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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 2 
Jaürg. 27 
9 
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lüafter Körting 
ie Fenster standen weit offen. 
ln vollen Wogen strömte der süße Duft des 
blühenden Flieders in den kleinen Raum. Alt 
vaterische Behaglichkeit lag über den alten Möbeln, 
den wurmstichigen Kupferstichen und Öldrucken, 
trotz der Dürftigkeit der Vorhänge, des Teppichs, 
der schäbigen Eleganz des bauchigen Sophas 
und der ausgesessenen Sessel, über deren abge= 
schabten Plüsch sich liebevoll bunte Kissen schmiegten. Das Farben- 
gemisch verbreitete Helle. Ein weißes Deckchen lächelte freundlich 
vom Tisch und die grelle Tonvase mit den frischen, glühroten Nelken 
erhob sich fast üppig auf dem lichten Grunde. Über dem Sopha 
blinzelten wichtigtuerisch zwei gekreuzte Rapiere und hielten einen 
verschlafenen, staubigen Stürmer zwischen ihren Körben. Die letzten, 
zitternden Sonnenlichter glitten über das Ganze und gossen matt 
goldenen Schein darüber. Der betäubende Atem der Nelken mischte 
sich mit dem schwülen Wohlgeruch des Flieders wie der natürliche, 
starke Duft losen Frauenhaars. 
Den jungen Mann, der an dem mit Büchern belasteten Schreib 
tisch hockte, umschmeichelte dieser süße Duft. Er atmete tief und 
reckte sich. 
Leises Klopfen. 
„Bitte?!" 
Die Augen des schlanken Mädchens, das im Türrahmen stand, 
dessen aschblondes Haar sich in die Stirn kuschelte und wellig um 
die kleinen Ohren legte, suchten ihn und wurden blank. 
„Wünschen Sie Tee, Herr Hellmer?" 
„Ja — bitte, Fräulein Lissy." 
„Mutter hat ihn eben fertig gemacht." 
Sie lächelte ihn von unten herauf an, daß die Zähne zwischen 
den vollen Lippen feucht hervorschimmerten, 
„Sehr schön, — sehr nett." 
Er blickte ein wenig hilflos. 
Sie ging. 
Er streckte die Arme aus, seufzte halb beklommen, halb wohlig. 
Lauschte mit allen Netven ... 
Dieses goldige Mädel! Kokett war sie ja wohl ein klein wenig. 
Sie erkundigte sich öfter nach allerlei Dingen, die ihm reichlich über 
flüssig schienen. Liebte sie ihn, dieses herzige Ding in der Maien 
blüte ihrer 17 Jahre? 
Sein Begehren ruhte noch im Unterbewußtsein, wagte nicht aus 
den Falten seiner Seele herauszukriechen. Nur in der Nacht, in 
den stillen, heißen Stunden, wenn Körper und Verstand schliefen, 
regte es sich. Dann malten ihm die entzündeten Sinne die Süßigkeit 
der Liebe aus, dann lag er in den Armen lachender Frauen, deren 
lange Haare leuchtend um weiße Schultern hingen, sah tanzende 
Nymphen, reigende Elfen, deren wallende Gewänder die zarten 
Glieder umschleierten — ein König. 
Er hatte bisher so wenig Fühlung mit Mädchen gehabt, verflucht 
wenig. Unter allen Frauen und Mädchen hatte er keine Herzens 
königin gefunden. Und doch brauchte er eine Muse, eine schlanke 
Göttin für seine Lieder. Wie hatte er sich gesehnt nach der un 
bekannten Geliebten, nach einer Chloe, Phyllis, Daphne . . . 
Um Lissy hatten sich dann seine geheimen Wünsche gerankt. 
Heiß überlief es ihn, so oft er sie in leichter Morgenkleidung über 
den Korridor huschen sah, so oft sie mit leichten Händen das Tisch 
tuch ausbreitete, das Geschirr aufsetzte und ihn dabei so eigentümlich 
ansah. 
Manchmal glaubte er ein Fragen in ihrer Stimme zu hören, wenn 
sie allgemeine Redensart mit ihm wechselte. Dann klang es in 
ihm, dann zitterten seine Hände und schoß ihm das Blut zum Herzen 
es trieb ihn instinktiv, sie zu umfassen. Doch er konnte es nicht, 
er brachte das einfach nicht fertig. 
Da klirrte es leise auf dem Korridor. 
Diensteifrig öffnete er die Tür. Sie nickte ihm lächelnd zu und 
setzte das Teebrett auf den Tisch, goß den gelben, dampfenden 
Trank in die Tasse, näherte sich ihm mit wiegenden Hüften. 
„Haben Sie sonst noch Wünsche Herr Hellmer? — Mutter ist fort." 
„N . . . nein. Das — heißt ja. Ich hätte gern noch einen Teller." 
„N och einen ?" 
In ihren Augen — blitzte ein Teufelchen. 
„Richtig. Ich habe schon einen. Was — — — 
was haben Sie da übrigens für ein niedliches Medaillon?" 
Er stammelte das, um überhaupt etwas zu sagen. 
Ihre Hände griffen nach dem kleinen, silbernen Ding, das hell 
auf ihrer Pfirsichhaut lag, und hielten es spielerisch. 
Über ihr frisches Gesicht ging es wie Freude, wie naives Ver 
gnügen. 
„Von Herrn Selling." 
Er fühlte einen kalten Hauch über sein Herz fahren. 
„Herr Selling?" — Herr Selling war sein Vorgänger, sein Stuben 
vorgänger gewesen. 
Nun glitten seine Blicke über ihre schmalen Schultern. Rosig 
schimmerten sie. 
Er starrte darauf — wie fasziniert. 
„Wollen Sie's sehen? Bitte." 
Sie hob das Kettchen ein klein wenig und schaute ihn erwartend 
und aufraunternd zugleich an. 
Er faßte danach mit zagen Fingern. 
Und dann lag sie — es geht manchmal wirbelnd im Leben, — in 
seinen Armen, an seiner Brust,- dann ruhten seine Lippen auf den 
ihrigen. 
Draußen schnarrte kaum hörbar die Tür des Korridors. 
Sie riß sich los. 
„Mutter kommt wieder." 
Faßte das Teebrett. Ging. 
Sein Blut rauschte und sang. Die dünnen Vogelstimmen, die 
vereinzelt auftrillerten, neckend heranpfiffen, dann lockend davon 
zwitscherten, weckten in seiner Brust quellenden Widerhall. 
Die Dämmerung hatte inzwischen ihren Mantel über die jugend- 
prangende Erde gelegt wie über den entschlummernden Körper 
eines blühenden, leise atmenden Weibes. 
Da ging ganz leise die Tür. 
Leichtfüßig huschte sie zu ihm, umschlang seinen Hals, beugte 
seinen Kopf zu ihrem Mund. 
„Du Ich gehe zur Ruhe. Wenn Mutter schläft, 
Das übrige ertrank in ihrem Kuß. 
„Lissy!" 
„Freust du dich, Bubi?" 
„O du! Aber deine Mutter ? . . . " fragte er plötzlich 
argwöhnisch. 
„Angsthase! . . . Als Herr Selling noch hier w'ar ... ", sie 
brach ab und lachte hell auf. . . „der war nicht so ängstlich!" 
Er war um eine wundervolle Illusion gebracht und schwor, diese 
Eva nie wieder mit einem Blick zu würdigen. Eine Stunde später 
erschien Eva lieblich und lockend wie der Traum einer Nacht 
und schon war sein Schwur gebrochen. 
Adam!
        
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