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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 14 
Jafirg. 27 
Das Telephon? 
Er: Kukuk! Kukuk! 
Sie: Na, mein kleiner Affe? 
Er: Wo bin ich? 
Sie: In der Badewanne. 
E r : Falsch geraten. 
Sie: Am Schreibtisch. 
E r : Nein, im Bett. 
Sie: Jetzt, um eins? 
Er (gähnt); Ich bin noch so müde. 
Sie: Soll ich zu dir kommen? 
Er: Ja, wo bist du? 
Sie (kichert); Wo du bist, will auch ich sein. 
E r (energisch); Wo warst du gestern? 
Sie: Gebummelt. 
E r ; Mit wem? 
Sie; Ooch, Schatz! 
E r : Mit wem? 
Sie: Sieh’ mal, ich muß doch leben. Du kannst doch nicht 
immer die Bilder deiner Eltern verkaufen. Einmal wirst du 
als der Dieb ertappt und und ich weiß ja, du tust es 
für mich, aber mich machen die Gewissensbisse ganz krank. 
E r : Also ein anderer? Das ertrag ich nicht ... ich bin ein 
anständiger Mensch. Ich bin aus gutem Hause. 
Sie: Was hat das damit zu tun? 
E r ; Ich nehme mir das Leben. 
Sie: Das hat keinen Wert. 
E r : Wer? Was? Mein Leben? 
Sie: Nein, es sich zu nehmen . . . sei vernünftig. Wer 
weiß, vielleicht kann der Herr vom Palais dir eine neue 
Stelle verschaffen ... Er ist Ausländer, hat ein gutes Ge 
müt, viel Geld und ist Menschenfreund. 
E r (aufschreiend): Jetzt sage nur noch, daß du mir . . . O, wie 
furchtbar! 
Sie: Pst ... sei still, ich will auch leiser sein. 
E r : Was ist los? Was ist los? Mir . . . mir kommt ein 
Gedanke ... er ist bei dir . . . der Kerl . . . der Lump . . . 
der Nebenbuhler . . . der dich honoriert hat (schreit) Wo 
ist er? 
Sie (plötzlich mit leiser Stimme): Tante, Tantchen, ich muß 
abbrechen . . . mein Bräutigam ist eben aufgewacht (hängt 
den Hörer hin; der andere Teilnehmer tobt weiter wie ein 
Besessener). 
DIE MANSARDE. 
E r : So, du kleines Mädel, noch 
vier Stufen .. . falle nicht! 
Sie; So hoch! 
E r : Immer mit Engelchen zu 
sammen. 
Sie: Du bist gewiß ein lieber 
Mensch ... du tust keinem was. 
E r : Ich? . . . Nee! (Er schließt 
auf.) 
Sie: Eigentlich soll man sich nur 
mit einem feinen Mann ein- 
lasscn. 
E r : Wieso? . . . 
Sie: Die murksen nie so ein 
Mädelchen ab, wie ich es bin. 
Tu' ich das vielleicht? 
Sie: Ich hab’ immer so’n Angstgefühl, wenn ich durch drei 
Berliner Höfe gehe und wenn es so dunkel ist. 
E r ; Wenn ich dabei bin, passiert dir nichts. 
Sie: Ist es auch ganz sicher, daß du gegen mich recht gut 
Äst? . . . Sieh mal, ich bin ein armes Mädel . . . und nur am 
Abend, wenn ich allein bin, dann muß ich mit einem 
Menschen reden. 
E r : Muß es ein Mann sein? 
Sie (verlegen): Ich bin so wild, so heiß, so toll. (Sie umarmt 
ihn heftig.) 
E r : Weib, ich krieg’ ja keine Luft. Du saugst einem ja die 
Seele aus dem Leibe. 
Sie; Du Einziger! 
Er (höhnisch); Das hast du wohl noch Keinem gesagt? 
S i e (schweigt)., 
E r : Soll, ich dir helfen? Es ist heiß hier . . . Komm! 
Sie (plötzlich); Bekomm’ ich ’n Geschenk? 
Er (lacht auf); Du bist verdreht. 
Sie (wie verwandelt): Umsonst gehe ich mit keinem Mann. 
Ich habe mein Prinzip. . . 
Er (grinst): Aber du tatest doch so, als sei’st du leiden 
schaftlich, als sei die Liebe . . . 
Sie; Alles recht, aber umsonst, nein. 
E r : Ich denk’ nicht daran; ich kann nicht, ich bin ohne Geld. 
Sie: Das ist nicht wahr. Ich will was haben. Ja oder nein? 
Er (seiner Stärke sich bewußt); Halte den Mund, du! 
Sie: Du sollst mir 'was geben. Ich muß leben. 
E r (wirft sie auf die Erde und küßt sie sinnlos): So . . . so . . . 
jetzt rede nicht von dem elenden Geld oder ich begehe 
einen Mord. 
S i e (schreit): Mörder! Mörder! 
Er : Das fehlt noch! Hintertreppenskandal! Romane! Schweig’, 
oder es passiert etwas, du einfältige Dirne. 
Sie: Mörder! Mörder! 
Er (in wahnwitziger Wut): Schweig’, sag’ ich! Halt dein M. . . 
S i e (schlägt an die Tür): Raus will ich. Lass’ mich gehen . . . 
ich muß Geld verdienen. 
E r : Ich denke nicht daran . . . erst gehörst du mir, du . . . 
du! (Faßt sie mit eiserner Kraft an der Kehle.) 
Sie: Du tötest mich . . . Luft! Luft! 
Er (wie toll): Dich zwing’ ich nieder. 
S i e (fällt leblos zu Erde, er küßt sie, immer wilder, immer 
wahnwitziger): Du! Mädel! Du, Weib, rede doch! Was? Was? 
Wie? Was hast du denn? Rede, rede doch um des Him 
mels willen. (Er legt das Ohr an ihr Herz.) 
Sie ist tot! ... Tot ... Tot ... (in Angst und Entsetzen); 
Jetzt bin ich ein Mörder! Jetzt werde ich geköpft .... 
Wenn sie lebendig wäre. Alles würde ich ihr geben . . . 
meine Uhr . . . meine Spargroschen, meine Similis . . . 
Sie (schlägt die Augen auf); Ich will dich noch mal vor dem 
„Kopfabhauen“ retten — was gibst du aus? 
E r (stürmisch und höhnisch): hieraus werfe ich dich, du ge 
meines Frauenzimmer! Du elende Dirne!
        
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