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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Jafirg. 2/ 
Nr. 14 
DIE SCHULE DER- LIEBE 
E*I,OR,lCEl4 
iese Geschichte mag unglaublich klingen — 
es ist auch möglich, daß sie als eine recht 
unmoralische Begebenheit ausgelegt wird: 
ich kann gegenüber solchen Wirkungen nur 
ihre Wahrhaftigkeit geltend machen. Es 
kommt eben nun darauf an, ob man dem 
Leben sein Recht lassen will. ... 
Hören Sie also zu. Herr Rosmarino, ein reicher Geld 
händler und kluger Börsenmann, hatte sich nach dem Ver 
lust seiner Gattin auf seine Besitzung am Luganer See zu 
rückgezogen, Signor Rosmarino war ein kräftiger, wohl 
genährter Mann von fast vierzig Jahren und litt begreiflicher 
weise sehr bald unter dem Mangel einer Bettgenossin. (Man 
sollte sich über diese Dinge immer klar Rechenschaft geben, 
dann gäbe es weniger Heuchelei und Laster in der Welt.) In 
Mailand, in Genua, in Venedig hätte er sich helfen können, 
ohne sich —■ wozu er keine Neigung verspürte — wieder in 
das Joch der Ehe zu begeben. In dem kleinen, bigotten Ort 
seiner Besitzung war das unmöglich. 
Nun kennt Jeder Besucher dieser schönen Gegenden die 
angenehmen Weinkeller, Grotto genannt, die an Uferwegen 
und in der Bergeinsamkeit dem Wanderer Erfrischungen 
bieten. Asti spurnanti — ist der beliebte Schaumwein dieser 
Kellereien. Eine solche wurde in der Nähe des Landsitzes 
Rosmarinos von einer Frau bewirtschaftet, die als Sängerin 
ebenso bekannt war wie als Köchin und Weinschenkin. Eine 
noch in reiferen Jahren charmante Erscheinung, die sich auf 
die Männer verstand. Ihr dritter Ehegatte war Girolamo, ein 
rassiger Italiener. Emilia gewährte seinen Hauptlastern, dem 
Trünke und der Faulheit, breitesten Spielraum. Dafür wider 
sprach er ihr nie. Die Rechte des Ehemannes allerdings 
machte er in vollem Maße geltend und kannte darin keinerlei 
Kompromisse. 
Um es kurz zu sagen: Signor Rosmarino brannte darauf 
Emilia zu besitzen, sah aber bisher keine Möglichkeit, zu 
seinem Ziele zu kommen. Endlich gelang es ihm, ihr seine 
Wünsche begreiflich zu machen. Die hübsche, dralle Frau 
Girolamos, der der neue, reiche Liebhaber wohlgefiel, gab 
ihm jedoch zu verstehen, daß sie beim besten Willen der 
gleichen nicht wagen könnte, denn ihr Gemahl begleite sie auf 
allen Wegen. Er fürchte die Rachsucht der Nachbarwirte im 
Ort, denen Emilias Liebenswürdigkeit die Gäste wegfing. 
Da kam nun eines Nachmittags Herr Rosmarino mit seinen 
beiden Jungen Töchtern auf ein Glas Wein in den Keller. 
Die beiden Mädchen, die die Einsamkeit zu Beginn ihres 
mannbaren Alters von einer Laune in die andere trieb, fanden 
so viel Gefallen an der Idylle, daß sie auf den Gedanken ver 
fielen, sich hier auf einige Zeit einzuquartieren. Herr Ros 
marino, den seine Not, die Einsamkeit seines Bettes, nach 
gerade zur Verzweiflung trieb, kam da plötzlich auf einen 
erstaunlichen Ausweg. Er schlug den Wirtsleuten vor, die 
beiden Mädchen auf eine Woche ins Quartier zu nehmen. 
Emilia sah ihn groß an und willigte ein. 
„Girolamo“, sagte darauf Clarice, die Ältere der Schwestern, 
„Sie zeigen uns wohl gleich das Zimmer?“ Und Herr Ros 
marino nahm den Gatten Emilias bei Seite: „Sie, mein Freund, 
bürgen mir für die beiden. Es sind unerfahrene Kinder, und 
Ihr Haus ist ein belebtes Gasthaus. Sie verstehen mich?“ . , 
Girolamo antwortete: „Der Herr soll mit uns zufrieden sein, 
wir werden den gnädigen Herrn nicht übervorteilen.“ .. , . 
„Gut, gut, Girolamo. Es soll mir auf ein paar Lire nicht an 
kommen, wenn Sie selbst die Kinder dauernd und gewissen 
haft bewachen.“ 
Girolamo nickte und stieg den beiden Mädchen voran ins 
Oberstock. Unten verabredete der verliebte Vater mit Emilia 
ein Stelldichein, zu dem Girolamo sie ja nun nicht begleiten 
konnte. 
Als der Tag der Ausführung dieses Planes gekommen war, 
benutzte Emilia das Dampfboot, das seinen Kurs nach Lugano 
nahm, wo sie dringende Einkäufe vorschützte. Eine Base sei 
dort plötzlich angekommen und biete Wäsche und Tuch zu 
unerhört günstigen Preisen feil. Sie — Emilia — solle bei ihr 
übernachten. Girolamo zwinkerte zwar etwas mit den Augen, 
aber er ließ sie hinfahren und blieb bei den beiden Schütz 
lingen zurück. Zu dritt standen sie auf dem schmalen Balkon 
des Oberstocks und winkten dem Schiff nach, das von der 
Landungsbrücke unten auf dem dunkeldrünen See in die 
strahlende Morgensonne hinausdampfte. Emilia winkte noch 
lange mit ihrem gebräunten Arm und ihre weißen Zähne 
blitzten im lachenden Munde. Ihr gelbes Kleid flatterte wie 
eine Flagge im Winde. 
Girolamo betrachtete zurückgelehnt seine beiden Schütz 
linge. Clarice war die größere, obgleich sie der Schwester 
nur um ein Jahr voraus war. Sie schien katzenhaft biegsam 
und von weißer Hautfarbe. Ihr dunkles Haar wuchtete schwer 
um die Schläfen. Der Knoten lastete lässig auf der süßen 
Halslinie. Sie duftete mädchenhaft herb und ihre Bewegungen 
waren lockend genug. Sie wandte Jetzt, auf das Gitter ge 
lehnt, den Kopf und ihre vollen Lippen lachten Girolamo an. 
Dann neigte sie den Kopf tief auf die Brust und sog begierig 
die Morgenluft ein. Anders gab sich Anita, die jüngere, 
kleinere. Sie schien ganz Kind mit ihren kurzen, schwarzen 
Locken, die den runden, braunen Hals freiließen. Ihre großen, 
dunkelblauen Augen tranken das Bild des steigenden Tages 
und schienen nachdenklich dem Schiff zu folgen. Schließlich 
rieb sie, noch schläfrig, die Stirn an Clarices Schulter. Ihr 
Kleid — sie trugen beide hauchdünne, weiße Gewänder — 
reichte knapp bis zu den Knieen der hübschen, festen Beine. 
Die Geschwister mochten sechzehn und siebzehn Jahre alt 
sein. . . . 
Am Nachmittag lagen die beiden Mädchen wieder auf ihren 
Betten, vor der Hitze flüchtend. Unten im Garten der Wirt 
schaft schwatzten die Gäste. Clarice trat, halb bekleidet, zu
        
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