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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahtg. 27 
Nr. 15 
MAX 
HEYE 
ennen Sie Gondermann?“ — „Gonder 
mann??“ — „Was Sie kennen Gondermann 
nicht, den Schauspieler, der erst kürzlich in 
Ewald Gottholds Schauspiel „Der gute 
Empfang“ als „schwankende Antenne“ so 
einen großen Erfolg gehabt hat?“ — „Ach 
so, meinen Sie Kurt Erich Gondermann, 
den großen mit den blauen Augen?“ — 
„Ganz richtig, den blauen mit den großen 
Augen?“ — „Ja, was ist denn mit dem?“ — „Also, ich will 
Ihnen von Gondermann’s bedeutendster Rolle erzählen, die 
ihn erst berühmt gemacht hat.“ — „Wie interessant!“ — 
„Steigt doch da auf der Strecke Groß-Kleinau-Miederitz eine 
reizende Blondine in ein Abteil zweiter Klasse in den Per 
sonenzug. Kaum 17jährig. Rotblondes welliges Haar 
„Pardon, sagten Sie nicht eine Blondine?“ — „Unterbrechen 
Sie doch nicht! Nehmen Sie an eine rote Blondine oder blonde 
Rotine! — Also rotblondes welliges Haar spielte bubenkopf 
artig mit dem glasartigen Weiß des Nackens und kokettierte 
mit dem Blütenweiß des entzückenden „Seidenhemdhöschens“. 
— Entschuldigen Sie, wenn ich nicht folgen kann! Sie sagten, 
sie stieg in ein Abteil zweiter Klasse! Aber doch nicht im 
Seidenhemdhöschen! Das ist doch nicht gut möglich! — 
„Das sagen Sie! Hören Sie nur. ■— Also die Kleine war auf 
einem Gute in der Nähe Groß Kleinau auf einen Nachmittag 
zu Besuch gewesen, hatte in der Laune der Städterin dort mit 
ihrem gleichaltrigen Vetter herumgetollt und im Übermut der 
Jugend sich viel und oft im Heu berumgewälzt. Aber auch 
der schönste Nachmittag nimmt einmal ein Ende und der 
letzte Zug sollte — Egede Hansen — wieder zurück nach dem 
kleinen Städtchen Miederitz bringen, wo sie zu Besuch bei 
Onkel Thomas weilte und die letzten Tage der Freiheit ver 
bringen sollte, während Mama in Berlin die Vorbereitungen 
zu der in Aussicht stehenden Hochzeit vollendete.“ 
„Ich verstehe immer noch nicht “ 
„Gott, seien Sie doch nicht so ungeduldig! — — — 
Also kaum setzte sich der Zug in Bewegung, da fühlte Egede 
ein Krabbeln und Jucken am ganzen Körper, das direkt dazu 
angetan war, ganz gesunde Leute in das Stadium des Töll- 
werdens zu bringen. Ja so was kommt vom Heu! Da sie allein 
war, zog sie kurz entschlossen ihr Kleidchen herunter und sah 
nun auf und in dem blütenweißen Hemdhöslein ein lustiges 
Springen und Hopsen — kleine schwarze Tierchen, die einen 
wenig ästhetischen Namen führen. Auch im Kleidchen War 
ein reges Leben entstanden. Hier galt es radikal Vorgehen. 
Herunter mit der letzten Hülle und Kleid und Hemdhöslein 
zum Fenster hinausschütteln war eins. — Da im selben 
Moment — ©in Brausen! Von der entgegengesetzten Richtung 
kam ein D-Zug angesaust. — Der Luftdruck — ein Schrei — 
ein Zurückfahren! Egede sank erschrocken in die Polster des 
Wagens , aber Kleid und Hemd waren mit dem D-Zug 
in die Welt entflohen! Ehe Egede sich vom Schreck erholte, 
fuhr der Zug langsamer und die Station Obertuttenhausen 
kam in Sicht. 
Erst wollte Egede zum Fenster hinausspringen, aber das 
Leben ist auch ohne Kleid und Hemd zu schön, — und dann 
ein Selbstmord mit zerschmetterten Gliedern ist etwas Un 
ästhetisches und Egede war ein entschiedener Feind aller 
unästhetischen Dinge — — — — “ 
„Fabelhaft 
„ aber wahr! — Der Zug wollte eben die Station 
Obertuttenhausen verlassen, als Kurt Erich Gondermann, der 
von einer anstrengenden Tour kommend, im Wartesaal ein- 
geschlafen war, aufschreckte, nach dem Mantel griff, wie ein 
Rasender auf den Perron stürzte und sich auf den fahrenden 
Zug schwang und in einem Abteil zweiter Klasse landete. Er 
schöpft sank er auf die Polter und wollte eben ein „Gott sei 
Dank“ ausstoßen, als sein Blick im Gepäcknetz haften blieb 
und ihn etwas zum Aufspringen zwang. — — —• Wachte er 
oder träumte -er oder was war los?! — — Im -Netz, eine 
varitabl© Nymphe! Ein nein, das konnte nicht sein! 
Aber es stimmte doch. Egede hatte sich in ihrer Angst dort 
hinaufgerettet. Ihre blaugrauen Kinderaugen starrten ihn 
feucht wie in Bangen und; Hoffen an, ihr voller roter Mund 
bebte und die runden jungfräulichen Busen hoben sich wie 
zwei leuchtende Schmetterlinge, die sich vergebens bemühten, 
sich aus den Maschen -des sie -umstrickenden Netzte,s zu be- 
frein. — Es war ihm, als entströmten der Wunderblume des 
zarten Mädchenleibes atemberauschende heiße Düfte, die 
seine Nerven erschauern ließen, wie vor der Ahnung eines 
großen unfaßbaren Glückes. — Mit bebender Stimme rief sie: 
„Bitte, bitte, Ihren Mantel!“ — Das brachte ihn in die Wirk 
lichkeit zurück. Er warf ihr seinen -Mantel zu, drehte sich um, 
sah zum Fenster hinaus und beobachtete durch die Glas 
scheibe, die einen herrlichen Spiegelersatz bot, wie sich die 
Kleine von oben herab schwang und sich in seinen Covercoat 
einhüllte.“ 
„Wie beneidenswert!“ 
„Sehr richtig bemerkt! — Nun, in wenigen Worten hatte sie 
ihre lustige Leidensgeschichte erzählt, erbat sich seine Adresse 
und verließ in Miederitz den Zug. Sehnsüchtig blickte er ihr 
nach, fuhr bis Pusterhausen, von -wo er den D-Zug nach Berlin 
zu erreichen hoffte. Dort aber erreichte ihn etwas anderes. 
Bin Polizist trat auf ihn zu und verhaftete ihn. Man legte ihm 
einen Mord zur Last: Man hatte vom vorbeisausenden D-Zug 
aus Kleid und Hemd einer Dame aus dem Fenster eines Abteils 
fliegen sehen und beobachtete-, wie eine nackte Frau mit einem 
Mann verzweifelt rang, das bestätigte wiederum der Wärter 
an -der Schranke hinter Tuttenhausen, der das Abteil genau be 
schreiben konnte. Seine Erzählung von dem nackten Mädchen, 
dem -er seinen Mantel geborgt, fand keinen Glauben. Er saß 
in Untersuchungshaft und war rettungslos aufgegeben, da er 
energisch bei seiner Erzählung blieb, die kein vernünftiger 
Mensch glauben konnte. 
Hemdlein und Kleid waren aufgefunden worden und lagen 
nun als Corpus delicti vor den Geschworenen. Gondermanns 
Name, den bis dahin als Schauspieler kein Mensch kannte, 
ging von Mund zu Mund und der Tag des Gerichtes brachte 
-ein ausverkauftes Haus. Schon schien sich die Wage der 
Justitia zu seinen Ungunsten zu wenden, als eine junge Dame, 
ängstlich von einem eleganten jungen Herrn zurückgehalten, 
sich .durch die Menge drängte und atemlos die Geschichte 
ihrer Nudität erzählte, worauf man Gondermann freisprach.“ 
— „Das war seine bedeutendste Rolle! Sein Name war in aller 
Munde. Die Theaterdirektoren schlugen sich um ihn.“ 
„Und Egede?“ 
„Ihre Verlobung ging in die Brüche. Gondermann heiratete 
si-e, wobei man ruhig behaupten kann; Er hat die Katze nicht 
im Sack gekauft!“ 
„ aber den Kopf hat er also 
doch verloren.“
        
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