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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaBrg. 27 
Nr. 15 
JOHANNES M O N T A N U S 
A^ n der Studierstube des Gelehrten Notarius 
' ' Balthasar Riemenschneider, Doktor des 
i Römischen und Canonischen Rechts, 
N flackerten die Kerzen über einem feuchten 
) Gelage. Bauchige Flaschen standen auf dem 
./] Tisch und funkelnde Römer, darinnen sich 
der Widerschein der tanzenden Lichter 
goldfarben badete. 
Saß ein braungebrannter Geselle neben 
dem Notarius, so ob seinem schwarz 
samtenen Habit ein blasses, schmales Gesicht trug. 
„Kotz Leichnam“, schalt der Sonnengedörrte und trat heftig 
mit dem Absatz auf, also daß seine silbernen Radsporen 
kampflustig klirrten, „Kotz Leichnam, Bruder Balthasar, Ihr 
müßt mir helfen, das Mädel zu kriegen, allen Oheims und 
Beichtvätern zum Trotz. Hab nicht umsonst im heißen Afrika 
ganze Völker auf’s Haupt geschlagen, mit zwei Kartaunen und 
einem Fähnlein Musketiere, und mag jetzt nicht kapitulieren 
vor zwei so dreckigen Blindschleichen.“ 
„Immer noch der Alte“, lächelte der Notarius, „immer noch 
der alte Hitzkopf wie auf der Alma mater am Neckarstrand. 
Dachte schon, als Ihr vor drei Jahren in der Portugieser 
Dienst traten, ins Mohrenland fechten zu gehen, daß Euch 
die heiße Sonne in der Ferne die amour ausbrennen würde, 
so Ihr gegen des Bürgermeisters Töchterlein hegtet. Aber 
fürwahr, nun sie zwanzig Jahre geworden, ist sie schier doppelt 
so schön als damals, marren sie manches Tränlein geweint 
um den bösen Grafen von Heimstetten “ 
Fuhr der andere dazwischen: „Keinen Spott, Bruder Balt 
hasar!“ 
„Mit nichten“, erwiderte der Notarius und um seine strengen 
Lippen zuckte, ein seltener Gast sonst, ein fröhlicher Schalk 
„Liebestränen bringen der Schönheit Röslein zum Wachsen; 
und diese Tränen waren kein Spott, denn meine Schaffnerin, 
die alte Margot, ist die Schwester der alten Johanne, und die 
alte Johanne, Bruder Rüdiger, ist der jungen Hildegard Warte 
frau gewesen seit achtzehn Jahren. So hab ichs aus zuver 
lässiger Quelle, sofern Weibermaul als zuverlässig zu ästimieren 
gestattet ist.“ 
Der junge Graf sah traurig in die flackernden Lichter und 
schüttelte ratlos den Kopf. Griff dann über den Tisch und 
legte seine Hand auf des Freundes Arm. 
„Bruder Balthasar“, sagte er bittend, „wir haben manchen 
d u m m m e n Streich zusammen verübt, als wir noch zum 
selben Orden gehörten im schönen Heidelberg. Nun helft 
mir zu,einem klugen Streich! Wie kann ich die Hildegard 
haben?“ 
„Sagt mir vorerst, Rüdiger, warum Eure Werbung des Er 
folges entraten müßte?“ 
„Schrullen, Bruder Balthasar, Schrullen! Wir Heimstetten 
sind ein altes Geschlecht, reichsunmittelbar, nur dem Kaiser 
des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation verant 
wortlich. Und nun hat es sich begeben, daß vor dreißig Jahren 
des Bürgermeisters Herr Großvater, der alte Senator, auf der 
Reise nach Ulm ist aufgehoben worden von unseren Knechten 
und nur gegen hohes Lösegeld ist freigegeben worden, nach 
dem er feierlich Urfehde geschworen bis ins vierte Geschlecht. 
Solches wurmt ihn, und da ich bei ihm anklopfte vor dreien 
Jahren, hat er mir ein grobes Valet gegeben und geschrieen, 
Urfehde sei geschworen, also daß sie sich auch nicht ehelich 
heißen dürften, und eher sollte die Hildegard Scheuermagd 
werden im Spittel, eh so ein frecher Junker von Heimstetten, 
noch dazu so ein ketzerischer Lutheraner “ 
„Da löschte plötzlicher Zug schier die Flammen aus, so 
flog die Tür auf, und herein stürzte tränenden Auges die 
alte Margret. 
„Ach, Herr Notarius, welch’ ein Unglück! Es ist kaum aus 
zudenken!“ rief sie und verstummte sogleich, da sie des 
fremden Gastes ansichtig wurde. Und stammelte eine Ent 
schuldigung und bat den Herrn Notarius, einen Augenblick 
mit ihr zu kommen, massen sie ihm eine wichtige Botschaft 
anzuvertrauen habe. 
Stand der würdige Herr Riemenschneider verwundert auf 
und sagte: 
„Exküsiert, lieber Bruder, gleich werden wir weiter poku- 
lieren!“ 
Kam aber, noch ehe der vierte Teil einer Stunde vorüber, 
zurück, noch blasser, als er von Natur war, und mit einem 
zornigen Funkeln vor den Augen. 
Lachte der Heimstetten: 
„Kotz Leichnam, Bruder Balthasar, wozu die Zornesfalte 
auf Eurer Stirn? Habt Euch gezankt mit deren alten Haus 
drachen? Hat die alte Vettel Euren Weinkeller geplündert?“ 
Doch der Notarius war taub und sah stumm auf den 
Tisch und die funkenden Römer. Sah dann auf den jungen 
Grafen, wollte sprechen und sprach nicht. 
„Hailoh, würdiger Notarius“, rief der Graf und hob das 
Glas, „stoßt an, daß Euch das köstliche Naß die Zunge löse! 
Was ist Euch ins Gehäuse gefahren, Bruderherz, daß ihr 
schweigt wie ein marmornes Standbild?“ 
Da trat der Riemenschneider an den Freund heran und 
legte ihm schwer die Hand auf die Schulter. 
„Hört zu, Bruder Rüdiger, und bleibt fest! Ich maß Euch 
ein schweres Unglück vermelden. Des Bürgermeisters Hilde 
gard “ 
Auf sprang der Graf, Flaschen klirrten, Scherben rasselten 
zu Boden — „Balthasar“, schrie er wie ein Irrer, „Balthasar, 
was ist mit Hildegard Ist sie tot?“ 
„Schlimmer als das“, antwortete heiser der Notarius, „sie 
ist der Hexerei beschuldigt und gefänglich eingezogen 
worden.“ 
Da ward es stille im Zimmer gleich wie in einem Totenhaus. 
Nur der vergossene Wein tropfte auf den Boden und zählte 
die Sekunden. Einen Augenblick schien der Graf zu wanken, 
dann raffte er sich zusammen, fiel schwer in den Stuhl zurück 
und sagte mit leiser Stimme, die seltsam böse und heiß klang: 
„Setzt Euch und berichtet!“ 
Muß zuvor dem wohlaffektionierten Leser vermeldet 
werden, welcher Art die Evevements, so sich ereignet, ehe 
denn die Tragödie sich in des Doktor Riemenschneiders 
Studienzimmer abgespielt. 
Item: der junge Graf Rüdiger von Heimstetten, als welcher 
mit dem Balthasar Riemenschneider in Heidelberg die Rechte 
studieret, hatte, da er das Doktorat bestanden, zu des Bürger 
meisters zu Heilbronnen jungfräulicher Tochter Hildegard eine 
heftige Minne empfunden. Massen sie im mannbaren Alter 
von siebenzehn Jahren gewesen, hatte er dem Herrn Vater 
seinen Antrag getan, war jedoch mit einem großmächtigen 
Korbe abgeschlagen worden, sintemalen er lutherischer Con- 
fession, wohingegen die schöne Hildegard der alleinselig 
machenden Kirche anhangete. War, in der heißen Glut seiner 
dreiundzwanzig Jahre, in portugiesische Dienste als Offizier 
getreten, dieweil im alten Europa schon so lange Frieden 
war, und nun, nach ruhmreichen Aventüren, reich an Gold 
und Ehren, in die Heimat zurückgekehrt. 
Notarius Balthasar, des Grafen Ordens-, Sauf- und Rauf 
kumpan aus fröhlicher Studentenzeit, hatte ihm Stadtquartier 
geboten. Des Grafen Schloß, drei Meilen vor der Stadt, lag 
uneinnehmbar auf drei Felsen des Gebirgs. Und waren die 
Bauren dem Grafen heftiglich zugetan, sintemalen er ein 
gütiger Herr, so Recht und Billigkeit auch gegen Niedere für 
Gottes Gebot erachtete. 
Da indes die schöne Hildegard immer lieblicher herange 
blüht, war in ihrem Beichtiger, dem Dominikanervater Theo- 
phrastus, eines schmutzigen Gerbers Sohn, sündhafte Geil 
heit zu seinem lieblichen Beichtkinde aufgekeimt. 
Nachdem er durch Beten und Litaneien stundenlang der 
Jungfrau Gemüt erreget, hatte er versuchet, sie sich zu unter 
werfen und zur Sklavin seiner Gelüste zu machen. Alsbald 
hatte sie ihn mit heftigen Worten abgewiesen und ihm be 
deutet, daß sie seit Jahren Affektion im Herzen trage gegen 
den jungen Grafen von Heimstetten. 
Solcherart hatte sie den tückischen Priester arg erzürnt. 
Und da er wußte, daß der Graf Lutherischen Glaubens, hatte 
er ihr den Höllenfrevel grausamlich ausgemalt und sie der 
Todsünde beschuldigt. Indem sie jedoch, ihrer Herzens 
neigung nUbt zu entsagen entschlossen, seiner unkeuschen 
Gelüste bewußt ward und sich dem mönchischen Lüstling 
je länger je mehr versagte, ward ob solcher Obstinanz der 
Priester fast bis zum Wahnsinn aufgebracht und mit Rache- 
gedanken ganz erfüllet. 
Da die Hildegard eines Tages unpäßlich zu Bett lag und 
niemand im Hause war denn die alte Johanne — der Herr
        
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