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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

JaSrg. 27 
Nr. 2 
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großen Abschiedsradau, das stört nur die Stimmung!“ 
— „Beste, verehrteste Mama, du begleitest uns doch nach 
Hause, nimmst deinem Kind Kranz und Schleier ab. . 
„Denke gar nicht daran, lieber Erwin. Das Fest will 
ich genießen. Daheim meine Jungfer freut sich schon 
darauf und wird alles bestens erledigen. Na, spute dich 
nur, Kätchen sieht schon sehnsüchtig herüber.“ 
Erwin war empört! Wie gedankenlos diese Frau war! 
„Wenn ich dich aber inständig bitte, teuerste Mama? 
Ich meine, ein paar innige Abschiedsworte, einige 
wenige — wie soll ich mich nur ausdrücken — ich meine 
— ich bitte — einige vorbereitende, aufklärende Worte.“ 
Frau Bendler unterbrach ihn lachend. „Du bist un 
bezahlbar, du altmodischer Mecklenburger! Nee, mein 
Lieber, mache das nur alles alleine ab mit deiner jungen 
Frau. Du tust ja gerade, als solltest du sie aufs Schafott 
führen! Übrigens, mich hat auch niemand aufgeklärt 
und ich hab’s überlebt!“ 
Sie drehte Erwin den Rücken und nahm den Arm 
ihres Vetters. „Hermann, das Tanzen geht los. Da 
wollen wir gleich den Leuten zeigen, was für ’ne junge 
Schwiegermutter ich bin.“ 
Nun war das junge Ehepaar allein, endlich allein! Im 
Abteil hatten sie mit anderen gleichgültigen Menschen 
zusammengesessen, im Hotel hatten sie zwar ein nettes 
Tischchen für sich gehabt, aber um sie her war das 
Kommen und Gehen und das laute Reden der Gäste 
gewesen. Das alles hatte wieder auf Erwins Stimmung 
gedrückt, er hätte alles gern wärmer, weihevoller, dem 
hohen Tag entsprechender gehabt. Selbst daß die süße 
kleine Frau an seiner Seite fröhlich plauderte, lustige 
Bemerkungen über die Gäste machte, ja daß sie sich das 
leckere kleine Mahl, zu dem sie sich ganz energisch Sekt 
gewünscht hatte, richtig schmecken ließ, irritierte ihn. 
„Sie ist ein Kind, ein herziges, harmloses Kind“, dachte 
er und seufzte. „Wie schwer ist meine Aufgabe, sie zum 
Weibe umzuwandeln!“ Die Hochzeitsreise erschien ihm, 
dem Idealisten, in diesem Augenblick als eine Brutalität. 
Die helle Sommernacht schien durch die weit offenen 
Fenster des Schlafzimmers, in dem alles noch ohne Licht 
klar erkenntlich war. Die Betten nebeneinander, nur 
durch zwei Nachttische voneinander getrennt, behag 
liche Wohnmöbel und daneben ein geräumiges Bade 
zimmer. Die junge Frau betrachtete alles eingehend. 
Jetzt war der große Moment da. Erwin zog Kätchen 
an seine Brust. „Mein Liebling, mein einziges, süßes 
Glück, jetzt gehörst du mir, mir ganz allein!“ 
„Na, Schatz, ein klein wenig muß ich auch noch Papi 
und Mami gehören, das erlaubst du doch?“ Sie sah 
schelmisch zu ihm auf. 
Deine Augen sind Märchen, 
Deine Wimpern so lang, 
Deine Haare sind Träume, 
Musik Dein Gang. 
Deine Wimpern so schmal 
Und die Lippen so fest. 
„Ja, ja — gewiß — aber das meine ich gar nicht. Ich 
denke an — ach — Liebchen, mache es mir doch nicht 
so schwer. . .“ 
„Ja, Schatzi, was denn?“ Die kleine Frau sah ihn ganz 
betrofffen an. „Was soll ich dir denn nicht schwer 
machen? Sag’ mir doch, um was es sich handelt. So 
sprich doch! Ich tue dir wirklich alles gern zu Liebe, 
nur mußt du mir sagen, was es ist?“ 
Erwin räusperte sich nachdrücklich. Himmel, war es 
schwierig, solchem Unschuldslamm näher zu treten. 
Was sollte er ihr sagen? Er mußte sich sammeln, vor 
allem Geist gewinnen. 
„Süßes Herz, würdest du mir gestatten, eine Abend 
zigarre zu rauchen?“ 
Kätchen lachte hell auf. „Wenn’s weiter nichts ist? 
Rauche ungeniert, wann und so viel du willst. Das 
Rauchen bin ich von Papa gewöhnt.“ 
„Aber ich möchte nicht hier, nicht in unserem — hm 
— Schlafzimmer. Unten auf der Straße. . .“ 
„Gewiß, wenn’s dir lieber ist. Geh’ nur, mein Guter. 
Ich packe inzwischen meine Sachen aus.“ 
Ein lieber Kuß, die Tür schloß sich hinter ihm! Er atmete 
auf! Bedächtig wählte er die größte seiner Zigarren, er 
rauchte so langsam er konnte, er ging dann noch zwei 
mal die Straße auf und ab, aber alles nützte nichts, 
die Zeit raste dahin, er mußte nun doch wieder hinauf 
zu ihr. Zu einem Entschluß hatte er sich aber nun durch 
gerungen. Er mußte vorläufig entsagen! Zart, brüderlich 
wollte er sich ihr nähern, bis seine heiße Liebe ihr Ge 
fühlsleben zu eigener Wärme erwecken würde. Dann . . . 
Er klopfte. „Herein!“ rief ein süßes Stimmchen. Er 
öffnete und blieb verblüfft auf der Schwelle stehen. Die 
Gardinen waren fest zugezogen, die elektrischen Lichter 
der Krone leuchteten und aus einem der Betten flog ihm 
eine lichte Gestalt entgegen. War das sein Kätchen, 
dieses strahlende glühende Geschöpf in leichtem Battist- 
nachtkleid, das die nackten Arme um seinen Hals 
schlang und sich heiß an ihn schmiegte? 
„Du kalter Mensch, wo bleibst du denn so lange?“ 
Sie zog ihn zu ihrem Bett. 
„Hier sitze und habe mich lieb!“ Sie kauerte sich auf 
seinen Schoß und verbarg den Kopf an seiner Brust. 
Ein Rausch kam über den Mann, wie er ihn nie im 
Leben empfunden. Er bedeckte das holde Gesicht, den 
weißen Nacken mit heißen Küssen. 
„Hast du denn nicht gefühlt, wie ich mich nach dir 
sehne?“ flüsterte sie in sein Ohr. Dann zwischen Jubel, 
Lachen und Weinen; „Hab’ ich es dir nun schwer 
gemacht, Liebster? Sieh nur, die Betten hab’ ich ganz 
allein aneinandergerückt. Fühl’ doch, wie heiß mir dabei 
geworden ist und wie mein Herz klopft!“ 
Und so drängende Sehnsucht 
Das Herz Dir zerpreßt. 
Und alles vom Glanze 
Der Schönheit verklärt. 
Seit Du der Liebe 
Einlaß gewährt. e. b.
        
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