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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jahrg. 27 
Nt. 15 
ein Herr — ich verbiete Ihnen, mir zu folgen.“ 
Mit einer rauhen Wendung hatte sie sich umge 
dreht. Zornsprühende Augen blitzen ihn «n. 
Vor der unvermuteten Wendung trat er er 
schrocken einen Schritt zurück. „Aber — gnädiges 
Fräulein“ stammelte er —• Sie haben mich bezaubert — ich 
— ich muß ihre Bekanntschaft machen.“ 
„Und zu welchem Zweck?“ Ihre Augen sahen ihn kindlich 
fragend an. 
Er lächelte, „Nun — um mit Ihnen zusammen sein zu 
können — um die feine Linie Ihres Nackens zu bewundern 
und um Ihre wundervollen Augen voll Zorn auf mich ge 
richtet zu sehen. — Sie sind schön, mein gnädiges Fräulein 
und jung —- und — wie ich vermute, nicht ahnend der Ge 
fahren, die Ihnen hier in dieser ziemlich einsamen Straße 
begegnen könnten. Darum bitte ich um die Erlaubnis, Sie 
begleiten zu dürfen.“ 
„Wenn Sie aber selbst zu denen gehören vor denen man 
sich fürchten muß?“ 
Er sah, wie sie ihn von der Seite schelmisch lächelnd ansah. 
Sah, wie ihre Augen musternd über ihn glitten. Sie schien 
es nicht zu bemerken daß sie beide gemächlich neben einander 
hergingen und daß das Verbot seiner Verfolgung ihm die 
Annäherung gebracht hatte. 
Leichtfüßig und graziös schritt sie die Straße entlang. 
Elefantgraue Wildlederschuh umspannten ihre kleinen Füße. 
Ein leichtes, duftiges Gewebe hing lose und dennoch an 
schmiegend, Formen verratend, an ihrem schmalen Körper 
hernieder. Er blickte auf ihr feingeschnittenes Profil, die gold 
farbenen Haare, die seitwärts unter dem kleinen, tief in die 
Stirn gezogenen Hut hervorquollen. 
„Sehe ich so aus?“ fragte er. 
,Das ist ja eben das Schlimme, daß man einem Menschen 
nicht ansehen kann, ob man ihm Vertrauen schenken darf.“ 
„Mir, mein gnädiges Fräulein, können Sie unbedingt ver 
trauen.“ 
„Na, na —“ lächelte sie — den Männern darf man nie 
trauen.“ 
„Woher wissen Sie denn das? Sie sind doch noch zu jung 
um derartige Erfahrung gemacht zu haben.“ 
Sie seufzte tief. „Ich spreche natürlich nicht aus Erfahrung. 
Ich weiß das am Büchern, aus den Romanen die ich lese. — 
Ich bin noch jung — aber einmal muß man doch anfangen 
mit den Erfahrungen — und da will ich Ihnen sagen — daß 
ich eigentlich nicht bqse bin — daß Sie mir Ihre Bekannt 
schaft aufgedrängt haben — denn — nun habe ich doch 
schon die erste Seite eines Romans erlebt.“ 
„Und — wollen Sie bei der ersten Seite stehen bleiben?“ 
Er war dicht neben ihr, daß ihre Arme sich berührten. 
„Wollen Sie das nächste Kapitel nicht erleben?“ 
„Nein — nein — ich fürchte mich“ — sie beschleunigte 
ihren Schritt, als wolle sie ihm entfliehen. 
„Seien sie mutig. Stürzen Sie sich mit geschlossenen Augen 
in ihr erstes Abenteuer. Sie haben doch selbst gesagt, einmal 
muß man den Anfang machen.“ 
”J a aber es darf nicht so schnell gehen — ich muß 
mich erst an den Gedanken gewöhnen selbst zu erleben, was 
ich nur aus Büchern kenne —“ 
„Die Abenteuer, in die man sich blindlings stürzt, sind die 
schönsten.“ 
„Meinen Sie?“ Stehen bleibend sah sie ihn sinnend an. 
„Vielleicht — nein — nein —“ und sie ging fluchtartig weiter. 
„Aber — Sie versprechen mir, daß wir uns Wiedersehen. — 
Morgen — bestimmen Sie — wo und wann.“ 
Flüsternd trafen seine Worte ihr Ohr. Sie fühlte, wie er 
seinen Arm leicht um ihre Taille legte. Ein paar Schritte 
ging sie schweigend. An einer Straßenkreuzung blieb sie 
stehen. 
„Ich möchte, daß Sie mich jetzt verlassen.“ 
„Und — wann sehe ich sie wieder?“ 
Sie zögerte noch immer seine Frage zu beantworten. Endlich 
sagte sie: „Ich weiß nicht, ob ich morgen —“ 
„Sie müssen — Sie müssen —“ drängte er. 
Da gab sie nach und nannte Ort und Stunde. 
Als sie ihm zum Abschied die Hand reichte, hielt er sie fest. 
„Und — wollen Sie mir nicht Ihren Namen sagen, damit ich 
die Überschrift des nächsten Kapitels weiß?“ 
„Ich heiße Dolly.“ 
„Also — auf Wiedersehen, süße kleine Dolly.“ 
Wolf legt einen roten Seidenschirm über die Lampe die 
auf seinem Schreibtisch steht, blickt auf den gedeckten Tisch, 
geht hinüber um die Konfektschale anders zu stellen und 
rückt an Gläsern und Flaschen. Dann wirft er sich in den 
Klubsessel, der neben den mit einer persischen Decke belegten 
Diwan steht. 
„Ich habe mich bisher immer gescheut mich an einer un 
berührten Blüte zu vergreifen“ murmelte er — denn — schließ 
lich trägt doch der Erste die Verantwortung dafür, wenn so 
ein junges Ding auf die schiefe Ebene gerät.“ 
Sie war rein und unberührt. Dafür wollte er seine Hand 
ins Feuer legen. Wie ein scheues Vögelchen hatte sie gestern 
im Kino neben ihm gesessen. Ängstlich war sie zusammen 
gezuckt, als er ihre Hand ergriff und im Schutz der Dunkel 
heit einen Kuß auf ihren Nacken drückte. 
Dann hatte er davon gesprochen, daß diesem Kapitel, das 
nun das dritte war, das sie erlebten, ein weiteres folgen müsse, 
denn Tags zuvor hatten sie sich im Tiergarten getroffen und 
hatten das erste Du getauscht. 
„Süße kleine Dolly, du kennst doch aus den Büchern den 
Verlauf eines Liebesabenteuers — du weißt, was ich dich 
jetzt bitten werde — nicht wahr — das nächste Kapitel spielt 
in der Wohnung des Geliebten?“ 
Er wußte nicht, woher er den Mut genommen, so zu ihr zu 
sprechen. Aber, das Begehren, diesen süßen kleinen Fratz in 
seine Arme zu schließen, betäubt sein Gewissen. 
Verwirrt und erschrocken hatte sie versucht, ihre Hand zu 
befreien, aber, nur fester wurde der Druck seiner Rechten. 
Und unter der Berührung der ineinander geschlungenen 
Hände schien ihre Furcht zu schwinden. Ihre Schulter näherte 
sich seinem Rockärmel und ihre Haltung drückte eine unbe 
wußte Hingabe aus. 
Es war ein langer Weg vom Kino bis zum Haus, in dem 
sie wohnte. Es war nötig, ihn zweimal zu gehen. Denn erst 
beim zweiten Mal war ihr Widerstand gebrochen, gab sie das 
Versprechen, ihn zu besuchen. 
Nun saß er und wartete, daß die Klingel tönte. 
Wenn sie nicht kam? Wenn ihre Furcht stärker als ihr 
Mut?
        
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