von Österreich, oder, wie die Erzherzogin bei 
Ihrer Taufe durch Seine Kurfürstliche Durchlaucht von Köln 
genannt worden war; Maria Ludovica Leopoldina Franziska 
Theresia Josepha Lucia war achtzehn Jahre geworden und 
wußte weder, daß es zwei Geschlechter, noch daß es einen 
eigenen Willen gäbe. 
Als das erlauchte Kind zwei Jahre zählte, hatte es bereits 
eine eigene „Kammer“ (will sagen einen eigenen Haushalt) 
gehabt, dessen Mitglieder im „Hof- und Staats-Schematismus“, 
dem Wienerischen Moniteur, bekannt gegeben worden unter 
der Rubrik „Kammer Ihro Königlichen Hoheit Maria Louise.“ 
Das ehrsamliche Volk von Wien, das die hergebrachte 
Untertänigkeit vor der Dynastie voll eitler Fröhlichkeit und 
Betulichkeit durch die lärmenden Gassen trug und noch nichts 
ahnte vom kochenden Zorn von Seinesgleichen, der eben jetzt 
jenseits der Vogesen den hochgemuten Kopf einer Tochter 
der Habsburgischen Herrscherkaste höchst unehrerbietig be 
drohte, dieses brave Völklein las voll andächtiger Hingebung, 
daß die Gräfin Maria Anna von Wrbna, geborene Gräfin von 
Auersberg, zur „Aja“ Ihrer Königlichen Hoheit erwählt 
worden sei, daß des ferneren eine Kammerfrau, Madame 
Elisabeth Streffler, zwei Kammerdienerinnen, Mesdemoiselles 
Antonie Streffler und Franziska Denot, ein „Kammermensch“ 
Appollonia Gschaderin, ferner: ein Kammerheizer, vier „Leib- 
laquaien“, eine Leibwäscherin, ein „Extraweib“ sowie ein 
Hausknecht die Menage der zweijährigen Hoheit vervoll 
ständigten. 
Aus der Aja ward späterhin eine Obersthofmeisterin, aus 
der Mitgliedschaft der „Kammer“ ein wohlbestallter Hofstaat; 
die Enkeltochter Marie Theresiens aber blieb, was sie ge 
wesen: ein artiges kleines Mädchen mit den kalten blauen 
Augen einer Porzellanpuppe, dem launisch vorgeschobenen 
Schippchen der Habsburger Unterlippe den grobschlächtigen, 
unrhythmischen Bewegungen eines jungen Fohlens und einer 
unnachdenklichen Bewußtlosigkeit, die sich seit dem zweiten 
Lebensjahr des Gottesgnadengeblüts nicht sonderlich ver 
ändert hatte. Noch nie in ihrem Leben war, dank dem 
strengsten Zeremonialgesetz der Erde, die Erzherzogin auch 
nur eine Minute ihres Daseins allein gewesen. Die unverbrüch 
liche Etikette des Hauses Habsburg-Lothringen gestattete 
dessen Töchtern nicht, auch nur die primitivsten Handlungen 
alltäglicher Lebensbedingnis ohne , Begleitung vorzunehmen. 
Marie Louise lernte singen, zeichnen und Klavier spielen, die 
standesgemäßen Beschäftigungen, mit denen müßige Fürstin 
nen den Stunden ihre Minuten zu stehlen pflegen; Marie 
Louise lernte deutsch, englisch, französisch, italienisch, spa 
nisch und böhmisch parlieren, weil man nicht wissen konnte, 
auf welchen Thron der europäischen Christenheit die kaiser 
liche Puppe dereinst verschlagen würde; schwieriger schon 
als diese Disziplinen gestaltete sich die Ausbildung Ihrer 
Hoheit im Schreiben und Lesen. Und niemals hat es die Erz 
herzogin, niemals die spätere Kaiserin dahin gebracht, einen 
grammatikalisch und ortographisch fehlerfreien Brief abfassen 
■zu können. 
Marie Louise war auferzogen in der Furcht Gottes. Man 
hätte den Buchstaben eingesetzt als Herrn über sie. Aber den 
Geist hatte man zuvor gemeuchelt. 
Und Miarie Louise war glücklich. 
Sie dachte nichts, sie fühlte nichts, sie entbehrte nichts. Sie 
träumte nicht und sie sehnte sich nicht. Sie war demutvoll 
unterwürfig gegen den lieben Papa, töchterlich gehorsam gegen 
die liebe Mama, des Vaters dritte Gemahlin, ihre nur um 
vier Jahre ältere Base, die Kaiserin Maria Ludovica, war 
liebevoll gegen ihr Dutzend kleiner Geschwister, gegen Onkels, 
Tanten, Vettern und Basen. Und in der unbewegten Seelen 
stumpfheit dieses kleinen Mädchens gab es so recht eigentlich 
wohl nur zwei etwas lebhaftere, hitziger durchpulste Regungen: 
das war die Überzeugung von der eigenen geheiligten Sendung 
auf Erden und war .... der Haß ihrer Familie (den sie im 
Blute mitbekommen) gegen den Bonaparte, den sieg 
reichen General, der die behagliche Ruhe des Hauses Habs 
burg und seiner Reiche ungestüm aufzuscheuchen sich schon 
mehrfach vermessen hatte. 
Man hatte im Kaiserlichen Wien von dem Herrscher Frank 
reichs so von ohngefähr die Vorstellung eines gehörnten 
Teufels mit Schweif und Klauen. Der Name Böhaparte hatte 
der kaiserlichen Kinderstube als wirksamstes Schreckmittel 
gedient. Der Korse war der Popanz, der schwarze Mann, der 
Gottseibeiuns schlechthin. Und hatte die kleine Erzherzogin 
im Spiel jemals einen Anflug von Temperament verraten, so 
war es .sicher immer nur dann geschehen, wenn es vielleicht 
gegolten hatte, einen der Bleisoldaten, dem die kaiserlichen 
Kinder den Namen Bonaparte beigelegt hatten, den Garaus 
zu machen. 
Zweimal hatte die kaiserliche Familie vor dem Ungestüm 
des Eroberers aus der Hauptstadt fliehen müssen, bis. tief in 
das Herz der ungarischen und böhmischen Kronländer hinein. 
Und jedesmal hatte Marie Louise auf der Stirn ihres lieben 
Papa die Wolken sich ballen und in den Augen der lieben 
Mama die Tränen sich sammeln sehen. 
Die Erzherzogin Marie Louise aber zupfte Charpie und ver 
goß Kleinmädchentränen über den vermaledeiten Feind, um 
deswillen sie bald in Ofen, bald in Krakau, bald in Gödöllö ihr 
hochfürstliches Fluchtquartier aufschlagen mußte. „Der böse, 
böse Bonaparte“ war der Alp ihrer achtzehn Jahre. 
Und es hatte der böse, böse Bonaparte dem lieben Papa 
mit samt allen lieben Onkels so nachdrücklich aufs Haupt ge 
schlagen, daß ihnen nichts anderes übrig blieb, als zwei Dritt- 
teile des Reiches, preiszugeben und in De- und Wehmut bei 
dem Sieger um Frieden anzusuchen. Und als nach lange 
währenden Unterhandlungen ein endgültiger Frieden ge 
schlossen worden, fand es sich, daß die kaiserliche Porzellan 
puppe in den Geschäftsabschluß mit einbegriffen gewesen. 
Zwar hatte das Haus Habsburg mit der Ausfuhr seiner 
Töchter nach Frankreich bisher schlechte Erfahrungen ge 
macht. Immerhin konnte man aber doch wohl den heutigen 
Herrn der „großen Nation“ nicht gut dafür verantwortlich 
machen, daß der erlauchten Tante der jetzo begehrten Erz 
herzogin im Namen eben derselben Nation das Haupt abge 
schlagen worden. Füglich war es schon klüger, einfach zu 
tun, wie einem geheißen ward und das kostbare Gut nach 
Frankreich zu verfrachten. Erst nachdem das Verlöbnis des 
Kaisers der Franzosen mit der Tochter des Kaisers von 
Österreich bereits den diplomatischen Kabinetten von Europa 
kundgegeben worden und nachdem in den Staatskanzleien von 
Paris und Wien die Ehepakte ausgearbeitet worden, erfuhr 
Marie Louise um ihr Schicksal. Es wurde Ihrer Kaiserlichen 
und Königlichen Hoheit in geziemenden Worten anbefohlen, 
sich von Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, heiraten 
zu lassen. 
Marie Louises Seele hieß . . . Gehorsam. Nie wäre ihr 
beigekommen, daß es ein Selbstbestimmimgsrecht des Men 
schen gäbe, und daß selbst elterliche Autorität ein Ding sei, 
daß Grenzen haben könnte. Marie Louise war dazu geboren, 
immer und in jedem Augenblick ihres Lebens einen andern 
um Erlaubnis zu fragen. Sie besaß nur eine wohlausgebildete 
Eigenschaft: das war die; gehorchen zu können. Wem sie 
gehorchte, galt gleich. Wenn nur jemand da war, der zu be 
fehlen verstand. Und als darum ihr der liebe Papa mitteilte, 
daß sie fürderhin anstatt ihm und der lieben Mama werde 
dem Kaiser der Franzosen als ihrem künftigen Gemahl zu ge 
horchen haben, riß sie zwar ihre leeren blauen Augen erstaun- 
sam weit auf, aber sie wagte es nicht, irgend einen Zweifel in 
die Entschließung ihrer erhabenen Eltern zu äußern, oder auch
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.