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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Jahrg. 27 
Nr. 15 
Der Qalgen 
in Roßhändler, der im Brandenburg’schen 
ein Dutzend Pferde zur Zeit des alten 
Fritz gestohlen hatte, um schnell reich zu 
werden, damit er seiner Geliebten, einem 
abgedankten Offiziörsdämchen, etwas 
bieten konnte, wurde „geschnappt“ und er 
sollte zum Galgen gefahren werden. 
Unterwegs erhob er sich vom Schinderkarren und sagte; 
„Der König braucht doch viel Geld für seine Kriege, ich 
könnte es ihm geben, wenn er mich noch einmal bei meiner. 
Liebsten eine Nacht lassen wollte. Morgen mag man mich 
hängen.“ 
Rasch wurde der Wunsch von Instanz zu Instanz weiter 
gereicht, bis er nach Berlin zum Kammergericht kam, wo 
noch vier Wochen vergingen. 
Der Wunsch sollte dem Richter vorgelegt werden. Der aber 
befand sich gerade in Spandau bei einer niedlichen Witwe, 
die ihr Trauerjahr an diesem Tage erledigt hatte. 
Die Witwe mußte hell auflachen und dito der Richter. 
„Geben wir ihm acht Tage Urlaub bis zur Hinrichtung“, 
entschied der Rat von D. „Der arme Schlucker soll auch des 
Lebens Sonnenschein noch genießen.“ 
Sofort wurde der Delinquent zu seiner Schatzkammer ge 
führt; dort mußte er seine irdischen Güter abgeben und 
nachher geleitete man ihn zu seiner Herzallerliebsten. 
Zwei friderizianische Soldaten sollten Wache halten. Direkt 
im Zimmer der Beiden. 
Aber bpld begriff der Roßhändler, daß das herrlichste 
Vergnügen der Welt das stille Glück zu zweien und nicht zu 
vieren sei. Deshalb war ihm die Amour auch jetzt egal. 
Er überlegte aber: „Ist es besser, die langen Kerle betrunken 
oder sie verliebt zu machen?“ 
Hier hieß es: „Sein oder Nichtsein!“ 
Und am Abend ließ er schweren Branntwein anfahren und 
alle vier saßen bald beisammen und erzählten Schnurriges 
und Galantes. 
Da ward es den Soldaten bald heiß, denn es war Hoch 
sommer. Sie sagten: „Ziehen wir Rock und Stiefel aus!“ 
Und sie zogen Rock und Stiefel aus. 
Die Herzliebste aber lachte helle Tränen über die Witze 
der Soldaten und umarmte bald den und bald jenen, wie es 
jeder eben haben wollte. 
Der Roßhändler, der nüchtern geblieben war, zog den 
Rock des einen Soldaten an, nahm seine Perücke und schlüpfte 
in die hohen Reitstiefel. Draußen sattelte er den Gaul und 
dann ritt er auf und davon . . . Tagelang, bis die Grenze 
überschritten war. 
Er war gerettet . . . 
Am Tage nach seiner Flucht kam aber eine andere Ent 
scheidung vom Gericht. Des Richters Urteil von Spandau 
wurde als närrisch bezeichnet und der gute Rat wurde ohne 
Pension entlassen. 
Die Entscheidung lautete diesmal: „Der Roßhändler hat 
sich wohl als Freund des Vaterlandes erwiesen, indem er 
zehntausend gute preußische Taler dem Staat geschenkt hat, 
dessenohngeachtet ist er als Dieb sofort zu hängen. Sein 
letzter Wunsch werde ihm nicht erfüllet.“ 
Das Gericht bestimmt aber, daß er sofort nach dem Tode 
vom Galgen abzuschneiden sei und ehrlich bestattet werde.“ 
Man wollte hierauf die Wache benachrichtigen. Die Soldaten 
aber lagen im Bett des Weibsbildes, während dieses oben im 
Heu fest nach dem Branntwein schlief. 
Der Lieutenant der Garde machte kein langes Federlesen, 
als jeder der Soldaten stammelte, er sei nicht der Delinquent. 
„Ich habe keine Zeit, Männer!“ erwiderte er. 
„Wir haben in der Nacht nur ein Weib umarmt“, ent 
schuldigten sich die zwei . . . „Wir kämpften bei Hochdorf“, 
erklärte der eine und der andere meinte: 
„Ist Liebe Sünde?“ 
Der Lieutenant aber erklärte: Einer von Euch ist der Roß 
dieb; eine Uniform ist nur da . . . also marschbereit.“ 
Und da die Exekution militärische Eile hatte, da der Lieute 
nant nicht bis zur Feststellung der beiden Personen warten 
konnte (er hatte eine Stunde später am Molkenmarkt ein 
Stelldichein) ließ er beide hängen. 
Als der betreffende Truppenteil die beiden Reiter ein paar 
Stunden später als Leute aus seiner Mitte agnoszierte, war 
es zu spät. Sie waren erledigt. 
Aber ein Armeebefehl ließ sie post mortem zu Sergeanten 
avancieren. 
★ 
Cln Biedermeier-Stück 
In einer guten kleinen Stadt in Franken wurde das Nacht 
wächteramt von einem Manne versehen, der ein Doktor der 
beiden Rechte, und der sein Leben in den Dienst der Liebe 
stellte. 
Er sagte sich: „Habe ich vier Jahre auf der Universität 
Heidelberg und Erlangen studiert und bei Tag meine 
Amouren erfüllt, so will ich sehen, ob bei Nacht die Chose
        
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