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Full text: Berliner Leben Issue 27.1924

Nr. 14 
Johrg. 27 
Ihre Hand mit Jakobs Ring lag auf der Brüstung, 
„Sehen Sie“, sagte er zufrieden, „Sie mußten ihn einfach 
nehmen.“ 
„Ja . . . “ sagte sie. 
Sie sahen sich an. Sie fühlten plötzlich beide eine be 
klemmende Schwäche. 
„Ich liebe Sie“, sagte Jakob. 
Er nahm ihre Hand, küßte sie und ging wieder hinaus. 
... Sie denkt nur an mich . . .dachte er . . . und ich denke 
nur an sie. Wir sehen, hören, fühlen nichts anderes . . . 
„Guten Tag“, sagte er zu einem Bekannten. Es klingelte. 
Als er wieder auf seinem Platz stand, sah er nach der Loge. 
Cornelia war fort. Es wurde dunkel. 
„Lassen Sie mich vorbei!“ sagte er heiser. Er zwängte sich 
durch die Reibe zurück. Die Leute murrten. Der Vorhang 
ging auf. Jakob warf die Foyertür zu. 
. . . Nun habe ich sie zum zweitenmal verloren . . . 
Er trug seinen Hut in der Hand und schlich durch dunkle 
Straßen. 
. . . Ich begreife nicht, daß sie geflohen ist. Ich liebe sie 
doch. Sie ist so keusch. . . Sie kann doch noch nicht weit 
gewesen sein ... ich will zurück . . . 
Er kehrte um nach dem Theater. Er rannte fast. Der Sturm 
wuchtete ihm entgegen. Er war feucht und heiß vor An 
strengung. 
Vor dem Theater warteten Leute auf den Schluß der Vor 
stellung. Er musterte sie. Es waren Fremde, Vor Ungeduld 
und Wut stöhnte er. 
Er umkreiste das Theater. 
An einer dunklen Gasse stand eine Dame unter einer trüben 
Laterne. Er ging auf sie zu. 
„Ja, da sind Sie“, sagte er. „Das ist vernünftig.“ 
Cornelia war bleich. Sie zitterte vor Aufregung, Sie sah ihn 
scheu an. 
„Ich schäme mich!“ sagte sie trotzig. 
„Ach, das ist dumm“ sagte er Plötzlich packte er ihre 
Hände und küßte sie. „Du . . . du . . . Liebste! Du, ich liebe 
dich so sehr. Ich kann gar nicht anders, als dich lieben. Das 
mußt du doch wissen.“ 
„Ja“, sagte sie. 
„Jetzt, bitte, komm,’ zu mir, ich will dir et-svas zeigen.“ 
„Ach“, sagte sie bebend. „Ich , . . ich muß nach Hause. 
Mein . . . mein Mann . . . “ 
Er sah so erstaunt aus, daß sie den Kopf senkte. 
„Das ist sehr seltsam“, sagte er. Er bedachte sich einen 
Augenblick. „Nein, das ist gleich. Ich muß dir das Vogel 
nest zeigen. Siehst du, ich habe es vorgestern im Walde ge 
funden. Ich lag am See. Er war ganz wild vom Sturm. Da 
stand ein Brombeerstrauch mit überreifen Beeren. Und in dem 
Strauch fand ich das Nest, Es war leer. Das war so traurig 
. . . dieses süße, kleine, verlassene Nest. Ich nahm es mit 
in die Stadt. Siehst du, ich habe ein kleines Rotkehlchen zu 
Hause. Dem gab ich das Nest in den Käfig. Aber es hatte 
Angst davor. Es verkroch sich vor dem fremden Nest . . . 
Da , . , da habe ich das Los hineingetan . . . das ich dir 
schenken wollte . . . und habe es in einen Busch Heidekraut 
gesteht, der auf meinem Schreibtisch -steht ... du mußt es 
sehen.“ 
Sic sah ratlos aus. 
„Es dauert ja nicht lange ..." 
Sie sah zu ihm auf. 
„Ja“, sagte sie. 
Er winkte -einem W'agcn. 
* * 
A 
„Siehst du“, sagte er leise. „Das ist es.“ 
Sie sah- nicht nach dem Vogelnest. Sic starrte vor sich hin. 
Sie schwankte ein wenig. 
„Da, nimm es“, bat er. Er hielt es ihr hin. 
„Danke“, sagte sie. Sie steckte das Vogelnest mit dem Los 
behutsam in ihre große, schwarze, silbergestickte Tasche. 
Sie standen sich gegenüber. Er hielt -den Hut in der Hand. 
„Liebste", sagte er ganz leise und traurig. 
Cornelia weinte jäh auf. Sie weinte so hilflos wie ein er 
schrecktes Kind, 
„Bitte ... du mußt nicht weinen“, sagte er. „Liebste, Kinder 
weinen so schmerzlich. Weine nicht. Komm. W'ir wollen 
gehen. Ich setze dich in einen Wagen und du fährst nach 
Hause,“ 
Cornelia warf die Arme um seinen Hals. 
„Und wir sehen uns nie mehr!“ schluchzte sic. 
„Nein“, sagte Jakob. „Nun gehst du zum drittenmal. Nun“ 
Er streichelte sie. Sic hörte auf zu weinen. Sie sah ihn 
stumm, aufgewühlt, hingegeben an. 
„Whe gut du bist. . , Wie gut ..." sagte sie. 
Er strich über ihre Hand. 
„Komm“, sagte er müde. 
Sic gingen. 
Der Rauher 
Plantikow 
10
        
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