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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 15 
Jahrg. 27 
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Bürgermeister war im Hohen Rat und das Gesinde im Wein 
berg zur Arbeit — trat herwieder der Priester in der Jung 
frau Cabinet. Lag diese lieblich anzuschauen und etwas 
bläßlich zu Bett, und dieweil der Pfaff von neuem durch 
heftige Begierde erhitzet ward, begehrete er abermalen, daß 
die Jungfrau ihm mit Wollust dienen solle. Solches verweigerte 
sie ihm mit starker Stimme und verwieß ihm die Türe. Da 
packte den Priester die Wut, er riß der schönen. Hildegard 
die Decke vom Bett und das Hemd vom Leibe also, daß sie 
in lieblicher Nacktheit gekrümmet, dalag und sich wand unter 
seinen harten Zugriffen, auf ihr heftiges Hilfeschreien jedoch 
kam die alte Johanne gelaufen und ehe denn der Pfaff sich 
eines Bösen versah, tanzte eine glühheiße Bratpfanne auf 
seinen Posterioribus. Er entfloh mit starken Verwünschungen, 
lief zu seinen Ordensbrüdern und beschuldigte die Jungfrau, 
daß sie mit dem Teufel im Bunde stehe und er sie attrappieret, 
wie sie nackend von der Blocksbergfahrt gekommen, und ehe 
der Bürgermeister vom Rate zurückgekehrt, hatten die 
Häscher des Ketzergerichts bereits Hildegard in Haft ge 
nommen. Die alte Johanne war, rechtzeitig entwischt, dem 
Notarius die Trauermär zu hinterbringen. 
Mit dem jungen Grafen war über diese Geschichte eine 
seltsame Veränderung vorgegangen. Sein braunes Gesicht war 
wie schmutziger Kalk und seine Kiefern mahlten wie eines 
wilden Tiegers gefräßiges Maul. Seine Hand aber hatte er 
so fest um eine Flasche gekrallt, daß diese unter seinem 
Griff zerbrach und ihm in die Finger schnitt. 
„So wahr dieses Blut fließt“, sprach er mit einer fremden 
Stimme, „so wahr soll dieses Buben Blut fließen, und wenn 
der Hildegard nur ein Härlein gekrümmet wird, soll diese 
Stadt in Schutt und Asche fallen. Von meinem Portugieser 
Fähnlein hab ich dreißig Mann, dazu zweihundert Knechte, 
solches genügt, um den letzten Mann aus diesen Mauern zu 
tilgen.“ 
Sprachs und setzte den großen Humpen an, so gefüllet mit 
Muskateller auf dem Tische stand, und trank ihn in einem 
Zuge leer. Stand auf, schritt mit klirrenden Sporen in des 
Notarius Schlafkabinett und warf sich, ohne ein Wort zu 
sagen, aufs Ruhebett, wo er alsbald in Schlummer verfiel. 
Am anderen Morgen in aller Frühe wachte er auf und 
rumorte ein grimmiger Tatendrang in seinen jungen Gliedern. 
„Bruder Balthasar“, sagte er, „Ihr sollet nicht in diese 
Affäre mit hineingezogen werden, daß die Pfaffen nicht an 
Euch ihr Mütchen kühlen. I-hr müßt mich feierlich aus dem 
Hause weisen und mich noch auf der Straße einen Ketzer 
und Erzschelm schelten. Dann will ich davontraben.“ 
Beredete noch einiges mit ihm und wurde dann rite von 
dem Notarius mit großem Rumor aus dem Hause gewiesen, 
daß alle Nachbarn sich ob des eifrigen Glaubens und Eiferns 
des Notarius mit großer Lobrede verwunderten. Und setzte 
sich der Graf auf sein Roß und preschte zum Tor hinaus, in 
der Richtung nach seinen Gütern. 
Ehe die Mittagsglocken der Stadt zu klingen anhuben, kam 
ein Bäuerlein durchs Tor und begehrte von dem Wachtposten 
vor das Gericht geführt zu werden. Dorten vermeldete er, 
der berüchtigte Räuber der ganzen Gegend, der Blutige 
Hannes, lagere mit dreißig Kumpanen in einer abwegigen 
Schlucht in den Bergen, etwa zwei Stunden von der Stadt 
entfernt. Und so man die Stadtsoldaten aussende in ge 
nügender Zahl, wäre es ein leichtes, des Räubers habhaft zu 
werden. 
Der zweite Bürgermeister, der heute das .Regiment führte, 
massen der erste vor Kummer krank zuhause lag, da seine 
Hildegard im Ketzergewahrsam schmachtete, war bass erfreut, 
daß ihm solcher Ruhm blühen solle, den Blutigen Hannes zu 
fangen, und ließ sofort alle achtzig Stadtsoldaten aufsitzen, 
dem Bäuerlein zu folgen. Nur kleine Torwachen blieben zu 
rück in der Stadt, im Stadtgefängnis selbst aber . allein der 
Kerkermeister und sein Gehilfe. Die Stadtsoldaten, so weder 
sonderlich jung noch heldenhaft waren, ritten indessen unter 
des Bauern Führung den Bergen' zu, den Räuberhauptmann 
zu greifen. 
In seiner Zelle aber saß der verbrecherische Beichtiger und 
kämpfte mit den Bildern seiner sündhaften Phantasie. Und 
sah im Geiste die schöne Hildegard nackend ausgestreckt 
auf dem Folterschragen, wie ihr die Henker die schlanken 
Glieder verrenkten und das zarte Fleisch mit glühenden 
Zangen rissen, wie sie an der Wippe hochgezogen wurde 
unter gräßlichen Schmerzensschreien und die Stachelgeißel 
ihr den weißen Rücken blutig zerfleischte. Und empfand eine 
seltsame Wollust in dem Gedanken, daß der schöne Leib, der 
sich ihm versagt, nun sollte auf immer verstümmelt und ent 
stellt bleiben. 
Als die Stadtsoldaten am Nachmittag das Gebirge erreicht 
hatten, ging das Bäuerlein unter dem Vorwände, zu spionieren, 
voran und hieß die Reiter den Weg geradeaus weiter ver 
folgen. Noch ehe eine halbe Stunde herum war, befand sich 
die Schar in einem Hohlweg, so durch steile Wände von aller 
Welt abgeschlossen. Und ehe die Stadtsoldaten sich dessen 
versahen, kamen von allen Seiten in dreifacher Überzahl 
Berittene angeprescht und riefen ihnen ;zu sich zu ergeben. 
Der Anführer der Angreifer jedoch ritt vor die Reihen und 
sagte, daß ihnen Pardon und Quartier gegeben wenden solle, 
soferne sie ihre Waffen ab Legten und sich ihrer Gewänder 
entledigten. Waren aber die Reisigen, so den plötzlichen 
Überfall exekutiert, vermummt und hatten Kapuzen über die 
eisernen Sturmhauben und Lederkoller gezogen, also daß 
niemand fähig war, sie zu erkennen. 
Alsdann begab sich ein seltsamlich Schauspiel. Zogen 
die Stadtsoldaten ihr Habit aus, so von den Angreifern ge 
nommen wurde, und standen kläglich im Hemdlein da, wie 
die Kinder auf der Straße. Und wurden wie das liebe Vieh 
zusammengebunden, in die Ecke der Schlucht getrieben und 
sorgsam lieh von dreißig Bewaffneten gehütet, also daß keiner 
zu eschappieren mochte, 
Der Heimstetten aber ritt mit achtzig Mann nach der 
Stadt, nachdem er zuvor sich und seine Leute mit den Klei 
dern der Stadtsoldaten behängt. Massen inzwischen die 
Dunkelheit hereingebrochen, gelangte die Schar unangefochten 
an der Torwache vorbei und ritt die vermessene Kavalkade 
schnurstracks zum Stadtgefängnis. Dorten klopften sie den 
Kerkermeister heraus, und ehe der Alte ein Ave Maria zu 
stammeln vermochte, hatten die Burschen ihm einen Knebel 
ins grobe Maul gewürgt und ihn gefesselt und wie einen 
Haufen Dreck in die Ecke geworfen. Schlugen auch seinen 
Gehilfen, so mißtrauisch herzukam, eins auf den struppigen 
Kopf, nahmen die Schlüssel und suchten das Gefängnis nach 
des Heimstetten Herzliebster ab. Fanden sie in leidlich 
kommoden Gewahrsam, sintemalen sie des Bürgermeisters 
Töchterlein und noch nicht peinlich verhört war. Und es 
war bekannt, daß Angeklagte, die auch auf der Folter nicht 
sofort volles Geständnis ablegten, nachher im Gefängnis ein 
dunkles und nasses Verließ bekamen, selbst wenn sie eines 
Senators Kind gewesen wären. 
Item, so warfen sie der Hildegard, die garnicht wußte wie 
ihr geschah, einen Reitermantel um, setzten sie auf ein Pferd 
und ritten nach des Beichtigers Behausung. Dort klopften sie 
bescheidentlich an und baten Hochwürden, mitzukommen, 
massen ein guter Kamerad durch schwere Verwundung nahe 
am Abscheiden. Kam nichtsahnend, der Pfaff heraus, bekam 
einen Knebel ins geweihte Maul, einen Reitermantel über den 
Kopf, und schon jagte die Schar zum Stadttor hinaus. 
In der Schlucht erhielten die Stadtsoldaten ihre Kleider 
wieder und jeder ein Silbergulden Schmerzensgeld dazu. 
Wurden wieder auf. ihre Pferde gesetzt und mußten heim 
reiten, durften aber ihr Geiwaffen nicht mitnehmen, weshalb 
heute noch die Kinder auf den Gassen der Stadt singen: 
„Stadtsoldat, Stadtsoldat, 
Der, wo keinen Säbel hat!“ 
Der Heimstetten ritt mit seiner Liebsten auf die Burg, wo 
sie erst recht zur Besinnung kam. Dem Dominikaner, so sein 
heiliges Amt als Beichtvater schmählich verraten und der 
allerheiligsten Kirche Schmach und Schande angetan, ließ er 
in der Folterkammer das Fell vom Rücken peitschen, also daß 
er wochenlang, auf dem sündhaften Bauche liegend, über 
seine Verfehlungen nachdenken mochte. Und da es ein rauhes 
Zeitalter war, in dem diese Dinge sich ereigneten, tat der 
Graf noch ein übriges und schickte dem Pfaffen den 
Schfweineschneider ins Verließ, dort seines Messeramtes zu 
walten. Zuletzt, da des Frevlers Wunden verheilt, sandte er 
den Kapaun nebst einem saftigen Begleitschreiben dem 
Hochwürdigsten Herrn Erzbischof. Dieser ob zwar nach außen 
hin empört über eines ketzerischen Lutheraners eigenmächtige 
Handlung, war jedoch ein guter Freund der Jesuiten und 
demach sehr übel gesinnt allem, was die Dominikanerkutte 
trug. Schickte also den Pfaffen mit strenger Bewachung zum 
heiligen Vater nach Rom, allwo der unschädlich gemachte 
Book in strenger Klosterhaft seine freudlosen Tage bis zum 
Ende verbrachte. 
Der Heimstetten aber führte die Hildegard, nach dem sie 
zum lutherischen Glauben übergetreten, zum Altar, und als 
der erste junge Heimstetten in der Wiege plärrte, kamen zur 
heiligen Taufe der Herr Notarius Balthasar Riemenschneider 
sowie der Herr Bürgermeister aus der Stadt und blieben hin- 
füro bis an ihr seliges Ende auf der Burg. Der Zwist jedoch, 
der durch die gröbliche Behandlung der Stadtsoldaten zwischen 
dem Hohen Senat und dem Geschlecht derer von- Heimstetten 
ausgebrochen, wurde durch Vermittlung Kaiserlicher Majestät 
des heiligen römischen Reiches deutscher Nation auf dem 
Reichstag zu Worms beigelegt. Und schworen beide Parteien 
Urfehde und ewigen Frieden.
        
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