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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 14 
Jafirg. 27 
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mit großem Eifer zu blättern -begann. Endlich schien eine 
Seite des Buches sie besonders zu fesseln; sie verschlang den 
Inhalt förmlich mit ihren Blicken. Mit einer Hand hielt sie 
das Buch fest an sich gepreßt, während die andere sich in 
den Falten ihres sehr luftigen Sommerkleides verlor. Auf 
diese Weise bekam ich allerdings nicht viel mehr als ein paar 
wundervoll geformte und sehr elegant bestrumpfte Beine zu 
sehen; aber das genügte mir schon, da ich von Minute zu 
Minute in der Gewißheit bestärkt wurde, bei der schönen 
Leonie in der Einsamkeit dieses Pavillons keinen anderen 
Nebenbuhler zu treffen als ihre eigene, zierliche, kleine Hand. 
Bei einem meiner Vettern, der als Diplomat Karriere gemacht 
hatte, hatte ich einmal eine galante Gravüre gefunden; die 
stammte aus Paris und darunter stand der Name des 
Künstlers, der mit erlesenstem Geschmack und unnach 
ahmlicher Grazie das pikante, aber durchaus in keiner Weise 
obszön wirkende Bild gemacht hatte; er hieß Boilly, und 
das Bild selbst hatte er ganz schlicht und harmlos „Le Mid i“ 
— auf deutsch „Der Mittag“ genannt. Es stellte ein reizendes 
Weibchen dar, das sich vor der Glut des sommerlich heißen 
Mittages und vor den Augen unerwünschter Lauscher in die 
Kühle eines einsamen Waldgebüsches zurückgezogen hatte, 
um, in einem Buche lesend, dort ihren Träumen und Phan 
tasien ungestört nachhängen zu können. An dieses alte, 
galante französische Bild wurde ich jetzt durch Leonie er 
innert, welche auch über der Lektüre ihres Buches die Welt 
und alles um sich her vergessen zu haben schien. . . 
Endlich schien meine Schöne von der Lektüre ihres Buches 
endgültig befriedigt zu sein; sie steckte das interessante Werk 
wieder sorgfältig fort, ordnete ihr Blondhaar vor ihrem 
Taschenspiegel und verließ dann ebenso vorsichtig wie sie 
gekommen, den einsamen Pavillon. 
-Natürlich machte auch ich so schnell wie möglich, daß ich 
von meinem diskreten Beobachtungsposten fortfcam; ich be 
fand mich in -einem Zustande, den man eher begreifen als be 
schreiben kann. Ich trug -mich mit neuen Wünschen, zu denen 
sich jetzt die Hoffnung gesellte, daß ich sie wahrscheinlich 
eher als ich es je zu hoffen gewagt hatte, mit derjenigen 
teilen, würde, der allein sie galten. 
Ich machte nunmehr einen langen Umweg durch das 
Dickicht des alten Parkes und richtete es so ein, daß ich 
Leonie auf dem Wege begegnete, den sie bei ihrer Rückkehr 
in das Schloß benutzen mußte. Ich traf sie dort, wie sie mit 
der unschuldigsten Miene von der Welt Feldblumen pflückte; 
wie es natürlich war für eine Frau in ihrer Situation, errötete 
sie tief, als ich jetzt ganz harmlo-s auf sie zutrat und ihr 
Guten Tag wünschte. Dabei hatte sie natürlich nicht die ge 
ringste Ahnung davon, was ich vor einer Viertelstunde zu be 
obachten Gelegenheit gehabt hatte. Mit dem harmlosesten 
Gesicht der Welt sagte ich ihr, daß ich sic angegriffen aus 
sehend fände, worauf sie abermals tief errötete und schweig 
sam mit mir dem Hause zuwandelte. In dieser verschlossenen 
Stimmung blieb Leonie auch den ganzen Nachmittag und 
Abend über, wobei ich ihr noch mehrere Male wiederholte, 
daß ich sie ermüdet aussehend fände und dabei d-urchblicken 
ließ, daß ich die Schuld daran einem Liebesabenteuer zuschob, 
auf dessen glücklichen Partner ich mich sehr eifersüchtig ge 
bärdete. Sie lächelte bei meinen Vermutungen vor sich hin, 
indem sie mich nicht ungern in meinem Glauben zu lassen 
schien, weil sie dadurch um so überzeugter wurde, daß ich 
von der Wahrheit der Begebnisse keine Ahnung hatte. 
Als echter Waidmann lauerte ich nun Tagelang voller Un 
geduld, aber mit Ausdauer darauf, daß meine Schöne wiederum 
ihre Schritte zu dem einsamen Pavillon im Parke lenken 
würde; leider zunächst ohne irgendeinen Erfolg. Die Ärmste 
bewohnte ein Zimmer, welches so dicht an das ihrer Tante, 
der Baronin, unserer gemeinsamen Gastgeberin, grenzte, daß 
es augenscheinlich Unmöglich war, daß Leonie hier die Freuden 
ihrer anregenden Buchlektüre jemals fortsetzen konnte. Dar 
aus zog ich den Schluß, daß der Augenblick schon wieder 
kommen würde, wo sie den Pavillon aufsuchen würde, um 
einmal ganz ungestört lesen zu können. 
Die Erinnerung an das, was ich beobachtet hatte, ließ mir 
Tag und Nacht keine Ruhe. Ich hatte mir fest vorgenommen, 
bei der nächsten Gelegenheit nicht wieder so ritterlich diskret 
zu meiner Schönen zu sein. 
Da ließ für einen der nächsten Frühvormittage unser splen 
dider Wirt, der Baron, zu einer Morgenjagd auf wilde Ka 
ninchen laden. Natürlich sagte ich meine Beteiligung zu, be 
reute aber meine Bereitwilligkeit sofort, als ich sah, daß sich 
gerade an diesem Morgen, in dem Augenblick, als unsere 
kleine Jagdgesellschaft aufbrechen wollte, Leonie, den Stroh 
hut auf dem Kopfe, anschickte, allein auszuge-hen. 
Kaum waren wir Jägersleutchen deshalb Unterwegs, als ich 
mich bei dem Hausherrn mit der Ausrede entschuldigte, ich 
müsse noch einmal nach dem Schlosse zurückkehren, weil ich 
meine Patronen vergessen hätte. 
Man würde mir sicherlich gern welche leihen, beeilte man 
sich von allen Seiten mir zu versichern. 
„Nein“, sagte ich, „ich brauche zwölf; dann werden die 
anderen Herren nicht genug haben.“ Kurzum, ich zeigte mich 
zur Umkehr so entschlossen, daß keiner von meinen Kame 
raden und Jagdgenossen mehr eine Widerrede wagte. Kopf 
schüttelnd ließ man mich gehen . . . 
Das Gartenhäuschen, von dem ich mit Bestimmtheit annahm, 
daß Leonie sich wiederum dort aufhalten würde, lehnte sich 
mit einer seiner Wände an die alte Parkmauer an. Diesen 
Umstand wollte ich mir zu Nutze machen, um von außen her 
über das Dach in den Pavillon einzudringen. Ich kletterte 
also auf die Mauer . . . da, o weh, gab es einen Knacks, und 
meine Beinkleider rissen der Länge nach auf. 
In diesem Augenblick bemerkte ich Leonie auf dem 
Hügelchen, darauf das bewußte Gartenhaus lag, wie sie ihre 
Schritte zu der alten Tür lenkte. Sie führte an der Hand 
Miachen, die jüngste, erst vierjährige Tochter des Hauses, 
und nun hörte ich sie deutlich zu dem Kinde sagen: „Warte 
hier draußen, mein kleines Cousinchen, ich will mal in dieses 
Gartenhäuschen gehen, um zu sehen, ob Mäuse im Heu sind, 
die will ich töten. Komme mir ja nicht nach, die Mäuse 
könnten dich beißen“ . . . 
„Aber bleibe ja nicht zu lange, Base Leonie“' antwortete das 
Kind, „ich fürchte mich sonst.“ 
„Nein, gewiß nicht zu lange“, antwortete Leonie und ver 
schwand in der Tür des Gartenhauses, in welchem ich mich 
in der Zwischenzeit hinter einem großen Heuhaufen versteckt 
hatte. Der Anblick Leonies in so unmittelbarer Nähe er 
mutigte mich zu den kühnsten Gedanken. Ich beschloß, sie 
nicht in die Verlegenheit kommen zu lassen, von mir bei der 
Lektüre ihres Buches überrascht zu werden. Also kam ich 
mit dem Kopf hinter meinem Heuhaufen hervor, räusperte 
mich ziemlich vernehmlich und rief der zu Tode Erschrockenen 
zu: „Um des Himmels willen schreien Sie nicht, gnädigste 
Gräfin, daß Sie mich hier finden. Ich habe mir bei der 
Karnickeljagd die Beinkleider zerrissen und war heilfroh, als 
ich Sie eben zu ihrer kleinen Cousine sagen hörte, Sie wollten 
hier eintreten, um 1 hier Mäuse zu töten; ich flehe Sie an, lassen 
Sie mich hier in meiner unglücklichen Lage nicht im Stich, 
sondern legen Sie erst meiner schwerverletzten Hose einen 
Notverband an; Nadel und Faden haben Sie ja doch bestimmt 
bei sich, da sie ja niemals ohne eine Handarbeit in den Park 
zu gehen pflegen.“ 
Mit diesen Worten warf ich der Erstaunten hinter meinem 
Heuhaufen hervor mein Beinkleid zu und hatte die Freude zu 
sehen, daß sie sich, lachend zwar und errötend, daran machte, 
den Schaden, so gut es gehen wollte, auszubessern. 
Was soll ich Ihnen noch viel erzählen, meine Herren? Ich 
höffe, Sie alle werden so viel Phantasie und eventuell auch 
Erfahrung genug besitzen, um sich ausmalen zu können, wie 
diese Situation von mir und meiner reizenden Partnerin gelöst 
wurde; jedenfalls möchte ich nur erwähnen, daß mir Leonie 
nach einer halben Stunde gestand, -die Ausbesserung meiner 
zerrissenen Hose gefiele ihr tausend Mal besser als die Lek 
türe ihres Buches, von der ich ihr im Laufe unserer Unter 
haltung gestand, daß ich sie dabei heimlich jüngst beobachtet 
hatte. 
Da wir aber der Überzeugung waren, daß noch längst nicht 
alle in dem Heu des alten Gartenhäuschens verborgenen 
Mäuse getötet seien, so beschlossen wir, noch recht oft uns 
dort zu treffen, um die bösen Tierchen möglichst bis auf den 
letzten Rest auszutilgen. 
est den 
’EBENSSPIEGEL ’ 
ist unterßahsam 
ist amüsant
        
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