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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

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Nr. 14 
Jaßrg. 27 
llerdings, meine Herren“, rief der alte Ober 
forstrat Schirmer, der als Junggeselle, ob 
wohl er hoch in den Sechzigern stand, noch 
immer eine der Hauptstützen der Tafel- 
und Stammtischrunde des Städtchens war, 
„allerdings ist das so: aufpassen muß der 
Jäger bei der Jagd draußen im grünen Re 
vier so gut wie in der Liebe.“ 
„Wie meinen Sie das, Herr Oberforstrat?“ 
fragten verschiedene Stimmen jüngerer Be 
sucher des Stammtisches. 
„Na, sehr einfach“, entgegnete der alte Waidmann, „auf- 
passen muß man. wenn ein Stück Wild wechselt“, und zu den 
nicht forstmännischen Anwesenden gewendet, fuhr er fort: 
..man muß dauernd auf der Lauer liegen, jede Fährte ver 
folgen. den Gewohnheiten des Wildes, auf das man es abge 
sehen hat, nachspüren. Hernach hat man es um so leichter, 
will man seiner mit Sicherheit habhaft werden. Diese Er 
fahrung habe ich als Forstmann tausendmal gemacht, und als 
ich jung war, habe ich sie auch auf dem Gebiete der Liebe 
oft genug mit Erfolg angewandt“. 
„Herr Oberforstrat sollen ja ein ordentlicher Draufgänger, 
ein ganz gewaltiger Don Juan gewesen sein“, ließ sich jetzt 
ein netter, kleiner Forstreferendar vernehmen, „möchten Herr 
Oberforstrat uns nicht mal hier so ein Abenteuer von sich 
zum besten geben?“ 
„Sie sind zwar ein Frechdachs, Herr von Schlettstedt, aber 
wenn die Corona Lust hat, heute wäre ich gerade mal in der 
Laune, zu erzählen. Wer weiß, wie lange der alte Kasten hier 
noch durchhält, und es wäre vielleicht für manchen der An 
wesenden ganz lehrreich, sich über Dinge klar zu werden, die 
ich in meiner Jugend zu beobachten Gelegenheit hatte.“ 
„Ach ja, bitte, bitte, erzählen“, klang es dem Sprechenden 
aus dem Kreise der Stammtischgenossen entgegen. Da 
räusperte sich der alte Herr und begann: 
„Als Forstassessor verkehrte ich viel auf dem Gute des 
Barons von — sagen wir Xheim. Dort verstand man ganz 
vorzüglich, was gute Küche war, hatte einen reich assortierten 
Weinkeller mit den seltensten Marken und — was auch durch 
aus nicht zu verachten war, — die Töchter des Hauses, die 
beiden Baronessen Hertha und Vera, waren mit die 
hübschesten Mädchen unter den Töchtern der guten Gesell 
schaft im ganzen Kreise. Aber, wie das öfter so im Leben 
zu gehen pflegt, waren die beiden Baronessen auch der Haupt 
anziehungspunkt gewesen, um dessentwillen ich zuerst so 
eifrig in dem Xheimschen Hause verkehrte, so merkte ich 
doch bald, daß die beiden adelsstolzen Gänse nichts anderes 
im Kopfe hatten, als möglichst bald recht begüterte und alt 
adlige Herren zu heiraten. Und da ich keine der von ihnen 
so geschätzten Eigenschaften besaß, so wurde der Umgangs 
ton zwischen ihnen und mir immer kühler und förmlicher. Ich 
verkehrte nun'mehr auf dem Xheimschen Gute nur noch der 
kulinarischen Genüsse und der vorzüglichen Jagd wegen, die 
eine der interessantesten und abwechslungsreichsten der 
ganzen Gegend war. 
Das änderte sich mit einem Male, als ich im Sommer des 
dritten Jahres meines Verkehrs auf dem Xheimschen Gute 
dort eines Tages die entzückende Gräfin von D. traf, deren 
Bekanntschaft ich bereits zwei Winter vorher, als ich in der 
nahen Stadt mich dienstlich aufzuhalten gehabt, gemacht 
hatte. — 
Leonie von D. war eine der reizendsten, schlankgliederigen 
Blondinen, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Ihre 
Figur war biegsam wie eine Gerte und ihr bestimmt unge 
färbtes Haar von so hellem, seidigen Blond, daß es aussah 
wie gesponnenes Silber. Ich hatte Leonie schon damals in 
der Stadt sehr schüchtern, aber mit Nachdruck den Hof ge 
macht, ohne es allerdings weiter als bis zu einem freundlichen 
Blick aus ihren traumhaft schönen, blauen Augen gebracht 
zu haben. Als ich die bezaubernde Gräfin nun so ganz un 
vermutet hier auf Schloß Xheim wiedertraf, glaubte ich die 
Gelegenheit gekommen, den in der Stadt dereinst begonnenen 
Flirt mit allen Mitteln fortzusetzen. Allerdings blieben alle 
meine diesbezüglichen Bemühungen auch jetzt vollkommen er 
gebnislos. Das erschien mir um so verwundernswertcr, als 
sich Graf D„ der beneidete Gatte Leonies, bereits seit einigen 
Monaten, wie ich hörte, auf einer Weltreise befand. 
Da wollte cs der Zufall, daß ich der jungen Gräfin an einem 
wundervollen, allerdings recht warmen Nachmittage, in dem 
großen Park, der sich an das Schloß meiner Gastfreunde an 
schloß, begegnete. Oder vielmehr ich begegnete ihr nicht, 
sondern ich kam ihr sozusagen auf die Spur. Ich sah mein 
Wild „wechseln“ und wollte mir als guter Jägersmann 
natürlich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, dem edlen 
Wildpret naebzuspüren. Denn die Situation, in der ich auf 
ihre Spur geriet, war für sie so außerordentlich eigenartig, daß 
ich sogleich etwas besonderes dahinter witterte. 
Ich sah Leonie nämlich quer durch die Büsche des Parkes, 
wie sie auf den entlegensten Pfaden, seitwärts und fern von 
den Hauptwegen des Parkes wandelte. Dabei drehte sie sich 
von Zeit zu Zeit ängstlich um, als wolle sie sich vergewissern, 
daß auch kein Mensch ihr folgte. Sofort regte sich in mir 
eine namenlose Eifersucht, und es war mir klar, daß meine 
Angebetete nichts anderes im Sinne haben konnte, als sich 
hier in diesem abgelegenen Teil des Parkes mit einem Lieb 
haber, der glücklicher war als ich, ein Rendezvous zu geben. 
Ich pürschte mich nun ganz unbemerkt und leise an die 
Ahnungslose heran und folgte ihr, gedeckt durch das dichte 
Laubwerk des Parkes, bis an einen kleinen Pavillon, der in 
der verlassensten Ecke des Parkes stand und schon recht alt 
und verfallen aussah. Dort machte sie Halt, sah sich noch 
einmal scheu nach allen Seiten um und raffte dann ihre 
Röckchen empor, um ungehindert die fast halb mannshohen 
Kräuter durchschreiten zu können, welche vor der Eingangs 
tür, von keines Gärtners Hand gehindert, den Zugang zu 
dem Pavillon für jeden zu versperren schienen, der unbefugt 
oder aus Neugier seine Schritte hierher zu lenken wagte. 
Zu meiner eigenen Rechtfertigung muß ich hier einfügen, 
daß cs bei mir keineswegs schnöde Neugier oder noch etwas 
Häßlicheres war, weshalb ich Leonie auf ihren heimlichen 
Schleichwegen folgte. Nein, ich liebte sie wirklich und war 
entschlossen, den Kampf mit jedem aufzunehmen, der es 
wagen sollte, der angebeteten Frau zu nahe zu kommen, wo 
bei ich mir nicht einen Augenblick überlegte, daß, wenn 
Leonie wirklich hier in diesem abgelegenen Pavillon einem 
anderen Manne ein Rendezvous gab, dieser Andere doch von 
ihr geliebt sein müßte; denn Eine, die sich nur um der ver 
gnüglichen Sache willen einem Manne gibt, War Leonie keines 
wegs. Aber jeder von Ihüen wird mir zugeben, daß man nicht 
lange zu überlegen pflegt, wenn man 28 Jahre alt und bis über 
beide Ohren verliebt ist. 
Im übrigen war ich auch gerade im Begriff, mich diskret 
zurückzuziehen, als ich mir sagte; wenn du jetzt als unge 
ahnter Lauscher zusiehst, wie deine Schöne mit einem anderen 
zärtlich tut, dann wirst du sicherlich von deiner Leidenschaft 
radikal und mit einem Schlage geheilt werden. Also ich blieb, 
das heißt: ich faßte Posto an einer Stelle, von der aus ich 
durch ein kleines Oberlichtfenster das ganze Innere des 
Pavillons überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden. 
Ich gebe zu, meine Herren, daß das nicht gerade sehr ritterlich 
war, aber ich rufe als Entlastungszeugen alle diejenigen an, 
die aus Liebe einmal eine Sünde der Neugier begangen haben; 
ich glaube, ihre Zahl dürfte gleich unendlich sein. Von meiner 
unbelauschten Warte aus bemerkte ich .daß der alte Pavillon 
in seinem Innern ganz mit trockenem Heu angefüllt, das inan 
hier augenscheinlich aus Mangel an besserer Gelegenheit auf- 
hewahrte. Das Heu gab diesem ländlichen Boudoir eine 
natürliche Polsterung. 
Gräfin Leonie war allein; nachdem sie die alte Tür von 
innen verriegelt hatte, sah sie sich nach einer geeigneten Sitz 
gelegenheit um. Mir stockte unwillkürlich der Atem: denn es 
war mir doch nicht ganz wohl zumute bei der Idee, hier eine 
Szene mitansehen zu sollen, deren Hauptdarsteller^ bereits 
anwesend war und nur auf den notwendigen Partner zu warten 
schien. Allerdings wurde ich stutzig durch die Sorgfalt, mit 
der Leonie die Tür von innen verriegelt hatte; danach schien 
es wiederum nicht den Anschein zu haben, als ob meine Schöne 
noch jemanden erwartete. 
Als das reizende Frauchen einen Platz gefunden zu haben 
schien, der ihr augenscheinlich konveniertc, zog sie aus einer 
verborgenen Tasche ihres Kleides ein Buch, in dem sie sogleich
        
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